Sie erleben gemeinsam die letzten Tage der Bäckerei Gehrung: Mitarbeiterin Anna Klotzbier (li.) und Chefin Yvonne Gehrung. Foto: Bosch

Bei der 1450 gegründeten Bäckerei Gehrung in Stuttgart wurde noch in Handarbeit gemahlen und gebacken. Am Wochenende öffnen die Filialen in Plieningen, Möhringen, Echterdingen und Scharnhausen zum letzten Mal.

Filder - Ganz kurz schießen Yvonne Gehrung die Tränen die Augen. Die vergangenen Jahre waren nicht leicht für die 45-Jährige. Im Jahr 2015 verunglückte ihr Vater, Günter Gehrung, tödlich bei einem Verkehrsunfall zwischen Plieningen und Möhringen. Am 1. August 2017 starb auch ihre Mutter, Brigitte Gehrung. Bereits zu Beginn des Jahres 2017 hatte Yvonne Gehrung die Landbäckerei Gehrung übernommen, da die Mutter krank war. Und nun hat sich Yvonne Gehrung im Februar dieses Jahres zu einem schweren Schritt entschieden: Vom kommenden Montag, 9. April, an wird der Geschäftsbetrieb der Landbäckerei Gehrung eingestellt.

„Ich war letztes Jahr zweimal im Krankenhaus, und nun wurde auch noch ein doppelter Bandscheibenvorfall bei mir festgestellt. Das hat mich zum Nachdenken gebracht“, sagt Yvonne Gehrung. Auch ihr Arzt hatte ihr geraten, die körperlichen Leiden als Warnschuss zu deuten – dafür, dass sie sich zu viel zumute. „Ich wollte den Betrieb übernehmen, um die Familientradition zu wahren. Aber auch meine Mutter meinte immer zu mir, ich solle mich dort nicht kaputt arbeiten.“ Der entscheidende Grund sei dann die finanzielle Situation der Bäckerei gewesen: „Die Investitionen, die nötig wären, wären zu hoch gewesen.“ Gemeinsam mit ihrem Steuerberater und anderen Beratern entschloss sie sich schweren Herzens für die Schließung des Traditionsbetriebs.

Bei Gehrung werden alle Körner selbst gemahlen

„Viele Kunden sind sehr traurig, dass die Backtradition in Plieningen zu Ende geht. Ich musste mir teilweise auch heftige Sprüche anhören“, sagt Yvonne Gehrung. Die Stammkunden, die in den sieben Filialen in Plieningen, Möhringen, Echterdingen und Scharnhausen eingekauft haben, schätzen, dass bei Gehrung noch in Handarbeit gebacken wird, mit eigenen Rezepten, ohne Zusatzstoffe, ohne Chemie. Seit 1983, drei Jahre nachdem Günter Gehrung die Bäckerei übernommen hatte, werden zudem alle Körner für die Mehrkorn- und Vollkornbackwaren auf einer Steinmühle selbst gemahlen. Die Milch, das Obst und die Eier stammen von umliegenden Höfen.

„Der Schritt ist für mich nicht einfach. Und ich stehe vom kommenden Montag an auch erst einmal vor dem Nichts“, sagt Yvonne Gehrung. Die Hauptfiliale an der Filderhauptstraße 29 in Plieningen wird komplett dicht gemacht, das Gebäude mit Bäckereistube voraussichtlich verkauft. Die zwei anderen Filialen in Plieningen sowie jene bei Lidl in Echterdingen werden von der Bäckerei Kettinger aus Filderstadt übernommen. Die beiden Filialen in Möhringen sind bereits seit Beginn dieser Woche in den Händen der Bäckerei Grau aus Fellbach. „Mir war es wichtig, dass die Filialen von Traditionsunternehmen übernommen werden und nicht von Bäckereiriesen“, sagt Gehrung. Lediglich bei der Filiale im Scharnhauser Park ist ihr dies nicht gelungen: „Da wäre der Vertrag sowieso im kommenden Jahr ausgelaufen, und die Filiale wird nun von Sehne weitergeführt, das ist bei Real so üblich.“

Manche Mitarbeiter müssen auf Jobsuche gehen

Die rund 50 Mitarbeiter, die bei Gehrung angestellt sind, werden teilweise von den Folgebäckereien übernommen, einige müssen sich neue Jobs suchen. Auch Yvonne Gehrung selbst, alleinerziehende Mutter von drei Kindern, gehört dazu: „Ich bin eigentlich Sozialversicherungsangestellte, aber mein Herz hängt in der Bäckerbranche. Wahrscheinlich suche ich nach einer Stelle als Bäckereiverkäuferin.“

In den vergangenen Jahren hatten die Gehrungs immer wieder zu kämpfen: Als Lidl, Aldi und Penny Backautomaten aufstellten, ging der Umsatz deutlich zurück. Vor allem in der Filiale, die im sogenannten Vorkassenbereich des Discounters Lidl in Echterdingen ist, machte sich dies bemerkbar. Generell haben es kleine Bäckereien schwer: Immer weniger Kunden schätzen das traditionelle Handwerk. Viele kaufen lieber preiswerte Brötchen und Brote, die als industriell gefertigte Teiglinge in die Öfen geschoben werden. Mit den niedrigen Personalkosten lassen sich die Preise drücken und die Erlöse steigern.

Allerdings gibt Yvonne Gehrung die Bäckerei nicht nur mit negativen Gefühlenauf: „Ich freue mich auf mehr Zeit mit meinen drei Kindern und unserem Hund. Die kamen oft zu kurz.“ Außerdem ist sie dankbar, dass sie künftig nicht mehr so oft mitten in der Nacht aufstehen muss, sondern hin und wieder vielleicht sogar mal ausschlafen darf.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: