Szene aus Bridget Breiners neue Ballett „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ Foto: Costin Radu

Seit zwei Jahren ist die ehemalige Stuttgarter Solistin Bridget Breiner Jahren Ballettdirektorin in Gelsenkirchen. Mit ihrem neuen Ballett „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ erinnert sie nun an die deutsch-jüdische Künstlerin, die 1943, hochschwanger, in den Gaskammern von Auschwitz umkam.

Gelsenkirchen - Dem Dunkel des Vergessens entsteigt Charlotte. Schmal ist der Grat, der zurück in die Erinnerung führt. Jürgen Kirner hat ihn als Steg weit in den Zuschauerraum des Großen Hauses des Musiktheaters im Revier gebaut. Mit ihrem Ballett „Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin“ erinnert Bridget Breiner – die ehemalige Stuttgarter Solistin ist seit zwei Jahren Ballettdirektorin in Gelsenkirchen – nun an die deutsch-jüdische Künstlerin, die 1943, hochschwanger, in den Gaskammern von Auschwitz umkam.

Der Steg wirkt, als wollte er eine Brücke schlagen zwischen der Gegenwart und einer Geschichte, die sich allenfalls als Bilderfolge fassen lässt. Über tausend Gouachen hatte Charlotte Salomon von 1940 bis 1942 geschaffen, expressionistisch in der Farbe und in ihrer Formung manchmal Zeichnungen von Else Lasker-Schüler ähnelnd: Stationen einer bildhaften Biografie, von der sie selbst nicht so richtig wusste, ob es sich dabei mehr um ein Leben handelt oder um Theater.

„Leben? Oder Theater?” nannte Charlotte Salomon jedenfalls ihr „Singespiel“, das eine Auswahl von 769 Bildern umfasst: komponiert wie eine Oper und doch eher eine autobiografische Bilderzählung, die auf kunstvolle, bisweilen auch komische Weise Aufschluss gibt über ein in jeder Hinsicht ungewöhnliches Dasein. Vor die Frage gestellt, „sich das Leben zu nehmen oder etwas ganz Verrückt-Besonderes“ zu riskieren, entschließt sich die Malerin 1940 zu einer Form von Selbsttherapie, die nicht nur ein Unikum darstellt, sondern ein Zeugnis, das erschütternder nicht sein kann. 1917 in Berlin geboren, verliert Charlotte Salomon in rascher Folge Tante, Mutter und Großmutter allesamt durch Selbstmord. Auch von außen ihrer jüdischen Abstammung wegen gefährdet, malt sie sich ihre Ängste von der Seele – und findet dennoch schon mit 26 den Tod.

Nicht zufällig nennt Bridget Breiner ihr zweiaktiges Ballett im Untertitel „Der Tod und die Malerin“. Wie ein Schatten folgt der Tänzer Jonathan Ollivier seiner Kollegin Kusha Alexi, die Charlotte ist, auf die Bühne. Im Großen und Ganzen aber hält sich die Choreografin (und mit ihr die Komponistin Michelle DiBucci) an die Einteilung in Vorspiel, Hauptteil und Nachwort, die Charlotte Salomon ihrem wie durch ein Wunder erhaltenen „Singespiel“ mitgegeben hat – eine Vorform der Operette, an die Bridget Breiner im Musiktheater im Revier in Form einer grotesken Maskerade erinnert. Schließlich werden ja nicht die realen Bezugspersonen der Malerin auf der Bühne vorgestellt, sondern eher deren Verballhornungen. Sie selbst nennt sich distanzierend in der dritten Person immer Charlotte Kann, und Bridget Breiner reagiert darauf mit einer anderen, moderneren Bewegungssprache. Aus der geliebten Stiefmutter Paula Salomon-Lindberg, einer gefeierten Sängerin ihrer Zeit, wird Paulinka Bimbam. Unter dem Deckmantel von Amadeus Daberlohn verbirgt sich der von Charlotte so verehrte Gesangstherapeut Alfred Wolfsohn.

Wie eine Collage entwickelt sich das Ballett, auf mobilen Leinwänden die gemalten Vorlagen schichtend. Immer wieder verdoppeln sich die Protagonisten auf der Bühne. Der erwachsenen, beobachtenden Charlotte gesellt sich zeitweise ein kindliches Alter Ego zu. Paulinka erscheint in Ayako Kukuchi verkörpert, Anke Sieloff leiht ihr eine „engelhafte“ Stimme. Zwischendurch sieht Charlotte den Geliebten (Junior Demitre) in jedem Mann – wie überhaupt Bridget Breiner gern anekdotische Momente in abstrakten Ensembles auflöst, um einer bloßen Bebilderung zu entgehen. Am besten gelingt ihr das nach der Pause, wenn die Bühne leer ist bis auf eine Leinwand, die wie ein weißes Blatt Papier über dem Geschehen schwebt. Erst am Schluss wird es zu einer Projektionswand, und immer hastiger wechseln darauf die Bilder, als ob Charlotte ein letztes Mal in ihrer Erinnerung blätterte.

Am Ende aber steht, nach ein paar überflüssigen Szenen, der Tod. Zunächst noch ihre Augen bedeckend, überlässt er die Malerin ihrem Schicksal. Und Kusha Alexi geht ihren letzten Gang in ein Dunkel, das der Zuschauer interpretieren kann, wie er will. Er macht ihn nachdenklich nach einem nicht eben einfachen, aber einprägsam empathischen Abend.

Eine digitale Ausstellung im Theaterfoyer flankiert das Ballett. Vom 28. Februar bis zum 25. Mai zeigt das Kunstmuseum Bochum Originale von Charlotte Salomon.
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