Das Ehepaar Ruoff sorgt vor: Wenn es hart auf hart kommt, ziehen sie in den Neubau vor dem eigenen Haus ein. Foto: Werner Kuhnle

Wohnen im Alter – für viele ein Thema. Das Ehepaar Ruoff in Erdmannhausen (Kreis Ludwigsburg) schafft mit einem barrierefreien Neubau beim eigenen Haus Fakten.

Ein Kran steht bereits vor dem Haus der Ruoffs in Erdmannhausen. Jürgen Ruoff hat ihn wegen einer Dachsanierung bestellt, „eine größere Sache“, wie er beiläufig bemerkt. In der Hand hält der Bauingenieur jedoch den Plan für ein zweites Projekt, das bald beginnen soll. „Ich betrachte es rational“, sagt er, aber ein Haus zu bauen für den letzten Lebensabschnitt, direkt neben dem eigenen Wohnhaus – das ist auch für den Experten etwas Besonderes, verdrängen doch viele das Problem, im Alter auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.

 

Der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum hat überall zugenommen. Die Ruoffs sind nicht die einzigen, die daran denken, sich möglichst auf einer Ebene zu bewegen. „Ich hatte zwei Hüft-OPs – da habe ich gemerkt, wie lange es jetzt schon dauert, die Treppe hochzukommen: Wie wird es erst mit 80 sein?“, erzählt der 66-Jährige, der als junger Mann im Verein kickte und später in Marbach und Backnang Frauenfußball-Teams trainierte. Das schöne Bauernhaus seiner Vorfahren hat der Bauliebhaber in Schuss gehalten, aber es ist viel zu verwinkelt und uneben, um dort etwa mit einem Rollstuhl klarzukommen.

Kriterien für barrierefreies Wohnen Foto: StZN/Yann Lange

Aber muss es gleich ein Neubau sein? Für den Ingenieur eine Option, seit er das Nachbarhaus umbaute, damit seine Mutter dort gepflegt werden konnte. „Wir mussten vor allem einiges ins Bad investieren.“ Der Umbau ist nun der Ausgangspunkt für ein neues Gebäude, das der ehemalige Leiter des Verbandsbauamtes Großbottwar mithilfe des Marbacher Architekten Jürgen Aldinger direkt an das alte Wohnhaus anfügt. Die Pointe dabei: Im Anbau ist ein Aufzug, mit dem die beiden Senioren vom Fußweg vor ihrem bisherigen Haus direkt in die höher gelegene Wohnung gelangen. „Es ist ein ebener Raum, der sich über beide Gebäude erstreckt.“

Mit dem Plan konnte sich Monika Lesny-Ruoff von Anfang an anfreunden. Beruflich hat die Sonderpädagogin regelmäßig mit Blinden und Sehbehinderten zu tun – sie kennt sich mit Barrierefreiheit aus. „Man muss auf sehr viele Details achten“, sagt sie und erwähnt eine minimale Kante, über die kürzlich eine Frau in einem Haus gestolpert sei und sich dabei schwer verletzt habe. Nützliche Tipps zu sammeln und sich gut beraten zu lassen: Dazu rate sie jedem, der sich in den eigenen vier Wänden barrierefrei einrichten wolle.

Türen seien oft zu schmal, um mit einem Rollstuhl hindurchzukommen, erklären die Ruoffs. Statt 80 müsse man mindestens mit 90 Zentimetern Breite kalkulieren. Und im Bad brauche man Platz zum Rangieren. „Die AOK hat den Umbau bei der Oma bezahlt“, sagt Monika Lesny-Ruoff. Es lohne sich zudem, die Möglichkeiten staatlicher Fördertöpfe auszuloten. Die KfW-Bank biete eigens dafür besondere Konditionen, das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) nehme Förderanträge für selbst genutzte Wohnungen an.

Barrierefrei können auch andere Mieter in dem Anbau wohnen

Die Barrierefreiheit schaffen die Ruoffs aber nicht nur für sich – auch andere Personen im Haus können von dem Konzept mit dem Aufzug profitieren. Unter der eigenen Wohnung entstehen noch drei weitere, und auf einem Carport eine vierte, alle haben eine Fläche von 40 Quadratmetern. „Jede Wohnung kann autark sein“, sagt Jürgen Ruoff, der an alleinstehende ältere Menschen denkt, aber auch an Wochenendfahrer oder Singles, die in keine WG wollen.

Der Anbau schweißt das Ehepaar auch mit den drei inzwischen erwachsenen Kindern enger zusammen. Jedes von ihnen erhält eine der Wohnungen als Eigentum – alle beteiligen sich im Gegenzug an der Finanzierung. Den Nachwuchs nicht an Versprechen zu binden, ist den Eltern wichtig: „Die Kinder sollen uns nicht pflegen müssen“, sagt Monika Lesny-Ruoff. Der Zugang zur Wohnung ermögliche ambulante Hilfe. Ein Arbeitszimmer im Dachgeschoss des Altbaus könne zum Wohnraum einer Pflegekraft umgewidmet werden.

Wie weit das Ehepaar denkt, wird deutlich, als Jürgen Ruoff auf eine Tür im Bauplan zeigt: „Durch diese Tür kommt man vom einen Teil zum anderen in unserer Wohnung.“ Warum diese Abtrennung? Der Erdmannhäuser zögert keine Sekunde, als er die Antwort gibt: „Sollte einer von uns beiden sterben, braucht der andere nicht mehr so viel Wohnraum.“ Das Ziel sei, bis zuletzt in Erdmannhausen zu bleiben. Einen alten Baum verpflanze man nicht mehr, „aber man kann ihn ein bisschen verschieben“, sagt Ruoff und schmunzelt.

Möglichst viele Jahre möchte das Paar aber noch im eigenen Bauernhaus verbringen. Der Neubau ermögliche ihnen, auf lange Sicht den eigenen Garten zu hegen und zu pflegen. „Wir lieben es, ein bisschen rumzugrubeln“, erzählt Monika Lesny-Ruoff, die noch zwei Jahre bis zu ihrer Pensionierung im Schulseminar in Stuttgart arbeiten möchte. Allen, die sich mit dem Umbau für eine barrierefreie Wohnung beschäftigen, gibt sie den Tipp, sich rechtzeitig um Fördermittel zu bemühen. „Die Anträge müssen vor Baubeginn gestellt sein.“ Ihr Mann erwähnt die DIN-Norm 18040: „Da steht eigentlich alles drin – wenn du dich an die hältst, kannst du eigentlich nichts falsch machen.“