Dass die Stimmung in der Gesellschaft mehr als angespannt ist, bekommen die Mitarbeiter der Bäckerei Sailer fast jeden Tag zu spüren. Ihr Job ist mit der Dauer der Pandemie anstrengender geworden.
Stuttgart - Frustrierende Gespräche mit den Kunden, komplizierte Kontrollen und Maskenpflicht: Manche ihrer Mitarbeiter sind mit den Nerven am Ende, berichtet Ulrike Sailer-Keil. Ihr Job ist mit der Dauer der Pandemie immer aufreibender geworden.
Frau Sailer-Keil, in vielen Ihrer Filialen kann man nach wie vor keinen Kaffee trinken. Warum?
Tatsächlich ist noch die Hälfte unserer Cafés geschlossen. Das wirkt, als hätten wir es nicht nötig. Aber das Gegenteil ist der Fall, unsere Umsätze sind viel schlechter als vor der Pandemie. Der Aufwand für die Cafés ist einfach immens, und wir können nur die Hälfte der Plätze nutzen. Viele Kunden verstehen auch nach wie vor die Coronaregeln nicht. Unsere Mitarbeiter müssen deshalb viele frustrierende Gespräche führen. Wenn man abends ins Restaurant geht, um ein Steak zu essen, das planen Sie, dann ist es eine andere Geschichte. Wenn Sie spontan eine Tasse Kaffee trinken wollen und dafür den Impfnachweis und den Personalausweis zeigen sollen? Da reagieren viele gereizt.
Wie ist die Stimmung an der Theke?
Die Arbeit der Bäckereifachverkäufer und -verkäuferinnen ist unglaublich anstrengend geworden. Sie arbeiten körperlich und müssen gleichzeitig viel mit den Kunden reden. Mit der Maske sind die Gespräche sehr schwierig geworden – und die Kunden sind einfach nicht mehr entspannt. Jeder ist unzufrieden mit der Situation und will, dass es endlich vorbeigeht. Wir sind der Blitzableiter für die Politik. Manche beschimpfen uns als „Coronapolizei“ und fordern, dass wir endlich die Gesetze abschaffen sollen.
Wie kommt Ihr Personal damit zurecht?
Für die meisten ist es eine psychische Belastung. Bei den Aushilfen sagen einige, dass ihnen der Job zu aufreibend geworden ist. Was uns ausmacht, ist die Beratung, das Kundengespräch. Deshalb ergreift man den Beruf, weil man den Kontakt mit Menschen mag. Wenn man jetzt mal einen Spaß macht, den hört der Kunde gar nicht mehr wegen der Masken oder der Schutzscheiben. Dafür gibt es immer wieder Konflikte. Gerade kommt eine Beschwerdemail, das ist ein typischer Fall: Der Kunde beklagt sich, dass ihn der Mitarbeiter angehalten habe, eine FFP2-Maske zu tragen, während der Mitarbeiter keine Maske anhatte. Das muss er hinter der Plexiglasscheibe auch nicht. „Der Moralapostel soll zuerst vor der eigenen Haustüre kehren“, schreibt der Kunde – und dass er nie wieder bei uns einkauft. Aber hätte der Mitarbeiter ihn reingelassen, hätte sich der nächste Kunde beschwert. Momentan kann man es niemandem recht machen.
Wann ist die Stimmung gekippt?
Als die Pandemie ganz frisch war, waren die Menschen total freundlich. Niemand hat sich damals über die Schlangen vor den Bäckereien beschwert. Es kam keine einzige Beschwerde. Alle waren dankbar, dass wir geöffnet waren. Da wusste keiner, was kommt. Das ist alles wieder weg.
Was raten Sie Ihren Mitarbeitern?
Fangt nicht an, mit den Kunden zu diskutieren! Ihr könnt nur verlieren.
Haben Sie noch einen Wunsch?
Wenn die Kunden uns etwas abnehmen wollen, dann wäre es toll, wenn sie Zeichensprache nützen würden. Den Unterschied zwischen zwei oder drei versteht man oft durch die Maske nicht. Und wenn wir nachfragen, verstehen wir es oft beim zweiten Mal auch nicht. Die Zahl mit den Fingern anzuzeigen, hilft sehr – und spart Nerven.
Drei Generationen im Geschäft
Fachfrau
Ulrike Sailer-Keil hat ihren Beruf tatsächlich von der Pike auf gelernt: Sie absolvierte zunächst eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin, bevor sie an der Dualen Hochschule Betriebswirtschaftslehre studierte. Die 39-Jährige arbeitet seit dem Jahr 2006 im Familienbetrieb. Dort ist sie zuständig für das Personal und den Verkauf.
Familie
Die Bäckerei Sailer wurde 1931 von Erna und Max August Sailer in Hochheim am Main gegründet. Fünf Jahre später zog das Paar nach Stuttgart um. Ihr Sohn Gerhard übernahm das Geschäft 1967, mittlerweile haben seine Kinder übernommen: Stefanie Sailer-Puritscher ist für die Geschäftsführung zuständig, ihr Bruder Jörg Sailer für die Produktion. Die Filialen befinden sich vor allem in und um Bad Cannstatt.