So schön ist Ballett auch vor der Kulisse des Opernhauses. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Saisonabschluss des Stuttgarter Balletts mit Videoleinwand im Park steht ganz im Zeichen des Abschieds von Reid Anderson. Der Intendant erhält zum Abschluss eine besondere Ehrung.

Stuttgart - Den Gongschlag, der drüben im Opernhaus den Beginn der Vorstellung ankündigt, hört man auch im Park. Gerade noch erscheint auf der Großleinwand auch ein Blick in den Zuschauerraum, in dem sich erstaunlich viele Besucher mit dem Fächer Kühlung verschaffen. Scheint etwas heiß zu sein, da drinnen. Wie angenehm sitzt oder lagert es sich hier auf der voll besetzten Wiese im Park unter freiem Himmel und in frischer Luft. Dann öffnet sich der Vorhang zum Ballett mit dem zufällig so passenden Titel „Air“. Getanzt von den Akademieklassen der John-Cranko-Schule als Auftakt ihrer Abschiedsgala für den scheidenden Ballett-Intendanten Reid Anderson. Und auch als Hommage an den 2004 früh verstorbenen Choreografen Uwe Scholz, der dieses Ballett mit 23 Jahren choreografiert hat und im Dezember 60 Jahre alt geworden wäre, wie Sonia Santiago als Moderatorin aufklärt.

Wetterfeste Besucher feiern den Intendanten

Ballett im Park: Seit 2007 fiebern Ballettfans nicht nur aus Stuttgart diesem Ereignis entgegen. Einmal nicht um die begehrten Karten kämpfen müssen, einfach bei freiem Eintritt in den Schlossgarten ziehen, ausgerüstet mit Decken, Campingstühlchen, vielleicht sogar Picknickkorb. 60 000 Besucher haben dieses großzügige und wunderbare kulturelle Geschenk in den vergangenen elf Jahren genossen und bejubelt, sogar bei Regen. Am Samstag erweist auch der Himmel Anderson seine Reverenz, der Regen hört rechtzeitig auf, die Wolken bleiben dicht. Am Sonntag dagegen, bei der zweiten und ebenfalls in den Park übertragenen Gala der Compagnie, müssen die Besucher wetterfester sein.

Dass das Stuttgarter Ballettwunder in John Cranko und der von ihm gegründeten Schule ihre Wurzeln hat, stellt die Gala der Schule mit höchstem Niveau eindrucksvoll unter Beweis. Mit dem Pas de deux im klassischen Stil, choreografiert von George Balanchine nach der Musik von Leo Délibes, ebenso wie mit den modernen Interpretationen bei „A Spell on you“ von Marco Goecke, „Lamento della Ninfa“ von Stephen Shropshire oder „Alrededo No Hay Nada“, das 2006 vom Nationalballett Cuba uraufgeführt wurde und bei dem Choreograf Goyo Montero den Stakkatorhythmus der spanischen Sprache mit Text und Musik von Joaquin Sabina und Vinicius de Moraes hinreißend umsetzt. Dann wird die Bühne schier zu klein, als die Schule mit allen 60 Schülern, von den Anfängern bis zu den Eleven, zu den Etüden von Carl Czerny ihren Auftritt hat. Mit Präzision, Präsenz und einer Performance, die staunen machen und bejubelt werden – berührend, bewegend und mit einem Hauch von Wehmut zum Abschied.

Ein Querschnitt durch die 22 Jahre der Anderson-Intendanz

„Dieser ständige Stilwechsel von Klassik zu Neoklassik bis modern erfordert höchsten Einsatz an Geist und Muskeln“, versichert Tadeusz Matacz, der seit 20 Jahren die John-Cranko-Schule leitet und den Sonia Santiago auf der Bühne im Park präsentiert. „Mach was aus der Schule“, habe Uwe Scholz damals gesagt, erinnert sich Matacz. Dass ihm das offenbar gelungen sei, verdanke er auch Reid Anderson: „Seiner Loyalität, seiner Weitsicht und seinem Qualitätsanspruch. Er hat mir stets den Rücken gestärkt, für mich bleibt Reid der Superman.“

Mit einem Querschnitt aus den Ballettproduktionen der vergangenen 22 Intendantenjahre feiert am Sonntag die Compagnie ihren Chef. Darunter natürlich Szenen aus den Balletten von John Cranko. Das Publikum jubelt, drinnen im Theater und auch draußen im Park, wo Hauptsponsor Porsche Regenpelerinen verteilen lässt und das Versprechen gibt, auch im nächsten Jahr „Ballett im Park“ zu sponsern. Da kann Reid Anderson beruhigt „Goodbye, Tschüss und Adele“ sagen – ausgezeichnet mit der Staufer-Medaille in Gold, die ihm Ministerpräsident Winfried Kretschmann überreicht.

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