Das Gebäude an sich hat alles, was so ein Bahnhofsbau haben muss. Aber der Haupteingang erfüllt seine ursprüngliche Funktion nicht. Foto: Johannes M. Fischer Foto:  

Der Bahnhof in Esslingen ist nicht der schönste im ganzen Land, aber er ist eigenartig. Und er hat was, was die Schönen weniger haben: Er hat Luft nach oben. Ein Bahnhofsporträt.

Esslingen - Drei kleine und ein großer: Das ist die Esslinger Bahnhofslandschaft. Die kleinen sind für Ziele in der Region da. Am Hauptbahnhof aber geht es hinaus in alle Welt. Allerdings heißt er nicht Hauptbahnhof, sondern nur Bahnhof, und vielleicht steckt in dieser Bescheidenheit auch ein Stück Selbsterkenntnis. Denn der Bahnhof in Esslingen am Rande der Altstadt steht im wahrsten Sinne des Wortes neben sich.

 

Der Haupteingang ist nicht immer offen

Das Gebäude ist ein schönes Bahnhofsgebäude – nicht mehr, nicht weniger. Jahrgang 1883. Der Haupteingang ist nicht immer offen. Die Nebeneingang rechts wird abends ebenfalls abgeschlossen. Über der Tür hängt ein Schild. Es verweist auf eine Krankenkasse. Im Innern gibt es tagsüber aber noch was anderes. Kundenschalter und eine Videoeinrichtung, wo Bahnkunden live mit einem Angestellten sprechen. Der blickt sie aus einem Monitor an, weil er in einer anderen Stadt sitzt. Es ist eine Art Callcenter mit Kamera und nennt sich Video-Reisezentrum.

Der linke Flügel des Gebäudes hat mehr Ausdauer und ist länger offen: Dort verkauft eine Fast-Food-Kette ihr schnelles Essen. Wer aber zu den Gleisen will, muss neben das Gebäude. Dort führen Treppen hinunter in einen lang gezogenen Tunnel ohne Geschäfte, ohne Verweilecken, ohne Service. Ein ausladender Angstraum, wo man durchhasten, aber keinesfalls verweilen möchte. Außer der armen Frau, die sich hier manchmal stumm aus der Wand schält und um Almosen bittet. Es gibt auch einen Aufzug, der ist aber öfter mal kaputt.

Schwacher Trost: Es gibt noch welche, die hässlicher sind

Der Esslinger Bahnhof gehört nicht zu den besonders attraktiven Großstadtbahnhöfen in Deutschland, wobei Esslingen rein formal nur fast eine Großstadt ist. Doch auch die meisten kleineren Städte mit mehr als 50 000 Einwohner haben sich das Tor zur Stadt meistens hübscher gestaltet. Manch einer in der Stadt tröstet sich dennoch damit, dass es eine Reihe von Städten gebe, deren Bahnhöfe noch weniger Ausstrahlung hätten. Und das stimmt. Diese besonders hässlichen Bahnhöfe sind allerdings schwer zu finden, weil die dazu gehörigen Orte in der Regel keine Touristenorte sind.

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Aber es gibt noch mehr Trost: Es gab eine Zeit, da war es auch in Esslingen schlimmer. Deshalb gab der Volksmund der Stadt den Beinamen Hässlingen. Die EZ kommentierte in den 1960er-Jahren, es müsse doch endlich mal möglich sein, „den Bahnhof wenigstens in einen menschenwürdigen Zustand zu versetzen“. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat sich in dieser Hinsicht einiges getan.

Wenn auch die Momentaufnahme nicht die volle Punktzahl erreicht, eigentlich nicht einmal die Hälfte davon, so stimmt wenigstens die Entwicklung. Auch die am Bahnhof. Und wenn man genauer hinschaut, muss man einräumen: An sich bietet der Bahnhof sehr viel mehr als der erste Blick wahrhaben will. Vor allem Potenzial. Und, auch das gehört zur Wahrheit: Einige Schönheitsfehler muss man einfach akzeptieren.

