Bahnfahren hierzulande kann gerade billig sein. Ein Vergnügen ist es selten. Das System hat die Krise, die Folgen sind gravierend.
Ende April dieses Jahres machte eine Meldung aus Japan ordentlich Schlagzeilen: Wegen einer einzigen Minute Verspätung nämlich war einem Lokführer dort der Lohn gekürzt worden. Der Fall, den der Lokführer als Ehrverletzung betrachtete, landete vor Gericht – und schließlich kam das Bezirksgericht der Präfektur Okoyama zu dem Ergebnis, dass die Lohnkürzung zu widerrufen sei. Die Ehre des leider inzwischen verstorbenen Mitarbeiters war wieder hergestellt. Eine merkwürdige Geschichte.
So richtig skurril wird sie aber erst, wenn man darum weiß, dass es sich um einen leeren Zug auf dem Weg ins Depot gehandelt hatte. Keinem einzigen Fahrgast war durch die unerträgliche Schande der Verspätung eine Unannehmlichkeit entstanden. Es ging einfach ums Prinzip. Die West Japan Railway Company wollte ihr Gesicht wahren: Zuverlässigkeit ist in Japan oberste Pflicht, selbst auf dem Weg ins Depot.
Die schlimmsten Schauergeschichten
Solche Meldungen stammen aus deutscher Sicht von einem anderen Planeten. Denn in Deutschland ist die Presse voll mit ganz anderen Meldungen und Reportagen. Die Textgattung der apokalyptischen Reisebeschreibung aus der überfüllten Regionalbahn ist bereits zu einem eigenen journalistischen Genre geworden. Schon bald wird hierfür wohl ein eigener Journalistenpreis eingerichtet werden, so darf man vermuten.
Und auch in den sozialen Medien ist der Wettbewerb um die schlimmsten Schauergeschichten aus dem deutschen Bahnchaos ein beliebter Sport. Immer gibt es jemanden, der noch einen draufsetzen kann: kollabierende Omas, weinende Kinder, Notgeburten, Randale, Tränen und Versöhnung. Es geht drunter und drüber wie bei Dostojewski.
Aber in der Tat: Wer je in Japan zur Personenbeförderung den Zug genommen hat, wird das Geschiebe und Geschubse in deutschen Zügen als Rückfall in eine relative Barbarei erleben. Selbst die Bahnsteige sind in Deutschland häufig überfüllt. Und in den Zügen suchen die Menschen ewig nach ihren reservierten Plätzen, mit Rollkoffern im Schlepptau.
Es ist nicht mehr lustig
Lange konnte man über die Unzuverlässigkeit der Bahn lachen. Wer sich für das stoische Ideal der Unerschütterlichkeit interessierte, mochte in der Bahn Seneca und Epikur lesen und dabei die eigene Ataraxia üben. Aber nun ist ein Punkt erreicht, an dem viele sagen: Es ist nicht mehr lustig.
Der tragische Unfall einer Regionalbahn bei Garmisch-Partenkirchen zeigt unter anderem, dass es bei der Krise der Bahn nicht bloß um Bagatellen geht. Hier werden Menschen nicht nur genervt, sondern auch gefährdet. Das Chaos muss ein Ende haben. Es reicht.
Aber wie kommt man anlassgemäß über das bloße Klagen und Anklagen hinaus? Hier ein Versuch: Man könnte für einen Moment den theologischen Begriff des Apokalyptischen ernst nehmen. Vielleicht geht es bei der aktuellen Verdichtung von Chaosmeldungen tatsächlich um eine Art „Enthüllung“, ein „Offenbar-werden“ von etwas, das schon vorher da war: Eine tiefe Krise nicht nur des Bahnmanagements, sondern unseres Umgangs mit Gemeingütern.
