Am 27. Mai 1989 startete das sogenannte „Mariele“ am Göppinger Bahnhof zu seiner letzten regulären Fahrt mit Passagieren. Dass der Zugverkehr in Richtung Bad Boll – oder gar darüber hinaus – jemals wieder aufgenommen wird, ist recht unwahrscheinlich. Foto: privat

Eine Vorstudie kommt zwar zu dem Schluss, dass eine Gleisverbindung von Göppingen über Bad Boll nach Kirchheim unrentabel wäre. Die Diskussionen dürften dennoch weitergehen.

Kreis Göppingen - Mit Kosten zwischen 300 beziehungsweise mehr als 400 Millionen Euro, je nach Streckenführung, rechnet das Aalener Ingenieurbüro Bernhard Brenner. So viel würde, einer Vorstudie der Fachleute zufolge, die Einrichtung eines Schienenverkehrs zwischen Göppingen und Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) kosten. Dieser Kostenrahmen war bereits vor drei Jahren im Rahmen einer Masterarbeit ermittelt worden.

Laut den Experten würden ferner und im besten Fall lediglich 1800 Personen das neue ÖPNV-Angebot durchschnittlich pro Tag nutzen. Damit sich der Betrieb lohnt, müssten es allerdings mindestens 2500 Nutzer sein. Von einer Wiederbelebung der noch vorhandenen Bahnstrecke bis Bad Boll raten die Experten ebenfalls ab. Auch hier halten sie eine Reaktivierung für nicht rentabel. Am nächsten Dienstag berät nun der Kreistagsausschuss für Umwelt und Verkehr über das weitere Vorgehen. Die Kreisverwaltung schlägt vor, weder die alte Boller Bahn zu reaktivieren, noch eine neue Durchbindung über Weilheim bis nach Kirchheim weiter zu verfolgen. Dass das Dauerthema aufgrund dieser Erkenntnisse nun endgültig vom Tisch ist, darf indes bezweifelt werden. Seit Jahren zanken sich Politiker der verschiedensten Parteien in unterschiedlichen Gremien über Sinn oder Unsinn einer Zugverbindung aus dem Filstal beziehungsweise aus dem Voralbgebiet in Richtung Fildern und Stuttgart.

Vorpreschen von CDU-Kreisrat Rainer Staib sorgt für Ärger

Erst kürzlich hatte der Bad Boller CDU-Kreisrat Rainer Staib für Verwunderung und Ärger gesorgt, nachdem er in einer Pressemitteilung auf die bis dahin nur hinter verschlossenen Türen vorgestellten Ergebnisse der Vorstudie eingegangen war. „Wer hatte schon ernsthaft damit gerechnet, dass eine mögliche Zugverbindung über Bad Boll hinaus nach Weilheim und Kirchheim wirtschaftlich darstellbar ist?“, fragt sich Staib nach wie vor.

Zu dieser Erkenntnis verhelfe einem bereits der einfache Menschenverstand. „Tatsache ist, dass jeder, der sich ein Bild vor Ort macht, nur zu dem jetzigen Entschluss kommen kann – eine Weiterführung ist schlicht zu teuer“, betont Staib. Ein steuerfinanziertes Gutachten sei dafür alles andere als notwendig gewesen. Gekostet hat die Expertise rund 20 000 Euro. Sie ist mithin die vierte Studie, die seit 1996 zur Boller Bahn erstellt wurde.

Tunnel und Brücken wurden den Bau teuer machen

Was den Bau der Strecke über Bad Boll hinaus so teuer machen würde, wären vor allem die dafür notwendigen Tunnel und Brücken. So sind einige Teile in Bad Boll und Weilheim, wo es keine Bestandsstrecke gibt, eine Streckenführung aber sinnvoll wäre, mit Wohnhäusern bebaut. Diese müssten untertunnelt werden. Hinzu müssten bis zu fünf Eisenbahn- und drei Straßenbrücken gebaut werden, die die Kosten für die knapp 30 Kilometer lange Gesamtstrecke in die Höhe treiben würden. Ein weiterer Knackpunkt wäre die Untertunnelung der Autobahn 8 sowie der künftigen Schnellbahntrasse Stuttgart-Ulm, die parallel zur Autobahn verläuft.

Ermöglichen würde eine solche Verbindung hingegen, in 35 Minuten von Göppingen mit dem Zug nach Kirchheim zu kommen. Den jetzigen Schätzungen zufolge würden zwischen 1300 und 1800 Kunden das Angebot durchschnittlich pro Tag nutzen. Eine alternative Schnellbusverbindung, die mit 55 Minuten viel länger bräuchte, käme täglich nur auf rund 100 bis 450 Fahrgäste. Die Zugverbindung von Göppingen lediglich bis Bad Boll wiederzubeleben wäre aus Sicht des Ingenieurbüros Brenner ebenfalls unrentabel, auch wenn diese aufgrund der bereits bestehenden Gleise kostengünstiger wieder in Betrieb genommen werden könnte.

Der Verein „Ein neuer Zug im Kreis“ will weiter kämpfen

Allein die ehemalige Boller Bahn wieder in Betrieb zu nehmen, ergibt auch für den Vorsitzenden des Vereins „Ein neuer Zug im Kreis“, Dieter Vetter, wenig Sinn. Sein Verein möchte weiter für eine Durchbindung der Gleise bis nach Kirchheim kämpfen. Von der neuesten Studie wollen sich die Mitglieder nicht entmutigen lassen.

Für Vetter ist der Hinweis auf eine finanzielle Unrentabilität ein vorgeschobenes Argument. „Wenn ich etwas nicht möchte, finde ich auch Argumente dagegen“, sagt er. Der Landkreis denke zu kurzfristig, findet Dieter Vetter. Und wo es einen politischen Willen gebe, da gebe es auch einen Weg, um das Projekt zu verwirklichen. Von einem Busverkehr als Ersatz für die Schiene hält er wenig. „Mit einem Bus steht man genauso im Stau, wie mit dem Auto“, gibt Vetter zu bedenken.

Zahlreiche Berufspendler aus dem Albvorland stünden sich seit vielen Jahren die Reifen platt, wenn sie auf der Autobahn 8 mit dem Auto in Richtung Stuttgart fahren würden, fügt er hinzu. Die Autobahn ist täglich ebenso verstopft wie die Bundesstraße 10. Dass es angesichts der Dauerstaus im Berufsverkehr genügend Fahrgäste für die neue Zugstrecke geben könnte, davon ist Vetter fest überzeugt.

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