Deutsche Bahn setzt auf autonomes Fahren Im Roboterbus ins neue Verkehrszeitalter

Von Thomas Magenheim 

Ja, wo ist er denn!? Den Fahrer sucht dieser Herr bei  dem Roboterbus der  Deutschen Bahn vergeblich. Foto: dpa
Ja, wo ist er denn!? Den Fahrer sucht dieser Herr bei dem Roboterbus der Deutschen Bahn vergeblich. Foto: dpa

In Bad Birnbach hat die Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs begonnen. Die Deutsche Bahn setzt auf autonomes Fahren: Im niederbayerischen Kurort wird ein Roboterbus auf einer Kurzstrecke ganz ohne Fahrer im Regelbetrieb eingesetzt. Das soll erst der Anfang sein.

Bad Birnbach - Revolutionen können unscheinbar beginnen und auf leisen Sohlen kommen. Gehört hat die Dame das Gefährt auf dem Neuen Marktplatz im niederbayerischen Kurort Bad Birnbach offenkundig nicht, das so lautlos vor ihr gebremst hat, wie es zuvor angerollt kam. Sie blickt erstaunt. Das ist nicht nur der Lautlosigkeit des Fahrzeugs geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass das elektrisch betriebene Fahrzeug weder Lenkrad, noch Fahrer oder irgendein Pedal hat. Der Bus setzt sich dennoch wie von Geisterhand in Bewegung. Der gerade eingestiegene Kurgast aus Baden-Württemberg ist begeistert. „Super, das ist die Zukunft“, verkündet er den sechs Mitfahrern. Die Deutsche Bahn (DB) sieht das genau so. „Wir bringen als erstes Unternehmen in Deutschland autonome Fahrzeuge auf die Straße und in den Nahverkehr“, betont DB-Chef Richard Lutz. Die Bahn betreibt nun in Bad Birnbach die Regionalbuslinie 7015 und damit die erste von einem Roboterbus im Regelbetrieb befahrene Strecke der Republik.

Gefährt erinnert an eine Seilbahnkabine

Das keine fünf Meter lange Gefährt erinnert eher an eine Seilbahnkabine und verbindet im 30-Minutentakt den Marktplatz des Kurorts mit dessen Rottal Terme, die 660 Meter entfernt ist. Eine lange Strecke ist dies nicht, aber als am 7. Dezember 1835 die Dampflokomotive Adler in Bayern zwischen Nürnberg und Fürth als erste ihrer Art in Deutschland den Betrieb aufgenommen hat, waren das auch nur 6,2 Kilometer und 15 Minuten Fahrtzeit. Ein Datum für die Geschichtsbücher. Dort landet vielleicht auch einmal der Roboterbus der Deutschen Bahn.

Mittlerweile ist eine ältere Bad Birnbacherin eingestiegen, die die Begeisterung des schwäbischen Kurgasts nicht teilt. „Ich bin Pessimistin“, erklärt sie. Aus Neugierde fahre sie aber nun doch mit. „Es ist noch nichts passiert“, beruhigt ein Bahn-Bediensteter, der im Falle eines Falles eingreifen kann. Er stellt sich seinen sechs Fahrgästen als Operator vor und deutet auf einen roten Knopf, mit dem er den maximal 15 Stundenkilometer schnellen Bus des französischen Startups Easy Mile notfalls zum Stehen bringen könnte. Auch einen Joystick gibt es, mit dem der Bahn-Mitarbeiter ein parkendes Auto oder anderes Hindernis manuell umkurven könnte, denn das erlaubt die Software des Kleinbusses noch nicht. Eine neue Software-Version soll das ändern.

Einen deutschen Anbieter hat die Bahn nicht gefunden

Durch die Straßen von Bad Birnbach gleitet der Bus schon jetzt mehr, als dass er fährt. „Sehr angenehm, ganz ohne Ruckeln beim Losfahren und Bremsen“, lobt eine Passagierin. In diesem Punkt sind sich alle Fahrgäste einig. Sensoren und Kameras würden jedes Problem erkennen und frühzeitig bremsen, erklärt der Operator. Sogar am Samstag, wenn in Bad Birnbach der Marktplatz voller Verkaufsstände ist, manövriere der Roboterbus zuverlässig zwischen ihnen hindurch. Vor dem jetzigen Regelbetrieb habe man auch ein Konkurrenzmodell des US-Anbieters Local Motors in Berlin getestet, sich in Bad Birnbach aber für den EZ10 von Easy Mile entschieden, sagt eine Bahn-Sprecherin. Einen deutschen Anbieter, der etwas Vergleichbares bietet, habe man leider nicht gefunden. Der EZ10 wird seit 2015 an mehr als 60 Standorten weltweit getestet.

In Deutschland hatte er Anfang Januar zum Neujahresempfang bereits in Mannheim für einiges Aufsehen gesorgt. Dort war er aber nur im Testbetrieb per Sondererlaubnis unterwegs und nicht wie in Bad Birnbach im regulären Linienbetrieb. Der ist nun schneller gekommen als von manchem Experten vermutet.

Roboterbusse sollen irgendwann Bahn-Kunden zuhause abholen

Die Bahn will mit Roboterbussen vor allem im ländlichen Raum individuelle Mobilität ohne eigenes Auto ermöglichen und nebenbei auch modernen Konkurrenten wie dem US-Fahrtenvermittler Uber frühzeitig Paroli bieten. So soll auch ein besserer Anschluss an die Schiene und damit das traditionelle DB-Kerngeschäft geschaffen werden. Dazu hat die Bahn jüngst eine eigene Tochter namens Ioki gegründet. Das Kürzel ist aus den Anfangsbuchstaben der Worte „Input Output künstliche Intelligenz“ gebildet, erklärt ein Bahnsprecher. „Mit Ioki geben wir schon heute die Antworten auf die Mobilitätsnachfrage von morgen“, sagt DB-Personenverkehrsvorstand Berthold Huber. Die Vision ist es, Roboterbusse oder andere autonome Gefährte per Smartphone-App auf Anfrage abrufbar zu machen, um Fahrgäste auch vor der eigenen Haustür abzuholen. In Bad Birnbach soll diese App-Funktion 2018 kommen bei dann auf zwei Kilometer verlängerter Fahrstrecke. Vor der Haustür holt der EZ10 zwar noch niemanden ab, erklärt eine Bahnsprecherin. Aber der Roboterbus sei dann zeitlich nicht mehr an einen Fahrplan gebunden, sondern er komme, wenn er gebraucht werde.

Im Umfeld einer Millionenstadt ist in Hamburg von der DB für 2018 ein Testfeld für autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr geplant. Auch der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) will auf dem Mannheimer Benjamin Franklin Arreal 2018 eine Roboshuttle-Teststrecke auf öffentlichen Straßen starten.

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