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Der Tiefbahnhof liegt 45 Meter über der mineralwasserführenden Gesteinsschicht.

Stuttgart - Bei der Stuttgart-21-Schlichtung sind am Samstag die geologischen Risiken für den Bau und den Betrieb diskutiert worden. Das Hauptaugenmerk galt dabei dem Schutz des Mineralwassers. Im Laufe der Debatte mussten die Projektgegner manche Kritik zurücknehmen.

Als Kronzeuge diente den Stuttgart-21-Gegnern am Samstag OB Wolfgang Schuster. Falls es eine "konkrete Gefährdung" für das Mineralwasser gebe, würde die Stadt eingreifen - "notfalls mit einem vorläufigen Baustopp". Dieses Machtwort, das Schuster unlängst gegenüber der Zeitung "Die Zeit" geäußert hatte, wurde beim sechsten Schlichtungstermin auch von Schlichter Heiner Geißler zitiert.

"Es gibt in Stuttgart sehr strenge rechtliche Vorgaben für den Umgang mit Grund- und Heilwasser, daher können wir sehr sicher planen", sagte Walter Lächler, dessen Ingenieurbüro für Geotechnik den Bau des geplanten Tiefbahnhofs seit Jahren als Gutachter begleitet. "Der neue Bahnhof liegt fast komplett im Grundwasser - aber immer noch 45 Meter über der Gesteinsschicht, die Mineralwasser führt", betonte Lächler.

Mineralwasser wird nicht angetastet

Auch wenn der 450 Meter lange Trog des Tiefbahnhofs, der mit 3500 Betonpfählen in den Untergrund verankert wird, nicht mit dem Mineralwasser in Berührung kommt, sind Wechselwirkungen möglich: Beim Bau muss nämlich das Grundwasser ringsum erheblich abgesenkt werden. "Das führt zu einer Druckminderung auf das Mineralwasservorkommen und kann die Schüttung um fünf Liter pro Sekunde verringern", erklärte Lächler. Weil die Schüttung des Stuttgarter Mineralwassers aber bereits durch natürliche Faktoren bedingt zwischen 210 und 240 Litern je Sekunde schwanke, seien die Beeinträchtigungen akzeptabel.

"Die Mineralquellen sind potenziell gefährdet", hielt SÖS-Stadtrat Gangolf Stocker dagegen. Als Beleg führt er den Planfeststellungsbeschluss des Tiefbahnhofs von 2006 an. "Da steht, dass 710 Millionen Liter Trinkwasser in die Mineralwasserschicht eingeleitet werden, um die Schüttung der Mineralbäder zu erhalten", sagte Stocker. "Das ist nur das Notfallkonzept", stellte Rechtsanwalt Josef-Walter Kirchberg für die Deutsche Bahn AG fest. Aber auch in diesem sehr unwahrscheinlichen Fall werde "kein Trinkwasser ins Mineralwasser geleitet", sondern in die darüberliegenden Schichten, betonte Kirchberg. "Da wird nicht gepanscht." Die Andeutung Stockers, die Stadt habe das Mineralbad Berg 2005 nur gekauft, um einen Kläger ruhigzustellen, konterte Kirchberg mit der Feststellung, dass der Alteigentümer mit der Bahn einen Vertrag über finanzielle Nachteile durch Stuttgart21 ausgehandelt habe. "Der Vertrag gilt auch für die Rechtsnachfolger", sagte Kirchberg. Also auch für die Stadt.

Bahnhofsturm ruht auf Betonpfählen

Die Klarstellung wurde von Stocker akzeptiert. Auch an anderer Stelle gab es Korrekturbedarf: Die von Peter Conradi (SPD) erneuerte Warnung der Kritiker, der Turm des Bonatzbaus stehe auf 290 Eichenpfählen, die durch die Grundwasserabsenkung beschädigt würden - was den Turm ins Wanken bringen könnte -, sei nicht länger haltbar, berichtete Lächler. Aus einem Dokument von 1914 gehe nämlich klar hervor, dass das 10.300 Tonnen schwere Gebäude auf 289 Eisenbetonpfählen ruhe. Der Turm bleibt auch bei Stuttgart21 erhalten.

Beim Thema Tunnelbau im Gipskeuper gab es ebenfalls hitzige Wortgefechte. In dieser geologischen Schicht an den Hängen des Stuttgarter Talkessels gibt es die größten Anteile der Gesteinsart Anhydrit, die bei Kontakt mit Wasser aufquillt, dabei einen hohen Druck erzeugen kann und den Tunnelbau erheblich erschwert.

"Wir legen den Fildertunnel bewusst tief in die Anhydritschicht - also dorthin, wo kein Wasser ist", erklärte Walter Wittke. So reduziere sich das Problem des Quellens bereits. Außerdem werde man eine Reihe spezieller bautechnischer Lösungen einsetzen. "Das ist Gürtel plus Hosenträger", meinte der geologische Gutachter der Bahn. Der Stuttgarter S-Bahn-Tunnel mit der Wendeschleife unter dem Hasenberg liege im Übrigen in denselben Gesteinsformationen und mache seit drei Jahrzehnten "keine Probleme".

"Gegner nicht technikfeindlich"

Für Stuttgart21 und die ICE-Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm habe man je 1500 Probebohrungen gesetzt, berichtete Wittke. Den Umstand, dass einer der Tunnel auf die Schwäbische Alb auf einer Länge von zwei Kilometern im Karst verläuft - eine von Rissen und Höhlen durchzogene Gesteinsformation -, hält Wittke für beherrschbar. Auch der Tunnelbau im Anhydrit sei ein "äußerst geringes Risiko".

Gerade die 15 Tunnelkilometer bei Stuttgart21 im Anhydrit seien "extrem schwierig zu berechnen" und brächten "unkalkulierbare Mehrkosten" mit sich, kritisierte dagegen der Geologe Jakob Sierig. Anhydrit quillt 100 bis 150 Jahre lang. "Wir sehen das Risiko darum nicht nur im Bau, sondern vor allem im Betrieb", sagte der Tübinger OB Boris Palmer. Sollten eines Tages in den Tunneln aufwendige Sanierungsarbeiten nötig sein, wäre es für das von den Tunneln abhängige Stuttgart21 "eine Katastrophe".

Palmer betonte, dass die Projektgegner nicht technikfeindlich seien und die Fachleute der Bahn nicht diskreditieren wollten. Die in der Kritik vorgebrachten Risiken hätten eine "sehr kleine Eintrittswahrscheinlichkeit" - doch mit K21 gebe es eben eine Alternative "mit Risiko null".

Wittke nutzte die Schlichtung auch zur Klarstellung in eigener Sache: Mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs habe er nichts zu tun, vielmehr sei er in die Aufklärung des Unglücks eingeschaltet. Andere Darstellungen gingen "in den Bereich der Verleumdung", stellte der 76-Jährige kämpferisch fest. Conradi sagte zu, dies bei Bedarf künftig auch öffentlich richtigzustellen.

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