Den halben Tag Ballett, die andere Hälfte Mathe und Geografie büffeln. So war der Alltag im Ballett-Internat von Eric Gauthier. Foto: privat

Der Stuttgarter Ballett-Star Eric Gauthier wird als Bildungsbotschafter auf der Bildungsmesse Didacta ausgezeichnet. Im Gespräch verrät er, wie gut er rechnen kann, wie das Leben im Internat war und in welchen Fächern er seinen eigenen drei Kindern beim Lernen hilft.

Wow, was ist das!?“, fragt Eric Gauthier manchmal, wenn er seinem Sohn bei den Mathe-Hausaufgaben in der sechsten Klasse helfen soll. Wie er das deutsche Schulsystem sonst als Vater erlebt, sagt er im Interview.

 

Herr Gauthier, waren Sie ein guter Schüler?

Ich bin ab 9 Jahren auf eine Ballettschule gegangen. Ich zog damals von Montreal, wo ich davor aufgewachsen bin, allein nach Toronto. Dort war die Schule für Tanz. Ich hab also meine Familie verlassen und lebte in einem Internat mit vielen anderen Jungen. Am Anfang war es hart, aber im Laufe der Jahre fand ich es cool, ohne Eltern zu leben. Ich war ganz okay als Schüler. In Fächern, die mich interessierten, war ich sehr gut, in denen, die mich nicht so sehr interessierten, nicht ganz so. Aber ich habe meinen Abschluss dann sehr gut bestanden.

Was waren Ihre Lieblingsfächer?

Alles Künstlerische. Ich konnte sehr gut malen. Meine Bilder hängen immer noch bei meinen Eltern zu Hause. Aber zum Beispiel Mathe war nicht so mein Fach. Ich mache immer den Witz: Beim Tanz muss man nur bis Acht zählen können. Wir hatten immer den halben Tag Schule und den halben Tag Tanz-Unterricht.

Was unterscheidet Schule in Kanada von Schule in Deutschland?

Ich habe drei Kinder und bin immer baff, dass die Schule in Deutschland mittags zu Ende ist – wenn man nicht auf eine Ganztagsschule geht. In Kanada geht die Schule mindestens bis etwa vier Uhr nachmittags. Und es gibt keine Aufteilung: Alle gehen auf die High School, und danach kann man das College machen. Außerdem ist es in Kanada nicht so üblich, nach dem Schulabschluss erst mal zu reisen oder ein Jahr Auszeit zu nehmen. Das erlebe ich hier bei vielen jungen Menschen.

Gauthier gibt auch Konzerte. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Gibt es einen Lehrer oder Lehrerin, an die Sie sich besonders erinnern?

Eigentlich an alle, denn dieselben Lehrer haben uns von der vierten bis zum Ende begleitet. Wir waren eine kleine Schule und sehr eng mit den Lehrern. Ich erinnere mich an Mr. Mac, der war Mathe-Lehrer. Er war toll, obwohl ich das Fach nicht so mochte. Ich besuche demnächst Toronto mit meiner Ballett-Truppe, und wir gehen auch in meine alte Schule. Leider habe ich es bislang nie zu einem der Klassentreffen geschafft.

Wie erleben Sie Schule als Vater von drei Kindern?

Meine Kinder sind mittlerweile alle in der Schule. In der ersten, vierten und sechsten Klasse. Ich war ein bisschen traurig, als die Kindergartenzeit vorbei war, aber meine Kinder fühlen sich sehr wohl in der Schule. Die Kleineren gehen auf eine städtische Grundschule, der Große auf eine Privatschule. Ich gehe auch zu den Elternabenden, es ist immer nett, sich mit anderen Eltern zu unterhalten. Ich verstehe mich auch mit den Lehrerinnen und Lehrern gut. Sie machen eine tolle Arbeit.

Was ist Ihnen wichtig bei der Auswahl der weiterführenden Schulen?

Dass es nah zu unserem Zuhause ist. Und dass es für die Kinder passt und sie glücklich sind. Mein großer Sohn ist zum Beispiel ein Freigeist und schon ein echter Künstler. Es war uns wichtig, dass er das ausleben kann. Und dass er Französisch und Englisch dort hat, weil das auch Sprachen in der Familie sind. Heute hatte er einen großen Französisch-Test, wir haben gestern dafür gelernt.

