Bandporträt: Human Abfall Das andere Stuttgart donnert

Von Thomas Morawitzky 

Flávio Bacon mit Human Abfall beim Auftritt bei Second Hand Records Foto: Karl-Heinz Stille
Flávio Bacon mit Human Abfall beim Auftritt bei Second Hand Records Foto: Karl-Heinz Stille

So klingt die neue Stuttgarter Schule: Die Band Human Abfall ist der Entdeckungen des Jahres 2014. An diesem Freitag tritt sie im Merlin beim Pop-Freaks-Festival auf.

Stuttgart - Obwohl die Stuttgarter Band Human Abfall längst überall in Deutschland unterwegs ist, kehrt sie immer wieder zu Second Hands Records zurück. Schon zweimal hat die Band dort ihr Equipment ausgepackt und im kleinen Schallplattenladen gewaltig subversiven Lärm veranstaltet. Das erste Mal, als der Stuttgart-Sampler „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ veröffentlicht wurde, das zweite Mal kurz vor Weihnachten 2014.

In dem knappen Jahr, das zwischen beiden Konzerten lag, hat sich viel getan für die Band: Human Abfall wurden von der überregionalen Szene entdeckt und gefeiert. Der neue Sound aus dem Süden, bitter, herausfordernd und mit einem Hauch von Avantgarde, scheint einen Nerv der Zeit zu treffen – manche sprechen deshalb schon von einer „neuen Stuttgarter Schule“.

Das Neue meint hier aber auch zugleich das gute Alte: Wenn Human Abfall auftreten, Sänger Flávio Bacon starr ins Publikum blickt und in wütender Hysterie seine Texte hinausschreit, schichtet sich hinter ihm eine Wand aus brutal-psychedelischem Klang auf, stampfen grelle Gitarren schneidend durch Hallräume und der Bass schlägt in den Magen: Katharsis – oder auch: Post-Punk.

Flávio Bacon ist es, der Human Abfall erdachte. Er lebt seit rund zehn Jahren in der Stadt, gründete die Band 2011, hat einen Brotberuf in der ansässigen Industrie. Bacon studierte Medientheorie und Sozialarbeit in Stuttgart, kam während seines Studiums auch mit Philosophie und Soziologie in Berührung, bezieht sich nun gerne auf Adorno, die Frankfurter Schule, die negative Dialektik. Und so will er den Auftritt seiner Band auch verstanden wissen: Als dialektisches Gegenbild zum sauberen Bild einer Stadt, in der er, trotz allem, doch gerne lebt.

„Ich habe zuvor niemals wirklich Musik gemacht“, sagt Bacon. Begonnen hat er damit dann aber doch, weil er die Stuttgarter Szene, in textlicher und musikalischer Hinsicht, ganz unbefriedigend fand. „Natürlich gibt es sehr viel gute Tanzmusik in der Stadt, elektronische Musik und Hip-Hop“, sagt er, aber keine Musik, die Fragen stellt, keine Musik, die die Diskussion um das Leben in der Stadt aufrechterhält, voranbringt.

Mit Human Abfall verwirklicht er zielbewusst seine eigenen musikalischen Vorstellungen: „Ich habe diese Band zusammenre­krutiert“, sagt er, „und gezielt nach jungen Musikern gesucht.“ Ringo Stelzel und JFR Moon, der seinen bürgerlichen Namen nicht verraten will, spielen die Gitarren, Bronco alias Pavel Schwarz sitzt am Schlagzeug und bedient Effektgeräte, Flávio Bacon selbst tritt auf als „Agitator“. Alle Musiker, die in der Band spielen, arbeiten, als Barkeeper, Discjockeys, einer studiert Kunst.

Um Human Abfall herum ist längst eine Szene entstanden, Bands, die sich auf dem Stuttgarter Heimat-Sampler finden, Bands, die alle an die musikalischen Experimente und inhaltlichen Provokationen der frühen 1980er Jahre anknüpfen – da stehen Krautrock-Legenden wie Neu! oder Can Pate, hört man von Ferne Joy Division oder die ersten Alben von John Lydons Public Image Ltd. widerhallen.

Zwei Singles haben Human Abfall eingespielt, dann ein Album, das „Tanztee von unten“ heißt und der Band viel Aufmerksamkeit bescherte. „Geändert hat sich seither vor allem unsere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit“, sagt Bacon. „Zu unseren Konzerten kommen einfach mehr Leute. Wir müssen keine Angst mehr davor haben, an einem Montag oder Dienstag außerhalb Stuttgarts zu spielen.“ Der Erfolg habe ihn selbst überrascht: „Das hätte auch eine Platte sein können, die sich nur fünf Leute in den Schrank stellen“, sagt er.

So kam es nicht, und ein neues Album wird es wahrscheinlich noch 2015 geben – auf ihm werden sich Human Abfall kaum neu erfinden, der zeitliche Abstand zum Debüt wäre dafür noch zu kurz. Wenn die Band am Freitag im Merlin auftritt, wird sie, verspricht Bacon, drei Stücke ihres neuen Albums im Repertoire haben: „Sie haben noch Arbeitstitel, aber wir haben sie letzten Freitag in Berlin auch schon gespielt.“

Die Bands Human Abfall und Die Wirklichkeit treten an diesem Freitag um 21 Uhr beim Pop-Freaks-Festival im Merlin auf.

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