Vor mehr als 16 Monaten fielen in Eislingen (Kreis Göppingen) Schüsse auf offener Straße – Teil einer Gewaltserie unter schießwütigen Gruppierungen in der Region Stuttgart. Nun gibt es im Eislinger Ermittlungsfall eine erste Anklage.
Die Kugel, die eine 21-jährige Frau ins Bein getroffen hatte, war der endgültige Beweis. Wer bis dahin keine Zusammenhänge sehen mochte, musste nach den Schüssen vor dem Lokal Phoenix in Eislingen (Kreis Göppingen) im Februar 2023 erkennen: Seit Monaten gibt es eine rücksichtslose Auseinandersetzung zwischen schießwütigen Gruppierungen. Unsere Zeitung titelte: „Wird die Region etwa zum Wilden Westen?“ Und das Landeskriminalamt gründete wenige Tage später eine Ermittlungskooperation, um alle Fälle zusammenzuführen. Nun, nach 16 Monaten Ermittlungsarbeit im Verfahren „Phoenix“, gibt es zu den Schüssen von Eislingen eine erste Anklage.
Ein zur Tatzeit 24-jähriger türkischer Staatsangehöriger aus Plochingen ist wegen des Verdachts des versuchten Mordes, der gefährlichen Körperverletzung sowie des Verstoßes gegen das Waffengesetz angeklagt. Das teilte die Stuttgarter Staatsanwaltschaft am Dienstag mit. Der Mann soll einer Gruppierung aus dem Raum Esslingen angehören, die sich mindestens seit Sommer 2022 immer wieder schwere Gewalttaten mit der rivalisierenden Clique aus dem Raum Stuttgart-Zuffenhausen und Göppingen liefert. Er sitzt seit Februar 2024 in Untersuchungshaft.
Racheakte drehen die Spirale der Gewalt weiter
Allerdings handelt es sich laut Staatsanwaltschaft nicht um einen der Schützen, die am 24. Februar 2023 um 2 Uhr morgens aus einem Auto heraus Schüsse auf die gegnerische Gruppe abgegeben hatten. „Es handelte sich um den Fahrer“, sagt Staatsanwaltssprecher Aniello Ambrosio. Eine achtköpfige Gruppe war damals vor einer Shisha-Bar an der Stuttgarter Straße ins Visier geraten – und eine 21-jährige Frau ins Bein getroffen und schwer verletzt worden. Die damaligen Schützen sind dagegen noch unbekannt. „Auch die Tatwaffe ist bis heute nicht gefunden worden“, sagt Staatsanwaltssprecher Ambrosio.
Mit den Schüssen hatten die Straßenkrieger-Cliquen eine Spirale der Gewalt weitergedreht. Neun Tage zuvor hatte es in Ostfildern-Parksiedlung (Kreis Esslingen) einen Schusswechsel gegeben – und vieles spricht dafür, dass der Angriff in Eislingen ein entsprechender Racheakt gewesen ist. Die Reaktion darauf ließ offenbar nicht lange auf sich warten. Schon am nächsten Tag wurde im Kreis Esslingen in Reichenbach auf das Schaufenster eines Barbershops gefeuert und in Plochingen ebenfalls ein Barbershop ins Visier genommen. Als ein benachbarter Gastwirt die Maskierten zur Rede stellen wollte, wurde er von den Tätern niedergeschossen und schwer verletzt. Es blieb nicht die letzte Eskalation der Gewalt.