Kurzer Blick in die Schweiz
Was damit gemeint ist, wird deutlich, sobald man über die Landesgrenzen hinausblickt. Man muss dabei nicht mal bis nach Japan schauen, um zu sehen, dass der öffentliche Schienenverkehr sehr viel besser funktionieren kann als in Deutschland. Schon in der Schweiz finden wir eine völlig andere Situation vor. Hier geht alles vielleicht etwas langsamer, aber dafür eben sehr zuverlässig. Beim Umsteigen ist ein kleiner Zeitpuffer eingebaut; anders als in Deutschland sind die Bahnhöfe nicht völlig überlastet – und kaum jemand rennt.
Wer von Zürich nach Stuttgart reist, erlebt einen entsprechend drastischen Kontrast: Kurz nach der Grenze beginnt das Chaos. Jede neue Zugdurchsage lässt die Reise zum Vabanque-Spiele werden. Nie kann man wissen, was nun wieder als Nächstes zu beachten ist. Die Eidgenossen hingegen wirken entspannt, schrecken nicht bei jeder Durchsage auf, sie blicken nicht ständig panisch auf die Navigator-App auf ihrem Smartphone.
Manche Menschen fühlen sich „abgehängt“
Nun könnte man einwenden, die Schweiz sei kleiner, der Bahnverkehr dort leichter zu organisieren. Aber kann dieses Argument wirklich tragen? Die Schweiz scheint aus einem anderen Grund besser dran zu sein: Hier wird besonders deutlich, dass die berühmte SBB nicht nur im wortwörtlichen Sinn „verbindet“, sondern auch ein symbolisches Netz durch die Alpenrepublik spannt. „Abgehängt“ fühlen sich die Menschen in der Schweiz vielleicht auch deshalb weniger, weil beinahe in jedes Bergdorf zuverlässig ein großer gelber Postbus kommt – vielleicht nur zweimal am Tag, aber er kommt.
Die verkehrstechnische Anbindung und deren Zuverlässigkeit wären aus dieser Perspektive viel mehr als bloße Dienstleistungen oder Konsumgüter. Sie drücken auch aus, dass man allen Bürgerinnen und Bürgern Anerkennung zollt, dass man darauf Wert legt, dass „alle mitkommen“, dass es gemeinsame Aufgaben gibt, die man auch gemeinsam bewältigt. Die Schweizer Verkehrspolitik „nimmt alle mit“, wortwörtlich wie im übertragenen Sinn.
Das Chaos um das 9-Euro-Ticket
So gesehen „enthüllt“ das Chaos um das kürzlich eingeführte 9 Euro-Ticket, dass die Lage in Deutschland ganz anders ist. Schon seit Langem war die Bahn unzuverlässig – obwohl die Mitarbeiterinnen ihr Bestes tun, um die Mängel und Planungsfehler zu kompensieren. Nun aber droht im Sommer wohl eine Art Systemkollaps. Die Katze beißt sich beispielsweise in den Schwanz, wenn Züge verspätet sind, weil Lokführer verspätet ankommen – in verspäteten Zügen.
Irgendwann scheint ein Punkt erreicht, an dem Bahnfahren schlicht unzumutbar wird. Man kann weder Termine vereinbaren, die an Bahnverbindungen hängen, noch will man Gästen aus dem Ausland die Benutzung der Bahn zumuten. Wie viele japanische Geschäftspartner, so muss man sich fragen, werden eigentlich unsinnigerweise mit dem Auto in Frankfurt am Flughafen abgeholt, nur um ihnen die Peinlichkeit einer Bahnfahrt in Deutschland zu ersparen? Das Bahnchaos blamiert ein ganzes Land.
Daher sind die anhaltenden Klagen auch nicht als bloßes Gejammer verwöhnter Kunden zu verstehen. Vielmehr geht es um eine Art Kipppunkt, der nun erreicht scheint, ein Umkippen von Quantität in Qualität. Wenn der ICE nach Hamburg in umgekehrter Wagenreihung statt auf Gleis 5 auf Gleis 7 abfährt, statt des ICE ein Interregio ist und statt nach Hamburg nach Homburg fährt – ist er dann noch derselbe Zug? Wenn der pünktliche Zug, der gelungene Anschluss und das funktionierende Bordbistro zur Ausnahme werden, schwindet das Systemvertrauen.
