Den Schüssen auf einen mutmaßlichen Bandenchef in Zuffenhausen im März 2023 folgten 29 Prozesstage. Es war das längste Gerichtsverfahren um die schießwütigen Gruppierungen in der Region. Foto: Max Kovalenko

Nach dem Prozess um einen Bauchschuss in einem Dönerladen in Möhringen gibt es erstmals seit Sommer 2022 kein laufendes Verfahren mehr zu den Schüsse-Banden. Eine Bilanz.

Der Pulverrauch ist verflogen, das vorerst letzte Urteil gefällt: Ein 26-Jähriger ist am Freitag im Prozess um einen Bauchschuss in einem Dönerladen in Möhringen zu einer Haftstrafe von 7 Jahren und 9 Monaten verurteilt worden.

 

Mit dem Ende des siebenmonatigen Prozesses wird im Stuttgarter Landgericht durchgeatmet. „Zum ersten Mal seit 38 Monaten findet keine laufende Hauptverhandlung mehr zur Schuss-Serie statt“, sagt Gerichtssprecher Timur Lutfullin.

Seit Sommer 2022 haben sich zwei multiethnische Gruppierungen in der Region bekriegt – mit Messern und Pistolen, mit Molotowcocktails und Handgranaten. Ist jetzt alles endlich vorbei?

Prozesse unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen

Die Prozedur für Prozessbeobachter: alles abgeben, Schlüssel, Handy, Schmuck, Armbanduhr, Jacke, Tasche. Und auch den Gürtel, bitte. Doppelte Kontrollschleusen mit Scannern und Leibesvisitationen sind in den Jahren der Schüsse-Verfahren zum Standard geworden. Kein Wunder. Die insgesamt 43 Angeklagten sind stolz darauf, nicht zimperlich zu sein. Die Kumpels in den Zuhörerreihen auch.

Manchmal sitzen die Feinde gleichzeitig im Publikum. Dann zeigt neben den Justizwachtmeistern auch die Polizei in voller Montur Präsenz. „Das ging mit erheblichem Aufwand einher“, beschreibt Markus Volz, Vizepräsident des Landgerichts, den Aufmarsch.

Hohe Sicherheitsvorkehrungen vor dem Handgranaten-Prozess in Stammheim im Dezember 2023 Foto: Julian Rettig

Im Prozess mit der höchsten Haftstrafe ging Vorsitzender Richter Norbert Winkelmann ganz auf Nummer sicher: Der Attentäter von Altbach (Kreis Esslingen) musste sich zum Jahreswechsel 2023/24 im besonders gesicherten Prozessgebäude an der Justizvollzugsanstalt Stammheim verantworten. Er hatte im Juni 2023 auf dem Friedhof eine Handgranate auf eine Trauergemeinde geworfen, unter der sich mehrere verfeindete Mitglieder befanden. Der Prozess: hinter Sicherheitsglas. Die Zuschauer: bis in die Schuhe hinein gefilzt. Viel Publikum gab es nicht. Der 24-jährige gebürtige Iraner wurde wegen versuchten Mordes in 15 Fällen zu zwölf Jahren Haft verurteilt.

Wo die Fehde ihre Wurzeln hat

Altbach gilt als trauriger Höhepunkt der Fehde. Begonnen hatte die Auseinandersetzung nach offizieller Lesart ein Jahr vorher, im Sommer 2022, als in Zuffenhausen zum ersten Mal Schüsse vor einem Stammlokal der einen Gruppe fielen.

Tatsächlich aber sind die Wurzeln des Konflikts mindestens zehn Jahre früher zu finden, als sich rockerähnliche Gangs bekriegten. Die kurdisch geprägte Red Legion gegen die Black Jackets, eher türkisch, italienisch und ex-jugoslawisch aufgestellt. Die Stichworte: Rotlichtmilieu, Türsteherszene, Drogen, Waffen, Ehre. 2012 gab es in Esslingen einen Toten.

Sondereinheit sammelt 500 Namen

Aus all den Gangs, Red Legion, Black Jackets, United Tribuns, Osmanen, die teils dann verboten wurden, ist etwas nachgewachsen, quer durch die Region von Ludwigsburg bis Göppingen. Da sind zwar noch die Alten, inzwischen in ihren Dreißigern, mit Vergangenheit in den vorwiegend kurdisch geprägten Gruppen.

Doch die Jüngeren sind offenbar noch radikaler – Kriminalität als Lifestyle. Man kennt sich aus der Schule, aus dem Knast, aus den Treffs und Bars. Und spaltet sich in zwei Fraktionen. Die Polizei in der Region, in verschiedene Präsidien aufgeteilt, erkannte nicht sofort, dass die Schüsse in Zuffenhausen und die in Eislingen (Kreis Göppingen) eine Gemeinsamkeit haben.

