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Noch hat Grün-Rot nicht entschieden, in welche Gegend der Nationalpark Nordschwarzwald kommt. Aber die Stimmung zwischen Befürwortern und Gegnern eskaliert. Ein Besuch im Zentrum des Widerstands.

Baiersbronn - Vor wenigen Tagen in Baiersbronn: Fragt ein Gegner einen Befürworter des geplanten Nationalparks: „Wann ist genau die Informationsveranstaltung zum Nationalpark?“ Antwortet der: „17. April um 19.00 Uhr in der Schwarzwaldhalle. Wir sehen uns, oder?“ Sagt der Gegner: „Wenn du bis dahin noch lebst.“

Ein Einzelfall? Keineswegs. Der Plan der Landesregierung, irgendwo im Nordschwarzwald zwischen der Schwarzwaldhochstraße am Ruhestein und der bekannten Kurstadt Bad Wildbad einen 10 000 Hektar großen Nationalpark auszuweisen, sorgt für immer tiefere Gräben in der Bevölkerung. Vor einer Woche prallten Befürworter und Gegner des grün-roten Prestigeprojekts aufeinander, als Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) in Bad Wildbad das Gutachten zum Nationalpark erläuterte und mit Pfiffen und Häme geächtet wurde. An diesem Mittwoch droht die nächste Eskalationsstufe: Dann tritt Bonde in Baiersbronn auf und wirbt für den Nationalpark. Das Problem: Der Minister wohnt mit seiner Familie dort, außerdem ist der Ort längst zum Zentrum des Widerstands geworden.

Die Stimmung zwischen Befürwortern und Gegnern eskaliert

Und kein Zweifel: Die Lage rund um das Thema Nationalpark ist heikel. Nicht nur in Baiersbronn. Vor Wochen hatten die Landesbischöfe Frank Otfried July und Ulrich Fischer mit einem seltenen Aufruf an alle Seiten appelliert, „die Diskussion fair und respektvoll zu führen“. Man sehe mit „zunehmender Sorge“, so die Kirchenvertreter, „dass manche Kritiker eine zunehmend unangemessene Schärfe bis hin zu persönlichen Anfeindungen praktizieren“. Allein, der Aufruf verhallte. Wolfgang Sönning, stellvertretender Dekan in Baiersbronn, berichtet von „Vorwürfen und Drohungen“. Manche Geschäftsleute würden unter Druck gesetzt. Nach dem Motto: Wenn ihr ein Plakat pro Nationalpark aufhängt, verliert ihr Kunden. Ein Unternehmer bestätigt das: „Ich bin für den Nationalpark, werde das aber öffentlich nicht mehr sagen. Das ist mir zu gefährlich.“ Auch Hoteliers, die sich vom Nationalpark einen Schub für den Tourismus erhoffen, sorgen sich um Ansehen und Gesundheit. „Die Gegner des Nationalparks sind verbittert und voller Hass. Ich fürchte, dass die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken“, erzählt ein Gastronom, der ebenfalls anonym bleiben will. Neulich habe er erlebt, wie Leute auf der Straße riefen: „Zu dem Dackel gehen wir nicht mehr ins Restaurant, der ist für den Nationalpark.“

Warum aber eskaliert die Stimmung derartig? Es scheint ein ganzes Ursachenbündel zu sein. Die einen halten Grün-Rot vor, es mit der Bürgerbeteiligung nicht wirklich ernst zu nehmen, weil „der Herr Bonde den Nationalpark durchsetzen wird, auch wenn es die Leute vor Ort nicht wollen“. Andere werfen Andreas Fischer, dem Koordinator des Widerstands, vor, die Lage gezielt zu verschärfen. In der Tat scheint der Mann aus Forbach im Murgtal die Dinge gerne zuzuspitzen. Nach den Protesten in Bad Wildbad gab er zu Protokoll: „Das war nur ein Vorgeplänkel. Wir haben noch jede Menge kreativer Ideen.“ Die Landesregierung kommt an diesen harten Kern der Nationalparkgegner längst nicht mehr heran. Der beste Beleg: Hermann Bareiss – eine Art Grandseigneur unter den Hoteliers – versucht seit Wochen mit dem „Forum der Mitte“ eine Art Schiedsstelle zu bilden, um Feinde wie Freunde des Nationalparks wieder zu versöhnen. Doch Fischer lehnt so etwas in seinem tiefsten Innern ab und meinte jüngst: „Es geht jetzt nicht mehr um Argumente, sondern nur noch um Emotionen.“

