Der 43 Stunden andauernde Streik der Lokführer wirft bereits am Dienstag seine Schatten voraus: Reisende in Stuttgart und Umgebung haben kaum mehr Verständnis für den Ausstand. Wir haben uns bei den Fahrgästen umgehört.

Stuttgart - An ihrer Entscheidung wird sich nichts mehr ändern. Heidemarie Genth, 72 Jahre alt, steht im Eingangsbereich des Reisezentrums am Hauptbahnhof. Hier, direkt hinter den Schiebetüren, hat die Deutsche Bahn ein Gerät aufgestellt, das die Kundenzufriedenheit der Reisenden messen soll. „Wie zufrieden waren sie heute mit dem Reisezentrum?“, steht in weißen Buchstaben auf rotem Grund.

Hier lesen Sie, wie Sie an Streiktagen ihr Ziel erreichen können.

Frau Genth hat die Wahl: Grüner Knopf, freundlicher Smiley, roter Knopf, trauriger Smiley. Zum Lächeln, sagt die Ludwigsburgerin, ist hier heute nicht zumute. Ihren Unmut lässt sie an der Bahn aus.

„Ich muss morgen von Zuhause nach Stuttgart, weil wir ein wichtiges Treffen mit unserem Bibelgesprächskreis in der Stiftskirche haben“, echauffiert sich die Rentnerin. „Aber niemand kann mir sagen, wann meine Bahn, die S 4, genau fährt.“ Der eben angesprochene Mitarbeiter des Reisezentrums jedenfalls, auf dessen Hemd „Automatenguide“ stand, scheint nun wie vom Erdboden verschluckt. Genth ist verunsichert.

Es hängt einmal mehr am Temperament des Claus Weselsky

Ähnlich geht es vielen Reisenden am Tag vor dem nächsten großen Streik. Und wie bei den sechs vorausgegangenen Ausständen, die weite Teile der Republik lahmlegten, hängt es auch dieses Mal wieder am Temperament eines 56-jährigen Mannes, dem immer mehr Gegenwind entgegenschlägt: Claus Weselsky, seit fast drei Jahren Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL). Der Gewerkschaft geht es in der Tarifrunde mit der Bahn nicht zügig genug voran. Erfolge sieht die GDL auch nach 16 Verhandlungsrunden nicht.

Ihre Hauptziele: Fünf Prozent mehr Lohn für die Lokführer sowie eine Arbeitszeitverkürzung der Mitarbeiter. Die Tarifverhandlungen mit der Bahn waren am Freitag erneut gescheitert. Dieses Mal herrschte Uneinigkeit vor allem bei der Rolle der sogenannten Lokrangierführer, die keine Züge steuern, sondern für das Rangieren auf den Bahnhöfen verantwortlich sind.

Diese dürften – im Vergleich zu den besser bezahlten Lokführern – nicht zum „billigen Jakob im Tarifvertrag“ werden, sagte Weselsky. Die Konsequenz: Einerseits 66 Stunden Streik im Güterverkehr, der bereits am Dienstag begonnen hat. Andererseits, was die Gemüter stärker aufwühlen dürfte, rund 43 Stunden Streik im Personenverkehr, von Mittwochmorgen um 2 Uhr bis Donnerstag um 21 Uhr. Und das wirbelt einmal mehr, die Tagesplanung von Reisenden und Pendlern in ganz Deutschland durcheinander, weil Züge sich verspäten oder ganz ausfallen.

"Wann die S-Bahnen genau fahren, ist nicht ersichtlich"

Marc Metzger zum Beispiel steht am Dienstagmittag am S-Bahn-Gleis des Hauptbahnhofs und blickt auf sein Handy. Der 26-Jährige versucht herauszubekommen, welche Züge er am nächsten Tag zur Arbeit nehmen kann. Er arbeitet bei der Techniker Krankenkasse im Norden der Stadt und muss irgendwie aus dem äußersten Südwesten, aus Rohr, dorthin gelangen. „Die S-Bahnen fahren offenbar nur im Stundentakt. Wann genau, ist aber nicht ersichtlich“, sagt er.

Das gilt für fast alle S-Bahnen in der Region Stuttgart. „Die Linien S 1, S 2, S 3 und S 6 fahren auf dem gesamten Laufweg im stündlichen Takt“, erklärt ein Sprecher der Bahn. Die Linien S 4 und S 5 fahren stündlich und nur auf einer verkürzten Route (Abschnitt Backnang-Marburg entfällt, bzw. endet bereits in Zuffenhausen). Die S 60 entfällt laut Bahnsprecher komplett. Im Fernverkehr versucht die Bahn, immerhin ein Drittel der Züge fahren zu lassen.

„Ich bin froh, dass ich morgen nicht zu einer bestimmten Uhrzeit zum Flughafen muss oder auf den Fernverkehr angewiesen bin“, sagt der Stuttgarter Marc Metzger. Bei ihm wie bei vielen anderen Passagieren scheint das Verständnis für die Streikenden allmählich zu schwinden.

Auf Unverständnis trifft der Streik nicht nur bei den Bahnkunden. Zurückhaltend zeigte sich sogar der Dachverband der Lokführergewerkschaft, der Deutsche Beamtenbund (DBB). Klaus Dauderstädt, Chef des Verbands, gab sich besorgt und erteilte GDL-Chef Weselsky bereits öffentlich Ratschläge: Erstmal Teilergebnisse festmachen, wenn nicht alles auf einen Schlag zu lösen sei, hatte Dauderstädt am Montag in der „Süddeutschen Zeitung“ empfohlen.

Empörung rief der erneute Ausstand des Güterverkehrs bei der Wirtschaft hervor. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kritisierte den Streik als „Gift für den Standort Deutschland“. Der Bundesverband Groß- und Außenhandel überschrieb seine Stellungnahme unmissverständlich mit den Worten: „Verständnislos und bestürzt“. Und der Bundesverband kritisierte weiter: „Eine kleine Gruppe versucht wieder einmal auf dem Rücken von Wirtschaft und Bevölkerung ihre Partikularinteressen durchzusetzen.“

Immerhin vier von fünf Bahn-Lokführern sind in der GDL organisiert, das macht die Gewerkschaft so mächtig.

Auf massiven Widerstand stößt der neuerliche Streik auch bei Bahn-Personalchef Ulrich Weber, der sich sonst besonnen gibt. Die Bahn beteuerte, bei der Frage der künftigen Tarifstruktur sei man doch einen Meter vor der Ziellinie gewesen. Nächste Woche hätte man über mehr Geld und Arbeitszeiten sprechen können. Für Weber lässt das nur einen Schluss zu: „Die GDL setzt ihre eigenen Erfolge aufs Spiel.“

Aktuelle Informationen gibt es auch auf bahn.de

Zudem hat die Deutsche Bahn unter 08000 99 66 33 eine kostenlose Servicenummer geschaltet.

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