Tänzerinnen in Emanuele Babicis Stück „Veritas vos libertat“ beeindruckten mit klassischer und lebendig fließender Bewegungssprache. Foto: Stuttgarter Ballett/Roman Novitzky

Beim Tanzabend „Noverre: Junge Choreografen“ sind in diesem Jahr die Geister los: Viele Stücke der Newcomer führen in Traum- und Gegenwelten.

Sind die realen Umstände zum Fürchten, kann Kunst dabei helfen, Ängste zu verarbeiten oder aber sie findet den Ausweg in besseren Gegenwelten. Auch wenn die meisten männlichen wie weiblichen Schrittmacher beim diesjährigen Noverre-Programm „Junge Choreografen“ im Tanz Aus- und Zuflucht suchten und die Bühne als Traumfänger nutzten, scheuten sie keine Abgründe.

 

Mit virtuosen Drehungen aus der Diagonalen beginnt der Italiener Emanuele Babici, Spross der John-Cranko-Schule und Eleve am Stuttgarter Ballett, sein Miniaturdrama „Veritas Vos Liberat“ zu Schostakowitsch-Klängen mit Pathos und hohem Tempo. Wie sein Debüt bei der „Aktion Weihnachten“ dieser Zeitung ist auch seine zweite Arbeit groß besetzt. In einer rein klassischen, aber lebendig fließenden Bewegungssprache skizziert Babici das Werden und gewaltsame Sterben einer Liebe. Als weiblicher Part ringt Irene Yang mit geballten Fäusten um Freiheit im festen Griff ihres Partners (stark: Riccardo Ferlito), bis sie diesen erhängt erblicken muss und nach kurzer Erlösung verzweifelt nach Zugehörigkeit sucht.

Viel Applaus für die Choreografen

Eigenwillig und abgesehen vom Spitzentanz weitgehend frei von Verbeugungen vor der Ballett-Tradition: Schon der Titel „#Fivewithfive Just a Few Moons Away“ von Anne Jungs Noverre-Beitrag ist im Heute verortet. Der Gast aus Frankfurt erzeugt mit eingeknickten Gelenken, verdrehten Schultern und geflexten Füßen statt klarer Linien fein ziselierte Kalligrafien. Nicht erst wenn sich diese unter orangerot leuchtenden Gestirnen im Pas de deux umschlingen und verdoppeln, entsteht ein suggestiver Sog. Auch Elisa Badenes dunkel funkelndes Eingangssolo betört mit tanzenden Fingern. Und Daiana Ruiz, Clemens Fröhlich, Henrik Erikson sowie Mizuki Amemiya lassen Rachmaninows Streicherklänge so geschmeidig durch ihre Leiber fließen, dass man mondsüchtig werden möchte. Ganz zu Recht wollte der Applaus für die erfahrene Choreografin kaum enden.

Nicht zu den Sternen, vielmehr zu einem Dasein im Einklang mit der Natur strebt Lucyna Zwolinska mit „Sweet Spot“. Mit wenig erreicht die Polin aus Saarbrücken viel. Zu Vogelgezwitscher tastet sich Adhonay Soares da Silva behutsam in Zwolinskas universell aufgefasste Bewegungssprache, führt selbst fragile Gesten detailscharf aus, das Nichts befüllend.

Erst allein, dann durch Timoor Afshar und Christian Pforr mit simultaner Energie verdreifacht, macht er sich den Boden zum Partner, das sparsam gesetzte Licht zum poetischen Mitakteur.

Nur eine Kunstsparte? Das war Adrian Oldenburger zu wenig. Der Halbsolist fügte dem Tanz in seiner vierten Noverre-Arbeit „Je ne regrette rien“ die Bildhauerei in Form eines erstarrten Tänzerduos und die Malerei hinzu. Leicht zu erraten, wer singt: Edith Piaf! Klar auch, dass sich das Standbild wie Pygmalions Elfenbeinschönheit bald zu rühren beginnt. Mehr noch, Priscylla Gallo greift als Malerin in Farbe und schmiert sich die Gestalten kunterbunt.

