Heidi Hesse hat im Sommer auf das Hindernis an Stadtbahnen aufmerksam gemacht: Der Einstieg ist bei vielen Haltestellen zu hoch für E-Rollis. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

So vielfältig wie Behinderungen sind, so vielfältig ist auch das Tableau der Hilfsmittel. Stuttgarts Haltestellen für Busse und Stadtbahnen sind in den wenigsten Fällen mit allem gerüstet.

Stuttgart - Die gute Nachricht vorweg: 201 von 204 Stadtbahnhaltestellen haben Rampen und Aufzüge und sind somit wenigstens teilweise barrierefrei. Das belegte Thomas Hachenberger, Geschäftsführer des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS), im Beirat für Menschen mit Behinderung. Per Gesetz muss der Nahverkehr von 2022 an barrierefrei sein, doch Aufzüge und Rampen sind nur ein Teil des Problems.

Bei etlichen Haltestellen sind die Niveauunterschiede zwischen Bahnsteig und Stadtbahn mit mehr als zehn Zentimetern ein Hindernis für E-Rollstuhlfahrer. „Die Berliner Verkehrsbetriebe würden uns zwei ihrer Kunststofframpen leihen. Sollten wir diese nicht mal testen?“, schlägt Grünen-Stadtrat Marco Rastetter vor. Seine Fraktion wolle bei der Verwaltung beantragen, das Berliner Modell auszuprobieren. Dabei handelt es sich um Rampen, die an Haltestellen deponiert sind und vom Stadtbahnfahrer angelegt werden müssen. „Das dauert auch nicht länger als ein Einstieg mit einem E-Rolli bei zu hohem Absatz.“ Die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) hatte zuletzt eine Rampe präsentiert, die allerdings in die Bahnsteige eingebaut werden müsste.

Feste oder flexible Rampe?

Wer nur eingeschränkt sieht oder blind ist, braucht taktile Hilfen, um sich zurechtzufinden, doch nur gut die Hälfte der Bahnsteige sind mit Blindenleitlinien ausgestattet oder haben ein so genanntes Aufmerksamkeitsfeld (zum Beispiel Bodenplatten mit Noppen). Unter den Stationen, denen taktile Ausstattung fehlt, befindet sich ausgerechnet die Klett-Passage, wie Beiratsmitglied Thomas Stetter moniert. Dieses Problem soll im Zuge des Stuttgart-21-Projekts gelöst werden: „Die Klett-Passage wird komplett erneuert“, sagt Thomas Hachenberger.

Info auf Abruf noch kein Standard

„Wie kann ich als Gehörloser jemanden kontaktieren oder ein Taxi rufen, wenn ich nachts an einer Haltestelle ankomme?“, fragte Cuma Ak, Beiratsmitglied und taubblind. Fehlende Ansagen auch an den oberirdischen Haltestellen monieren die Beiräte, ferner seien Informationen zu Anschlüssen und zur räumlichen Orientierung nur wenigen Haltestellen auf Knopfdruck abrufbar. Stadtrat Christoph Ozasek (Die Fraktion) regt die flächendeckende Installation solcher Info-Säulen an.

Die VVS wollen, so Hachenberger, den Anregungen nachgehen, Fahrgastansagen an oberirdischen Haltestellen hält er jedoch nicht für durchsetzbar: „Die sind oft schwer verständlich, und die Leute wollen nicht ständig den Ansagen ausgesetzt sein.“ Andere Schwachstellen werden Schritt für Schritt behoben: Mit der nächsten Fahrzeuggeneration beispielsweise soll das barrierefreie Ein- und Aussteigen an der Zahnradbahn möglich sein. Außerdem sollen bei fälligen Umbauten oder Sanierungen die Hochbahnsteige mit Leitlinien nachgerüstet werden.

Bushaltestellen brauchen Nachrüstung

Moniert wurden im Beirat außerdem die Schwierigkeiten beim Ein- und Ausstieg aus Bussen. Der oftmals zu große Abstand zwischen Bussen und Bordsteinen könnte kleiner werden, wenn die neue Bus-Generation zum Einsatz komme: Sie soll den Fahrer beim Anfahren technisch unterstützen. Von baulichen Veränderungen der Bordsteine abhängig ist hingegen die Aus- und Einstiegshöhe: Diese ist bei mehr als der Hälfte der Bushaltestellen noch zu hoch. Stadt, VVS und SSB haben also noch viel zu tun, um 2022 einen barrierefreien ÖPNV vorzeigen zu können.

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