Es wird sich was verändern – zumindest ist der Wille da

Und noch ein Trost: Der Bahnhof wird zum Stadtthema werden. Schon im Oberbürgermeister-Wahlkampf setzte sich Matthias Klopfer, der die Wahl gewann, für ein attraktiveres Bahnhofsumfeld ein. Wie aus dem Rathaus zu hören ist, plant auch der Sozialbürgermeister Yalcin Bayraktar eine größere Offensive. Er denkt nicht in Steinen, sondern hat das soziale Gefüge im Blick. Das eine hängt mit dem anderen zusammen. Es kann also sein, dass es weiter aufwärts geht. Die Baustruktur an sich ist so, wie sie ist. Esslingens Stadtkern wird von einem an sich sinnvollen Altstadtring umkreist, der auch am Bahnhof entlangführt. Das hält den Autoverkehr weg von der Innenstadt.

Dieser Ring trennt aber auch den Bahnhof von den Gleisen. Deshalb gibt es eine Unterführung, die aber nicht vom Bahnhofsgebäude zu den Gleisen führt, sondern neben dem Gebäude verläuft. Das ist der Grund, warum der Bahnhof neben sich steht. In der engen Unterführung selbst ist kein Raum für Kioske oder Geschäfte. Auch daran lässt sich, wenn überhaupt, nur dann etwas ändern, wenn es plötzlich Geld vom Himmel regnen und Esslingen eine Riesenbaustelle aufmachen würde. Aber so ein großes Loch wie in Stuttgart wird es in Esslingen mit Sicherheit nie geben, auch wenn man niemals nie sagen sollte.

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Ein Platz wie eine Rumpelkammer

Deshalb heißt es in Esslingen: Positiv denken! Mit etwas gutem Willen könnte auch der Platz vor dem Bahnhof einiges wettmachen, was die räumlichen Begebenheiten sonst nicht so hergeben. Sein Vorteil: Er ist nicht befahren, jedenfalls nicht von Autos. Ein Schild am westlichen Rand weist einen Fahrradweg aus, der sich aber irgendwo auf dem Platz verliert.

Zurzeit sieht es dort ohnehin aus wie in einer Rumpelkammer. Unter anderem steht dort ein Coronatestzelt, daneben ein Info-Container zur Neuen Weststadt, die in der Nachbarschaft gerade entsteht. Alles wirkt irgendwie hingestellt, provisorisch und unpassend. Dazwischen ein einsamer Baum und ein paar Bänke und ein paar wartende und ein paar einsame Menschen.

„Schön gemacht!“, sagen manche Esslinger. Vor allem zweckdienlich wurde vor einigen Jahren der ZOB unmittelbar vor den Bahnhof gelegt. ZOB ist der Zentrale Omnibusbahnhof. Er hat sogar ein preisgekröntes Dach. Aber nicht jeder Esslinger findet es schön. Es wird viel darüber gelästert. Aber das gehört ja zum Leben – wie der Bahnhof zur Stadt.

Bahnhöfe in Esslingen

Zentraler Bahnhof
Das Empfangsgebäude wurde 1883 gebaut. Die Fußgängerunterführung wurde etwa 40 Jahre später gegraben. Pro Tag werden hier fast 30 000 Passanten gezählt. In den kommenden Jahren ist zusammen mit dem Verband Region Stuttgart (VRS) – wie auch an den anderen Bahnhöfen – ein barrierefreier Ausbau geplant, wovon vor allem Reisende profitieren, die im Nahverkehr S-Bahn fahren.

Esslingen-Mettingen:
Das Empfangsgebäude stammt aus den Jahren 1921/22. In dieser Zeit wurde auch die Fußgängerunterführung gebaut, die 1971 dann bis zum Daimler Werk verlängert wurde. Bis zu 5000 Menschen steigen hier wie auch an den anderen kleineren Bahnhöfen jeden Tag ein und aus.

Esslingen-Zell
und Oberesslingen
Die Empfangsgebäude wurden 1970 hochgezogen, die Fußgängerunterführung entstand bereits zwei, drei Jahre früher.