Angeklagter hinter Sicherheitsglas: Besondere Atmosphäre im Gericht in Stammheim. Foto: Julian Rettig

In einer Sondereinheit im Landeskriminalamt führten abgeordnete Kripobeamte aus der Region bald zusammen, was zusammengehörte. Dabei entstand das Bild von zwei rivalisierenden multiethnischen Gruppierungen, die ihre Reviere abgesteckt haben. Die einen im Bereich Zuffenhausen/Göppingen/Schorndorf, die anderen auf der Achse Ludwigsburg/Esslingen/Plochingen. Die Sondereinheit „Fokus“ sammelte bei Kontrollaktionen und Festnahmen eine Liste von über 500 Personen, die den namenlosen Gruppierungen angehörten. Dabei wurden insgesamt 94 Tatverdächtige festgenommen.

Der Rache für verletzte Ehre folgt die Rache für die Rache

Heute dürfte feststehen: Altbach im Juni 2023 war die Reaktion der Zuffenhausen-Gang auf den bewaffneten Anschlag auf ihr Führungsmitglied, einen 32-jährigen Veteran mit Red-Legion-Vergangenheit, drei Monate zuvor. Der Mann ist seither querschnittsgelähmt.

Das Attentat von Zuffenhausen wiederum hatte zu tun mit dem Prozessbeginn am selben Tag gegen vier Angeklagte der Esslingen-Clique, die sich im September 2022 in Esslingen-Mettingen ein Feuergefecht mit dem Bruder des 32-Jährigen geliefert hatten. Verletzte Ehre, Rache für verletzte Ehre, Rache für die Rache für verletzte Ehre. Und so weiter. Dieses Gefecht wurde für die Stuttgarter Richter das erste Verfahren der Schüsse-Serie. Die vier Esslinger sammelten knapp 20 Jahre, der Gegner fünf Jahre Haft.

21 Prozesse an 240 Verhandlungstage

Seither sind daraus Freiheitsstrafen von knapp 150 Jahren geworden. Aber nicht alle Urteile sind rechtskräftig. Ein Beteiligter der Schüsse in Zuffenhausen zum Beispiel ist nach Ansicht der Staatsanwaltschaft zu billig weggekommen. Sein Waffeneinsatz wurde von der 14. Strafkammer nicht als versuchtes Tötungsdelikt, sondern nur als Verstoß gegen das Waffengesetz gewertet.

Ob der Bundesgerichtshof (BGH) das ähnlich sieht, ist noch nicht entschieden. Der Prozess war ohnehin spektakulär genug. Wegen eines Schöffen, der verbotenerweise seinem Handy zu viel Aufmerksamkeit gewidmet hatte, musste die Verhandlung neu gestartet werden – so kamen allein hier 29 Verhandlungstage zusammen.

Razzia im Januar 2025 in Zuffenhausen im Stammlokal der einen Gruppierung. Foto: Leif Piechowski

Insgesamt sind beim Stuttgarter Landgericht 21 Prozesse an 240 Verhandlungstagen geführt worden. Manchmal saßen die Gegner gleichzeitig in verschiedenen Gerichtssälen. „Das Landgericht hat mit hohem Personaleinsatz einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, die Auseinandersetzungen rechtsstaatlich, sorgfältig und zügig aufzuarbeiten“, sagt Vizepräsident Volz.

Die höchsten Strafen

Die 21 Prozesse endeten teils mit langjährigen Haftstrafen. Neben den zwölf Jahren für den Handgranaten-Attentäter von Altbach bekam ein 24-Jähriger neuneinhalb Jahren Haft – die bisher zweithöchste Strafe. Der holländisch-kurdische Täter hatte im Oktober 2023 in Vaihingen einen Gegner mit Vollgas überfahren. Das Opfer liegt bis heute in einem lebensbedrohlichen Wachkoma.

Ein zur Tatzeit 17-Jähriger feuerte im Oktober 2024 in einer Bar in Göppingen mit einer Maschinenpistole auf drei Männer, tötete einen von ihnen. Dabei hatte der Jugendliche die Opfer verwechselt. Er sitzt für acht Jahre und neun Monate wegen Mordes in Haft. Für die Schüsse im März 2023 in Zuffenhausen wurde ein zur Tatzeit 20-jähriger Deutscher zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Es wird nicht das letzte Urteil bleiben

„Die Gewaltserie hat viele Menschen beunruhigt und verunsichert“, sagt der Landgerichts-Vizepräsident. Die Justiz habe aber dazu beigetragen, „die Sicherheit in der Region wieder zu stärken“. Und das auch trotz vereinzelter Freisprüche, weil die Beweislage es nicht hergab.

Der Bauchschuss im Dönerladen in Möhringen wird indes nicht das letzte Urteil bleiben. Da stehen noch zwei Verfahren zu Straftaten im Kreis Esslingen aus: einmal wegen Beihilfe beim Angriff auf den Attentäter in Altbach und zum anderen zu einem Brandanschlag im September 2023 auf einen Barbershop in Reichenbach. Und da sind noch vier Urteile, bei denen Revision beim BGH eingelegt wurde. Der Möhringer Fall dürfte womöglich dazukommen.