Und der Tanz? Der garniert diese Idee illustrativ mit hohen Beinen, Walzerschritten und Hebungen. Auch für solche Experimente muss Platz sein.

Zur Geisterstunde lädt Timoor Afshar nach der Pause mit „The Monster Under the Bed“. Eine erschöpfte Krankenschwester findet keine Ruhe und weckt beim Einschlafen ein Monster. Ob Elefantenmensch oder Englischer Patient? Gleich wie man diesen Geist interpretiert, er entwickelt ein Eigenleben. Schade nur, dass die vielen Requisiten die Blicke mehr auf sich ziehen als die gar nicht so gewöhnlichen Schritte, denen Fabio Adorisio unter Bandagen Kraft verleiht.

„Abuo“ (auf Deutsch: „Zwei“) nennt Nnamdi Christopher Nwagwu, der in Rotterdam seine Ausbildung zum Tänzer abschließt und freischaffender Choreograf ist, sein Noverre-Debüt. Mit diesem charmanten Buben-Streich feiert der Italiener nigerianischer Herkunft die Freundschaft sowie das Licht und die Farben des Südens. Mit zappelnden Fingern kurz davor, Hand in Hand durchs Leben zu gehen, tragen Riccardo Ferlito und Eduardo Sartori diese nicht nur auf gestrickten Oberteilen. Das Duo bringt auch den Nuancenreichtum in Nwagwus Tanzsprache zum Leuchten. Zu Mambo-Rhythmen und Gitarrenklängen erinnert sie an West-Side-Story, dann wieder an die Gaga-Methode, zeigt Einflüsse aus HipHop und Sport und nutzt sogar Haltungskorrekturen als Material. Bei aller mitteilsamen Fülle droht keine Beliebigkeit. Begeisterter Jubel belohnt den Jungchoreografen und seine Tänzer.

Schräge Vögel und andere Wesen

Große Ambitionen, mäßiger Effekt: So lässt sich „Earth Spell“ der in Israel lebenden Russin Maya Popova auf einen Nenner bringen. Aus einem gigantischen Reifrock, den man mit Blick auf den Titel als unsere Erde interpretieren könnte, greifen Finger, Hände und Arme in den Raum. Bald rollen mit Federn geschmückte Wesen unter dem Saum hervor. Ihre von Zuckungen durchsetzte Darbietung bleibt Stückwerk. Erst unter dem Rock finden die schrägen Vögel wieder zusammen.

Einer neuartigen Spezies mit getapten Oberkörpern nähert sich Martino Semenzatos mit „2M2 Of Skin“ zu Klängen von Keith Jarett. Ihre biegsam weichen Bewegungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in ihrer Welt Rivalität und Missgunst Impulsgeber des Miteinanders sind.

Noverre – eine Erfolgsstory

Beginn
Am 5. Mai 1958 gründete sich in Stuttgart die erste Ballettgesellschaft Deutschlands. Ihr Name erinnert an den am württembergischen Hof tätigen Ballettmeister und Tanztheoretiker Jean-George Noverre (1727 bis 1810). Von Beginn an dabei: Fritz Höver, der die Noverre-Gesellschaft bis zu seinem Tod 2015 prägte. Anfangs luden die Freunde des Tanzes zu Vorträgen. Bald boten sie choreografischen Newcomern die Chance, eigene Stücke mit Profis zu erarbeiten und vor Publikum zu zeigen.

Bekannte Namen
William Forsythe, John Neumeier, Jiří Kylián und Uwe Scholz starteten so ihre Karrieren. Ebenso Christian Spuck, Marco Goecke, Demis Volpi, Douglas Lee, Bridget Breiner, Katarzyna Kozielska und viele mehr. 2018 löste sich die Noverre-Gesellschaft auf. Seitdem wird „Noverre: Junge Choreografen“ vom Stuttgarter Ballett verantwortet. Die Projektleitung hat Sonia Santiago.

Netz
Das diesjährige Programm ist im Internet bis zum 29. Januar zu sehen: www.stuttgarter-ballett.de