Wer ist an der Haustür? Für ältere Menschen eine zunehmend wichtige Frage. Foto: Franziska Kraufmann

Hallo, wir sind die neuen Nachbarn, dürfen wir Ihre Wohnung zum Vergleich ausmessen? Mit diesem Vorwand soll eine Großfamilie hochbetagte Menschen in Stuttgart und Region heimgesucht und bestohlen haben. Was fördert die Kripo noch zutage?

Stuttgart - Die Betrugsmasche traf fast ausnahmslos hochbetagte, gebrechliche Menschen. Die meisten waren weit über 80, und sogar eine Hundertjährige wurde das älteste Stuttgarter Opfer. Trickdiebe gaben sich perfide als neue Nachbarn aus, die darum baten, die Räume der Opfer vermessen zu dürfen, weil diese einen ähnlichen Zuschnitt hätten. Alles diente aber nur der Ablenkung, um Schmuck mitgehen zu lassen. Nun aber hat die Polizei den Fuß in der Tür einer verzweigten Großfamilie. Vier sitzen wegen schweren Bandendiebstahls in Haft.

„Bisher geht es um 30 vollendete Taten mit über 160 000 Euro Schaden“, sagt Polizeisprecher Peter Widenhorn über die bisherigen Erkenntnisse der Kripo in Böblingen, die zentral ermittelt, was sich in Stuttgart, Sindelfingen, Böblingen und Ludwigsburg, aber auch in Pforzheim, Heilbronn, Balingen, Offenburg, Achern und Kehl zugetragen haben soll. Hinzu kommen unzählige Versuche – „und wohl eine große Dunkelziffer, weil sich die Opfer aus Scham nie gemeldet haben“, so Widenhorn.

Manchmal war auch ein Kind dabei

Schmuck für mehr als 1000 Euro verschwand Ende Juni 2018 bei einer 100 Jahre alten Stuttgarterin. Ein Paar hatte bei ihr nachmittags geklingelt. Man wolle im Haus eine Wohnung kaufen und hätte da noch ein paar Fragen. Die Frau ließ das Paar ein – und hatte keine Chance, als ihre Schmuckschatulle heimlich geleert wurde.

Zu dieser Zeit, im Juni 2018, sei man auf die Masche aufmerksam geworden, sagt Polizeisprecher Widenhorn, und im August habe sich dann eine ganze Serie in Stuttgart und im Kreis Böblingen abgezeichnet.

Freilich: Die Ermittler werden die Uhren noch weiter zurückdrehen müssen – denn die Masche mit der angeblichen Wohnungsbesichtigung als künftige Nachbarn begann schon im Spätsommer 2017 in Sindelfingen und Stuttgart-West. Die ersten Opfer waren 79 und 88 Jahre alt. Mal kamen die Betrüger als Paar, mal hatten sie noch ein Kind dabei.

Luxusfahrzeuge beschlagnahmt

Die Ermittler der Böblinger Kripo stießen nicht auf eine Bande im engeren Sinne, sondern auf eine Großfamilie einer ethnischen Minderheit im Kreis Böblingen und im Raum Heidelberg. Besonders ins Visier gerieten drei Männer im Alter von 21, 32 und 34 Jahren sowie eine 37-jährige Frau. Sie wurden, wie die Polizei erst später verriet, bereits am 20. Februar festgenommen und tags darauf von einem Richter des Amtsgerichts Stuttgart in U-Haft geschickt. Eine 60-jährige Verdächtige blieb auf freiem Fuß.

Wie oftmals bei solchen Verfahren gegen Familiengruppierungen war der mutmaßlich ergaunerte Reichtum nach außen kaum sichtbar – abgesehen von hochwertigen Luxusfahrzeugen. Drei davon wurden bei der Razzia der Polizei beschlagnahmt.

Polizei stellt Beute in Pfandhäusern sicher

In Stuttgart könnte die Bande zuletzt Mitte Januar 2019 in der Breitscheidstraße im Westen und in der Straße Am Bergheimer Hof in Weilimdorf zugeschlagen haben. Im letzten Fall sollte die Wohnung angeblich auf ihre Behindertentauglichkeit getestet werden. Die 77 und 87 Jahre alten Opfer verloren Bargeld, Schmuck und Ausweise.

Die Kripo hat nun etwa 50 Schmuckstücke in diversen Pfandhäusern sichergestellt, in denen die Beute in der Regel zu Geld gemacht wurde. Neben Schmuck wurden aber auch Gemälde gefunden – wem die gehören, muss noch ermittelt werden.

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