Bäckerei Unger in Stuttgart-Sillenbuch/Degerloch Familienbetrieb wird von Kette übernommen

Von Julia Bosch 

Ausschlafen ist für ihn ein Luxus: Thilo Unger ist seit 46 Jahren Bäcker und Konditor. Foto: Julia Bosch
Ausschlafen ist für ihn ein Luxus: Thilo Unger ist seit 46 Jahren Bäcker und Konditor. Foto: Julia Bosch

Das Ende kam schneller als erwartet: Die Bäckerei Unger übergibt zum 1. Februar ihre Filialen in Sillenbuch, Degerloch, Kemnat und Uhlbach an die Kette Feinbäckerei Wohlgemuth. Für die Kunden wird manches trotzdem gleichbleiben.

Sillenbuch/Degerloch - So richtig geht Theo Unger noch nicht. Zwar schließen am Mittwoch, 1. Februar, alle Filialen der Bäckerei Unger in Sillenbuch, Degerloch, Kemnat (Ostfildern) und Uhlbach (Obertürkheim). Doch der Bäcker und Konditor wird auch künftig hin und wieder in seiner alten Backstube Teig kneten. „Allerdings wird das in einem deutlich geringeren Umfang als bisher passieren“, sagt der 62-Jährige.

Der Familienbetrieb Unger übergibt seine Räume an der Karl-Pfaff-Straße in Degerloch, an der Kirchheimer Straße in Sillenbuch sowie jene in Kemnat und Uhlbach an die Feinbäckereikette Wohlgemuth. Die ist vielen besser als Café Emil Reimann bekannt, das die Bäckerei betreibt. Künftig wird Theo Unger hin und wieder für Wohlgemuth backen. Aber er entscheidet selbst, wann und wie lange.

Das Ende kam schneller als erwartet

„Eigentlich sollte es nicht ganz so schnell gehen“, sagt Unger. „Ende des vergangenen Jahres fiel die Entscheidung, dass wir aufhören wollen. Aber der Plan war, dass wir im Laufe des Jahres oder Anfang 2018 schließen.“ Dann aber meldete Wohlgemuth Interesse an einer Übernahme an. Und weil es für einen kleineren Bäckereibetrieb nicht so einfach ist, einen Nachfolger zu finden, sagte Unger zu. Die 28 Mitarbeiter, die Unger bisher beschäftigte, werden bis auf zwei Ausnahmen dieselben bleiben; Wohlgemuth übernimmt das komplette Personal.

Sorgen um die Bäckerei Unger standen schon länger im Raum. Durch das wachsende Backwaren-Angebot in den Supermärkten und Tankstellen stieg in den vergangenen Jahren die Konkurrenz; der Umsatz nahm ab; die Zahl der Stammkunden wurde geringer. Vor gut zwei Jahren hatte Unger bereits die Filiale an der Degerlocher Epplestraße an die Bäckerei Schrade aus Möhringen übergeben.

Der Kaffee zum Mitnehmen löst das Brot ab

„Das Kaufverhalten der Menschen hat sich geändert“, sagt Unger. „Heutzutage kaufen die Menschen dort ein, wo sie gerade sind.“ Außerdem würden die Haushalte zunehmend schrumpfen, sodass kaum mehr jemand große Brote kaufe, wie das früher noch der Fall war. Stattdessen gingen viele Kunden nur noch zum Bäcker, um sich Kaffee zum Mitnehmen oder einen Snack für die Mittagspause zu kaufen. „Das klassische Backhandwerk geht verloren“, sagt Unger. Er erinnert sich noch an die Zeiten, als seine Mitarbeiter täglich bis zu 30 verschiedene Brotsorten gebacken und verkauft haben. „Mittlerweile sind es noch zwischen 15 und 18 Sorten.“

Doch dies sei nicht der einzige Grund für die Schließung. „Die Vorschriften und Auflagen sind mittlerweile immens. Das ist für kleine Betriebe eine echte Herausforderung“, sagt Unger. Außerdem sei es zunehmend schwierig, Personal zu finden. Immer weniger junge Leute seien bereit, von zwei  Uhr nachts an in der Backstube zu stehen. Ein weiteres Problem waren die fehlenden Parkplätze vor den Filialen. Denn nicht alle Kunden kommen zu Fuß oder mit dem Fahrrad zum Bäcker. Viele seien eben auch mit dem Auto unterwegs und wollten unmittelbar vor der Filiale parken können. Der ausschlaggebende Grund für die Übergabe an Wohlgemuth war die Gewissheit, dass seine beiden Söhne – ebenfalls Bäcker – den Betrieb nicht übernehmen wollten.

Wenn Thilo Unger nun die Geschäfte am Dienstagabend an Wohlgemuth übergibt, geht er nicht nur mit einem weinenden Auge, sondern auch mit einer gewissen Vorfreude. „Ich freue mich darauf, meine Hobbys auszuleben“, sagt er. Zunächst will er einige Tage Ski fahren gehen; außerdem will er mehr Radfahren und Tauchen. Zudem kann er seine Frau öfter sehen, die in Reutlingen lebt. Und Ausschlafen – darauf freut er sich natürlich auch. Schwer fallen wird ihm das nicht. „Obwohl ich seit 46 Jahren das Aufstehen und Arbeiten mitten in der Nacht gewohnt bin, hatte ich im Urlaub noch nie Probleme damit, auszuschlafen.“

Redaktion Sillenbuch

Ansprechpartnerinnen
Judith A. Sägesser und Julia Bosch
sillenbuch@stz.zgs.de

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