In der Weihnachtszeit haben Ballettklassiker wie „Schwanensee“ (Symbolbild) Hochkonjunktur. Das Grand Classic Ballet bringt den Tanzhit nach Stuttgart und Esslingen, lässt die Herkunft seines Ensembles aber im Unklaren. Foto: IMAGO/Anadolu Agency

Eine Ballettkompanie, die auch in der Region Stuttgart auftritt, steht im Verdacht, ihre Herkunft zu verschleiern. Proteste fordern Transparenz. Doch warum?

Die Sanktionen der EU gegen Russland haben russische Waren aus Pipelines und Supermarkt-Regalen verbannt. Doch wie geht man mit Kunst aus dem Land um, dessen Staatschef den Angriffskrieg auf die Ukraine zu verantworten hat? Tschaikowsky und Co. will in den deutschen Konzerthäusern zu Recht niemand missen. Bei einer Ballettkompanie, die den russischen Staat bereits im Namen trägt, sieht die Sache allerdings anders aus.

 

Wer sich auf der Internetseite des Moscow State Ballet umsieht, findet ein über mehrere Jahre unterbrochenes Tournee-Archiv. Erst in diesem Frühjahr war die Kompanie wieder auf Gastspielreise – nach Argentinien und Chile. In Europa wären Auftritte des Moskauer Staatsballetts schwer vorstellbar.

Wer steckt hinter dem Grand Classic Ballet?

Oder doch nicht? Die „Initiative für Frieden und Solidarität mit der Ukraine“ jedenfalls wirft dem Moskauer Staatsballett vor, unter dem neuen Namen Grand Classic Ballet aufzutreten. Derzeit ist das vom Berliner Veranstalter Be.entertained vertretene Ensemble mit den Ballettklassikern „Schwanensee“ und „Nussknacker“ auf „traditioneller Wintertournee“, wie die Internetseite der Kompanie wirbt. Auftritte sind Anfang Januar auch in der Stuttgarter Region geplant, und zwar im Stage Apollo Theater und im Neckar Forum in Esslingen.

Bei Gastspielen in der Weimarhalle in Weimar Mitte Dezember hatte die „Initiative für Frieden und Solidarität mit der Ukraine“ Infostände und eine Mahnwache organisiert. Ihr Vorwurf: Die Kompanie würde „erhebliche Einnahmen für die russische Kriegswirtschaft“ generieren, „der barbarische Angriffskrieg“ würde durch „russische Kulturpropaganda verdeckt werden“.

Kein einziger Tänzername? Das ist ungewöhnlich

Auch wenn so gut wie sicher ist, dass sich mit Kunst weder ein Krieg finanzieren, noch seine Gräueltaten verdecken lassen, wünschte man sich mehr Transparenz beim Grand Classic Ballet, um dessen winterliches Tanzvergnügen wirklich sorgenfrei genießen zu können. Kein einziger Tänzername auf einer Homepage? Das ist für eine Truppe, die mit „weltweit mehr als 2100 Auftritten“ für sich wirbt, reichlich ungewöhnlich. Tatsächlich findet sich auf der Internetseite der Kompanie keinerlei Information über die Zusammensetzung des Ensembles. Die „Initiative für Frieden und Solidarität mit der Ukraine“ will jedoch Überschneidungen mit den Solisten des Moskauer Staatsballetts auf Fotos und Werbetrailern erkannt haben.

Veranstalter weist Vorwürfe zurück

Der Veranstalter antwortete bereits auf frühere Vorwürfe über seine Anwältin und teilte damals dem MDR mit, dass er keine Kriegshandlungen finanziere und Künstler aus aller Welt beschäftige. „Mit der Politik hat er nichts zu tun und mit dem russischen Staatsballett ebenfalls nicht“, hieß es bereits im Januar 2024 seitens der Rechtsvertreterin von Be.entertained und dessen Geschäftsführer Konstantin Rain. Die Namen der internationalen Tänzerinnen und Tänzer des Grand Classic Ballets sucht man auf der Seite der Tourkompanie allerdings weiterhin vergeblich.

Initiative fordert: Zusammenarbeit besser mit Opfern des Kriegs

Der in Weimar ansäßigen „Initiative für Frieden und Solidarität mit der Ukraine“ ist eine Information des Publikums vor den Aufführungen wichtig. „Wir wollen regionale und kommunale Veranstalter und Vermieter sowie Kommunal-, Landes- und Bundespolitiker weiterhin dabei unterstützen, nach fast vier Jahren Putins Krieg auch in der Kultur nicht mehr mit den Tätern, sondern mit den Opfern zusammenzuarbeiten“, unterstreicht ihr Initiator Norman Heydenreich.