Keine gute Frage für die Demokratie
Gefährlich an der Krise der Bahn ist neben der rein gesundheitlichen Gefährdung die Erosion von Systemvertrauen. Wer nachts am Hauptbahnhof Mannheim strandet und dann ein billiges Hotel zugewiesen bekommt, um am nächsten Morgen in aller Früh die Reise nach Stuttgart fortzusetzen, die eigentlich am Vorabend um 19 Uhr hätte zu Ende sein sollen, fragt sich: „In welchem Land lebe ich eigentlich?“ Und das ist für eine Demokratie keine gute Frage.
Aber genau darin besteht die beinahe demokratiegefährdende Dimension des großen „Bahnsinns“: Das Zutrauen in die kollektive Handlungs- und Problemlösungskompetenz sinkt. Wenn wir noch nicht einmal eine Zugfahrt von München nach Frankfurt ohne Zwischenfall organisieren können, wie wollen wir dann dem Klimawandel begegnen?, so könnte man fragen.
Verschärft wird diese Wirkung durch den Umstand, dass die Probleme insgesamt ja nicht neu sind: Es entsteht der Eindruck, dass die Lage schlimmer wird, dass die Anpassungen, Reformen, Rettungsversuche ausbleiben. Abgeladen wird all dies nicht zuletzt bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bahn. Sie sind dem Frust der Menschen ausgesetzt, obwohl sie nur Teile eines Systems sind, dass sie ja nicht selbst zu verantworten haben.
Vorteil: Gemeingüter
Aber was zeigt im Kontrast hierzu das Beispiel der Schweiz? Es scheint kein Zufall, dass dort ganz anders auf die Bahn geschaut wird. Hier hat man viel Erfahrung mit sogenannten Allmende-Gütern, also beispielsweise den Gemeindewäldern, die allen Dorfbewohnern gehören und daher gemeinsam pfleglich und nachhaltig bewirtschaftet werden müssen. Könnten wir nicht auch die Bahn in diesem Sinne als ein Gemeingut verstehen?
Die Krise der Bahn würde sich aus dieser Perspektive einreihen in die Krise anderer Gemeingüter. Die ständige Vermüllung von Parks, die flächendeckende Verlotterung von Schulen, die hemmungslose Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes und die Degradierung der Stadt zur bloßen „City“ wären dann allesamt Indizien für eine Krise der Gemeingüter. Solche Güter sollen den Staat als fähig vorführen, nicht als Versager.
Die Bahn – und damit letztlich der Staat – mutet einem oft Unzumutbares zu. Und die eigentliche Tragik besteht darin, dass diese Zumutung in einem völlig unnötigen Bereich und ohne jeden Sinn erfolgt. Die Konsequenz droht dann aber zu sein, dass sich Bürgerinnen und Bürger von diesem Staat nichts anderes mehr zumuten lassen wollen. Das mit Groll geflüsterte „Es reicht“ ist gefährlich.
Die Idee der „angenehmen“ Bahn
Denn in anderen Bereichen kann der Staat die Gemeingüter nicht ohne und vor allem nicht gegen Bürgerinnen und Bürger bereitstellen. Der Klimakrise werden Demokratien nur erfolgreich begegnen können, wenn der Staat und die Bürgerinnen und Bürger gemeinsam und nicht gegeneinander agieren. Der demokratische Rechtsstaat muss auch Zumutungen formulieren können. Eine funktionierende, zuverlässige, ja – was für eine verrückte Idee! – angenehme Bahn wäre das perfekte Symbol dafür, dass kollektives Handeln gelingen kann.
Wegen einer Minute Verspätung sollte man gleichwohl nicht den Untergang des Abendlandes beschwören, nicht in Okoyama und nicht in Stuttgart. Aber der Blick über den Tellerrand zeigt, wie verschieden die Erwartungen sein können. Im 19. Jahrhundert war die Eisenbahn ein Symbol für Fortschritt und Optimismus, für technische Machbarkeit und gelingendes kollektives Handeln. Der vergleichende Blick in andere Länder und Epochen sollte in uns den Ehrgeiz wecken, dem „Bahnsinn“ ein Ende zu bereiten.