In Stuttgart sind die Bäume bisher großteils mit geklärtem Abwasser gegossen worden. Doch das war offenbar ohne Genehmigung gar nicht erlaubt. Jetzt beharken sich deshalb zwei Referate innerhalb der Stadt.
Eigentlich ist die Stadt Stuttgart richtig stolz darauf gewesen: Schon seit einigen Jahren verwendet sie, wenn es im Sommer sehr heiß und trocken ist, zum Gießen von rund 13 000 Stadtbäumen kein teures und gutes Trinkwasser mehr, sondern zu einem großen Teil gesäubertes Abwasser aus dem Hauptklärwerk Mühlhausen sowie aus den beiden kleineren Kläranlagen in Möhringen und Plieningen. Im vergangenen Jahr waren zwei Drittel der 6600 ausgebrachten Kubikmeter solches Brauchwasser. Doch genau darum gibt es jetzt Ärger.
Technikbürgermeister Dirk Thürnau (SPD) musste den Mitgliedern des Ausschusses für Klima und Umwelt jüngst mitteilen: „Ich habe meine Leute angewiesen, sofort damit aufzuhören.“ Kurios ist die Ursache: Thürnau hat einen Vortrag über die Baumbewässerung in Stuttgart gehalten. Doch im Publikum saß offenbar ein Vertreter des Landes – kurz darauf fragte das Umweltministerium nach, ob Stuttgart eigentlich eine Genehmigung dafür besitze. Nein, hat die Stadtverwaltung nicht.
Im Abwasser befinden sich auch nach der Klärung noch Chemikalien
Das Problem seien die Spuren- und Nährstoffe, die auch im geklärten Abwasser noch enthalten sind, betont Sven Matis, der Sprecher der Stadt. So besitzt die Kläranlage in Mühlhausen zwar schon teilweise eine vierte Reinigungsstufe, aber noch können nicht alle Arzneimittel oder Chemikalien herausgefiltert werden. In den Kläranlagen in Möhringen und Plieningen können diese Stoffe gar nicht entnommen werden. Sven Matis verweist auf das Risiko, dass sich diese Spurenstoffe im Boden anreichern könnten: „Die Auswirkungen insbesondere auf das Stuttgarter Mineralwasser sind derzeit kaum bekannt“, so der Sprecher.
Bisher wird das gesamte geklärte Abwasser aber in den Neckar und in die Körsch entlassen – da beschwert sich niemand. Ein zweites Kuriosum in der Sache ist, dass sich die Stadt Stuttgart die benötigte Genehmigung selbst ausstellen könnte. Das wäre die Angelegenheit des Umweltbürgermeisters Peter Pätzold (Grüne). Doch zwischen dem Technikreferat von Dirk Thürnau und dem Umweltreferat von Peter Pätzold herrscht offensichtlich Uneinigkeit in dieser Frage. Es seien für eine sichere Beurteilung noch zusätzliche Informationen und Unterlagen notwendig, heißt es jetzt salomonisch aus der Pressestelle. Sobald diese vorlägen, werde man den Antrag prüfen.
Auch im Ausschuss führte die Debatte zu Irritationen. Die SPD-Stadträtin Lucia Schanbacher etwa sprach von einer „Farce“: „Das hat doch nichts mit Umweltschutz zu tun“, so die Stadträtin.
Fritz Mielert vom BUND Baden-Württemberg hält auf Nachfrage das Gießen mit Brauchwasser ebenfalls tendenziell für sinnvoll. Erstens sei Trinkwasser dafür zu schade. Und zweitens werde das Brauchwasser im Boden noch gefiltert, während es aus der Kläranlage direkt in den Fluss gelange. Dort hätten die Spurenstoffe eindeutig eine schädigende Wirkung auf Flora und Fauna. Zudem sei das Erdreich entlang von Straßen sowieso schon von Schwermetallen und Mikroplastik wegen des Autoverkehrs belastet.
Bäume in Städten müssen stärker ums Überleben kämpfen als ihre Artgenossen im Wald oder in der freien Landschaft. Denn in Städten bleibt die Hitze viel stärker in den Straßen stehen und strahlt von den Gebäuden ab. Zudem ist das Erdreich um den Stamm herum oft asphaltiert, sodass nur wenig Wasser an die Wurzeln gelangt. Vor allem eher kälteliebende Arten wie die Rosskastanie, die Birke und die Rotbuche können dann in Trockenstress geraten. Das erkennt man meist an den Blättern, die sich zuerst einrollen und dann vergilben.
Private Gießer sollten Bäume laut einer Empfehlung des BUND einmal wöchentlich mit acht bis zehn Eimern bewässern, also mit 80 bis 100 Litern auf einmal. Häufiger kleinere Mengen zu gießen, sei nicht sinnvoll, da das Wasser dann nicht tief genug einsickere.