Minister Bonde wird immer mehr zur Zielscheibe der Kritik

Im gesamten Nordschwarzwald wird dies zunehmend mit Sorge beobachtet. „Der Herr Fischer verhält sich wie ein Demagoge“, sagt ein erfahrener Kommunalpolitiker und meint besorgt: „Wie weit soll das noch ausufern?“ Hier gehe es doch nicht um die Ansiedlung eines Atommüllendlagers, sondern nur um die Ausweisung eines Nationalparks, so wie es ihn im Bayerischen Wald und anderswo in Deutschland seit Jahrzehnten gibt. Doch zählt das noch? „Jetzt werden die Grünen die Geister nicht mehr los, die sie riefen“, analysiert ein Mittelständler aus dem Landkreis Freudenstadt und zieht Parallelen zum Milliardenprojekt Stuttgart 21. Damals seien Kretschmann und Co. die Keimzelle des Protests gewesen und hätten die Bürgerbeteiligung als Modell der Zukunft angepriesen. Nun, beim Thema Nationalpark, würden sie davon eingeholt. Frei nach dem Motto: Die Bürger im Nordschwarzwald dürfen und sollen ruhig ihre Meinung zum Nationalpark sagen, am Ende entscheidet aber trotzdem der Landtag, wo Grün-Rot die Mehrheit hat. „Viele Menschen in der Region fühlen sich verraten und verkauft“, sagt der Unternehmer.

Dabei wird Minister Bonde immer mehr zur Zielscheibe der Kritik. Neulich, so erzählt man sich in Baiersbronn, habe jemand beim Radiosender SWR 4 angerufen und sich für Bonde den Titel „Dich soll der Teufel holen“ gewünscht. Andere berichten, wie ein Plakat mit dem Schriftzug „Lieber ein Dorf im Grünen statt ein Grüner im Dorf“ aufgestellt wurde. Bonde selbst versucht ruhig zu bleiben und mit Argumenten gegenzuhalten. Doch das wird immer schwerer, zumal Regional- und Lokalpolitiker quasi bei ihm die Türklinke putzen, um den Zuschlag und damit die Zuschüsse für den Nationalpark zu erhalten. Den Anfang hatte der Calwer Landrat Helmut Riegger gemacht, der Grün-Rot anbot, weitere Flächen im Staatswald zu erhalten – auf dass der Nationalpark in den Kreis Calw kommt. Inzwischen haben auch Baden-Badens OB Wolfgang Gerstner und der Freudenstädter Landrat Klaus Michael Rückert dem Land weitere Flächen angeboten, damit sie den Zuschlag erhalten. Zwar betont Rückert am Dienstag, es dürfe „kein Wettrennen geben“ und er setze darauf, „dass die Landesregierung allein aus fachlichen Gründen entscheidet, wohin der Nationalpark kommt“. Aber das Thema ist längst ein Politikum geworden. Für die Gegner ist das Wettbieten Wasser auf ihre Mühlen. „Die Landräte und Oberbürgermeister sind doch alles Umfaller. Erst tun sie monatelang so, als würden sie den Nationalpark kritisch sehen. Und jetzt, wo es um die Vergabe geht, sind sie plötzlich dafür.“ Noch vor den Sommerferien, so heißt es am Dienstag, will Bonde eine Entscheidung fällen, wohin der Nationalpark kommt. Ob er in der Region Baiersbronn angesiedelt wird oder nicht, so viel steht fest: „Viele Narben werden nicht mehr heilen“, fürchtet ein Gastronom, „dafür sind die Verletzungen zu schwer.“

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