Keine Angst, er will nur spielen: Björn Bürger Foto: Matthias Baus/Baus

An der Staatsoper Stuttgart hat er schon Papageno und Posa, Mozarts Almaviva und Don Giovanni und den Falke in Strauß’ „Fledermaus“ gesungen. Ab dem 30. Oktober kann man den quirligen Bariton Björn Bürger hier in Donizettis „L’elisir d’amore“ erleben.

Dieser Mann ist nicht zu stoppen. Nach der Orchesterprobe war Björn Bürger schon nach Hause gestürmt, ohne an das vereinbarte Interview zu denken, stürmte nach dem Anruf des Pressesprechers dann zurück, stürmt ins Foyer der Oper („Das tut mir wirklich schrecklich leid!“), redet stürmisch, schnell, viel, gerne – und dann schweigt er plötzlich doch. Was er denn so macht, wenn er gerade weder singt noch sich um seine drei Kinder kümmert? Stille. Hmmm . . .

 

„Das ist so lange her“, sagt der 37-Jährige dann. Lange her ist für ihn die Zeit, bevor sein Sohn Gustav zur Welt kam, der übrigens Wert darauf legt, nicht erst dreieinhalb, sondern schon dreidreiviertel Jahre alt zu sein. Zwillinge folgten dem Erstgeborenen nach, und man kann sich gut vorstellen, wie lebendig es da zuhause zugeht. Zumal nicht nur Björn Bürger Sänger ist, sondern auch seine Frau: Esther Dierkes, die den Stuttgarter Opernbesuchern spätestens seit ihrer hinreißenden Verkörperung von Dvoráks Wassernixe Rusalka ein Begriff ist, war schon vor ihrem Mann Ensemblemitglied in Stuttgart. Als Bürger 2019 nachkam, war das eine heiß ersehnte Familienzusammenführung, und so wechseln jetzt beide, unterstützt von Babysittern, hin und her zwischen dem Trubel im Opernhaus und dem daheim, der zumindest dann entsteht, wenn der Älteste mal zu Musik den Taktstock-Maestro gibt und seine kleinen Geschwister dirigiert. Da hat einer offenbar nicht nur Lust an Klängen, sondern auch Talent zur Macht.

Paraderolle: Mozarts Papageno

Der Bariton war gerne in Frankfurt. In der Nähe dieser Stadt ist er aufgewachsen, an der Frankfurter Musikhochschule hat er (bei Hedwig Fassbaender) studiert, an der Oper Frankfurt sein erstes festes Engagement angetreten – mit dem Papageno aus Mozarts „Zauberflöte“, einer seiner Paraderollen. Björn Bürger spielt doch so gerne. Schon als Kind wollte er auf die Bühne, damals noch als Schauspieler. Opern-Langspielplatten wurden im Elternhaus aber auch aufgelegt. Und Klavierunterricht hat er genommen. Als sein Klavierlehrer mit ihm ein Rio-Reiser-Programm erarbeitete, gefiel ihm die Stimme seines Schülers so gut, dass er ihm dringend empfahl, doch auch Gesangsstunden zu nehmen.

So fand der Bühnenmensch zum Musiktheater. Schon während seines Studiums ist er an der Oper in Genf eingesprungen – in einer Inszenierung von Christof Loy, dem er sich bis heute verbunden fühlt. Spätestens durch seine Verkörperung des Georg in der Frankfurter Uraufführung von Arnulf Herrmanns Oper „Der Mieter“ im Jahr 2017 wurde Björn Bürger international bekannt, und die Stuttgarter Oper gibt ihm die Freiheit, auch weiterhin auf großen Bühnen zu gastieren.

Donizetti-Oper als Dystopie

Seine Lieblingspartien? Debussys Pelléas! Und Brittens Billy Budd. Außerdem Rossinis Barbier, Almaviva, Papageno. Das Repertoire des Baritons ist breit, es beginnt bei Barockmusik (so gerne sänge er mal wieder Händel!), endet bei Zeitgenössischem. An diesem Sonntag hat „L’elisir d’amore“ („Der Liebestrank“) Premiere an der Stuttgarter Oper; Bürger gibt den Belcore, der in Anika Rutkofskys Inszenierung Anführer einer paramilitärischen Schlägertruppe ist. Er ist ein Eindringling in einer dystopischen Welt. Einer Welt unter Glas: Die Menschen leben in Gewächshäusern, weil draußen nichts mehr gedeiht, und wer von außen kommt, gilt als ebenso gefährlich wie jemand, der sich nach einer romantischen Liebesbeziehung sehnt.

Björn Bürger schwärmt vom Dirigenten Michele Spotti, der den Sängerinnen und Sängern viel Freiraum lasse. Gustav wird ihn bestimmt gut beobachten, wenn er zu einer der nächsten Proben mitkommt. Der Dreidreivierteljährige geht tatsächlich lieber ins Opernhaus als auf den Spielplatz. Als er neulich nach dem ersten Akt von Wagners „Siegfried“ (eineinhalb Stunden mit endlosen Frage- und Antwort-Dialogen, bei denen, wenn’s nicht die Stuttgarter Inszenierung ist, sonst gerne erwachsene Zuschauer einschlafen) nach Hause und ins Bett sollte, hat er wild protestiert. Am Ende ist Björn Bürger übrigens noch eingefallen, was er machen würde, wenn sein Leben nicht gerade auf den (beglückenden!) Wechsel zwischen Oper und quirliger Familie beschränkt wäre: Dann würde er in den Bergen wandern. Oder kochen. In Ruhe. Mit seiner Frau. Vielleicht würden beide dabei sogar zusammen singen. Und davon träumen, dies einmal auch gemeinsam im Stuttgarter Opernhaus zu tun. Zum Beispiel als Eva und Beckmesser in Wagners „Meistersingern“. Immerhin stehen sie demnächst bei der Hugo-Wolf-Akademie als Liedsänger zusammen auf der Bühne. „Szenen einer Ehe“ soll der Abend heißen. Passt!

Szenen einer Ehe im Lied

„L’elisir d’amore“ in Stuttgart

Premiere
Donizettis Oper hat an diesem Sonntag (30. Oktober) um 18 Uhr Premiere an der Staatsoper. Dirigent: Michele Spotti, Regie: Anika Rutkofsky. Mit Claudia Muschio (Adina), Kai Kluge (Nemorino), Giulio Mastrototaro (Dulcamara), Björn Bürger (Belcore) u. a.

Karten
unter Tel. 07 11 / 20 20 90 und unter www.staatsoper-stuttgart.de