Helfen Sie viel bei den Hausaufgaben und beim Lernen?

Da komme ich manchmal an meine Grenzen. In der sechsten Klasse machen die oft in Mathe schon Sachen, da muss ich sagen: „Wow, was ist das!?“ Aber in Französisch oder Englisch kann ich natürlich schon helfen.

Wie war das in den Lockdown-Zeiten?

Ich muss sagen, die Coronazeit war beruflich die schlimmste Zeit überhaupt, aber familiär die beste. Denn ich hatte Zeit mit den Kindern. Das vermisse ich schon, es war eine besondere Zeit.

Und wie lief das Homeschooling?

Das hat im Großen und Ganzen geklappt. Aber natürlich sind Eltern keine Lehrer. Lehrer wissen, wie man Kindern etwas beibringt und sie begeistert. Es gab schon Konflikte, wenn die Kinder mal keine Lust hatten. Aber wir haben es überlebt.

Es wird momentan viel über die Probleme im Schulsystem gesprochen: Lehrkräftemangel, zu wenig Digitalisierung. Fällt bei Ihren Kindern auch oft Unterricht aus?

Ich verfolge die Diskussionen in der Zeitung, aber erlebe das nicht so an den Schulen meiner Kinder. Allerdings bekomme ich sicherlich auch nicht alles mit. Ich frage immer: „Wie war die Schule heute?“ Und dann kommt die typische Kinder-Antwort: „Gut. Alles super, Papa.“

Was gefällt Ihnen am deutschen Schulsystem?

Ich reise seit einem Jahr durch Schulen mit meinem Projekt „Moves For Future“. Wir gehen in Schulen, machen eine Show und tanzen danach mit den Kindern und Jugendlichen. Und alle Schulen und ihre Lehrkräfte haben bislang so begeistert und mit so viel Energie mitgemacht. Für solche neuen Dinge gibt es eine große Offenheit, finde ich.

Wie läuft das Projekt ab?

Wir waren schon in 23 Schulen und haben gut 30 auf der Warteliste. Wir haben also mit Tausenden von Kindern getanzt. Es gibt auch „Moves-For-Future-Pop-up“. Dabei fahre ich mit einem riesigen Truck in den Schulhof vor der großen Pause. Und wenn die Kinder rauskommen, stehe ich auf meinem Truck und sage „Los, lasst uns tanzen!“ Und dann tanzen wir die ganze Pause durch. Das mache ich wahnsinnig gern, am liebsten mit Grundschülern, die sind noch sehr offen und unbefangen. Die Älteren finden es dann manchmal schon ein bisschen peinlich zu tanzen.

Eine Kritik an Schule ist, dass künstlerische Fächer zu kurz kommen. Wie sehen Sie das?

Ja, dafür müsste es mehr Zeit geben. Lieber ein bisschen länger Schule am Tag und dafür mehr Tanz!

Eric Gauthier

Weg zum Star
Eric Gauthier (*1977) wächst im kanadischen Montreal auf und studiert in Toronto an der National Ballet School Tanz. Ab 1996 gehört er zum Stuttgarter Ballett, ab 2002 ist er dort Solotänzer in allen großen Rollen des Fachs.

Multitalent
Seit 2007 ist er Leiter und Choreograf seiner Ballett-Truppe Gauthier Dance-Compagnie am Theaterhaus Stuttgart. Daneben tritt er als Sänger und Musiker auf. Mit dem Projekt „Moves For Future“ bringt er Tanz und Bewegung in Schulen.

Didacta
 Eric Gauthier bekommt für sein Schulprojekt „Moves For Future“ am 7. März die Auszeichnung als Bildungsbotschafter der Didacta verliehen. Europas größte Bildungsmesse findet bis 11. März auf der Landesmesse statt. 730 Aussteller sind zu den Themenbereichen Schule, Frühe Bildung und Berufliche Bildung auf 60 000 Quadratmetern vertreten. Die Messe richtet sich an Lehrkräfte, Pädagogen, Fachkräfte und Kitas. Auch interessierte Eltern sind willkommen: www.messe-stuttgart.de/didacta.