Weil die S-Bahn in den Sommerferien nicht fährt, ist ersatzweise ein Pendelzug zwischen Böblingen und Stuttgart unterwegs. Dabei setzt die Deutsche Bahn 1970er-Jahre-Züge ein – ein Trip in die Vergangenheit.
Halt in Böblingen. Die Fahrgäste müssen zweimal rütteln und reißen, bis die Tür endlich aufgeht. Den altmodischen Drehgriff haben die meisten schon lange nicht mehr gesehen – die Art zu öffnen, ist ungewohnt bis längst vergessen. Im Abteil kommen schnell nostalgische Gefühle auf: Das Design stammt aus längst vergangenen Zeiten; die Sitze sind um einiges unbequemer als in modernen Waggons; ein einst vertrautes Schild am Fenster verbietet, Flaschen hinauszuwerfen; die Heizung können die Fahrgäste noch selbst regeln; und die Abteiltüren („Automatik“!) gehen bei der ruckeligen Fahrt regelmäßig langsam auf und zu – wie auf einem schwankenden Schiff.
Eine pfiffige Geschäftsidee
Herzlich Willkommen im Regionalzug 14a, der derzeit aushilfsweise zwischen Stuttgart und Böblingen mit Zwischenhalt in Vaihingen verkehrt. Die S-Bahn-Stammstrecke ist gesperrt, die Ersatzbahn von anno dazumal schafft Abhilfe. Aber warum ist hier ein älterer Zug im blau-weißen Retro-Look und mit Aufschrift „TRI“ unterwegs? Das Rätsel ist schnell gelüftet, die Lösung offenbart eine ungewöhnliche Geschichte und eine pfiffige Geschäftsidee.
Hinter dem Kürzel steckt die Train Rental GmbH mit Sitz in Eckental bei Nürnberg. Dabei verweisen die Buchstaben eigentlich auf den Firmengründer Tobias Richter. Der hatte einst bei der Deutschen Bahn gelernt und gearbeitet, ehe er sich in eine parallele Spur begab. Seit 2013 widmet sich TRI dem Erhalt historischer Bahnfahrzeuge. Über diese Schiene hat sich die Firma zu einem Dienstleister für Ersatz- und Notverkehre entwickelt – von reiner Fahrzeugvermietung bis zum „Full-Service“ mit Zugführer.
15 Lokomotiven und etwa 100 Wagen hat TRI inzwischen zur Verfügung
Sprich: Wenn die Deutsche Bahn oder ein anderes Eisenbahnunternehmen wegen Baustellen, Ausfällen oder sonstigen Schwierigkeiten weitere Wagen oder Züge braucht, gehört TRI inzwischen zu den ersten Ansprechpartnern. „Das hat damals klein angefangen und ist enorm gewachsen“, erläutert TRI-Manager Andreas Kühner. Die Train Rental GmbH vermietet der Deutschen Bahn nun also jene Wagen zurück, die das Staatsunternehmen ausgemustert und günstig abgegeben hat. Hier zeigt sich der Firmengründer Tobias Richter nicht nur als gewiefter Geschäftsmann, sondern gleichsam als Mann der Nachhaltigkeit. Denn so stehen die ehedem ausrangierten Züge weiterhin unter Strom.
15 Lokomotiven – zumeist Typ 110 oder 111 – und etwa 100 Wagen gehören inzwischen zum TRI-Fuhrpark, allesamt älteren Datums, in der Regel aus den 1970er Jahren, repariert, gewartet, einsatzbereit und größtenteils irgendwo auf der Strecke. 130 Mitarbeiter zählt das Unternehmen – Verwaltungspersonal, Techniker, Zugführer. „Im Raum Stuttgart sind wir viel unterwegs“, berichtet Kühner, „wir fahren von Stuttgart aus auch nach Tübingen, nach Aalen oder Nürnberg.“ Aber auch Schlafwaggons zwischen Berlin und Brüssel oder Fußball-Sonderzüge in Nordrhein-Westfalen stammen von TRI. „Sobald es irgendwo klemmt, springen wir ein“, so Kühner.
Rollstuhlfahrer haben kaum eine Chance
Zwischen Böblingen und Stuttgart sind nun sogenannte Silberlinge unterwegs – wenn auch blau und rot lackiert. Die Wagenreihe der Deutschen Bahn, die zwischen 1958 und 1980 gebaut wurde, verdankt den ursprünglich unlackierten Wagenhüllen aus blankem Stahl ihren Namen, in späteren Jahren bekamen sie aber auch Farbe ab. Vorne dran rauscht eine rote Lok vom Typ 111 – ein Klassiker. Und ist im Zuginnern noch ein Ruckeln und Zuckeln zu spüren, dass man von modernen Bahnen nicht mehr kennt.
Ein großes Manko der alten Züge: Sie sind nicht barrierefrei – dies gehörte damals noch nicht zum Standard. Ein Rollstuhlfahrer zum Beispiel hat kaum eine Chance einzusteigen. Im Fall der Strecke Stuttgart-Vaihingen-Böblingen wird das dann so gelöst, dass die TRI-Züge sich mit Regionalbahnen jüngeren Datums abwechseln – so ist zumindest stündlich die barrierefreie Mitfahrt möglich, eine halbe Stunde später stehen dann wieder die Silberlinge bereit.
Verspätung trotz kurzer Strecke
Stört die Fahrgäste der fehlende Komfort? Auf dieser kurzen Strecke, darf man vermuten, wohl kaum. Zumal das viel größere Ärgernis ist, dass es selbst auf diesen wenigen Kilometern zu erheblichen Verspätungen kommt. Weil es seit Kurzem auf der Panoramabahn-Strecke in Richtung Stuttgart Gleisschäden gibt, ist ein längerer Abschnitt nur einspurig befahrbar. Die Züge müssen den Gegenverkehr an dieser Stelle abwarten und verspäten sich unweigerlich.
Auch die Schaffner-Durchsage an der Endstation Böblingen hat es in sich. Da wird auf den Bus-Ersatzverkehr nach Herrenberg (weil die S-Bahn-Strecke in diese Richtung gesperrt ist), auf den Bus-Ersatzverkehr nach Dettenhausen (weil die Schönbuchbahn gesperrt ist) und auf den IC-Ersatzverkehr nach Horb (weil die Gäubahn gesperrt ist) hingewiesen – Bahnreisende haben es zurzeit nicht leicht.
Gesperrte Stammstrecke
Sperrung
Wegen der Digitalisierung der Stuttgarter S-Bahn-Stammstrecke ist die Trasse zwischen Hauptbahnhof und Vaihingen vom 29. Juli bis zum 8. September gesperrt.
Ersatzverkehr
Bereits in den Vorjahren war die Tunnelstrecke wegen Bauarbeiten während der Sommerferien zu. Als die S-Bahnen 2022 über die Panoramastrecke auswichen, stellte sich heraus, dass sie für diese Trasse ungeeignet sind und es zu gravierenden Schäden an den Rädern kommt. Deshalb setzt die DB nun Regionalzüge ein.