Kann es einfach nicht fassen: Holger Badstuber. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Nachdem der VfB-Spieler Holger Badstuber mit einer verbalen Entgleisung für Aufsehen gesorgt hat, entschuldigt er sich bei allen Beteiligten. Jedoch nicht bei den Frauen – was erneut ein Schlaglicht auf Sexismus in der Alltagssprache wirft.

Stuttgart - Unterm Strich sind Fußballer auch nur Männer, die im Getümmel auf und neben dem Platz leider noch immer in sexistische Klischees verfallen. Niemand will Holger Badstuber Sexismus unterstellen, aber sein reflexhaftes „Muschis“ steht beispielhaft dafür, dass Sexismus in der Sprache ein Problem bleibt. Werden Männer beleidigend, reden sie sich mit Emotionalität heraus. Klar, als Mann darf man auch Gefühle zeigen, aber wie fehlgeleitet kann eine grundlegende Emotion wie Ärger sein, wenn sie in Frauenfeindlichkeit mündet?

Manche Männer befürchten durch Feminismus, der dem Sexismus den Kampf ansagt, gar die Entzauberung der Erotik. Und wenn Frauen mit einer entwaffnenden Normalität über ihre Geschlechtsorgane sprechen, geht die Angst um, die Vulva könnte als sexuelles Objekt entmystifiziert werden. Das passiert im Feuilleton ebenso wie beim Bolzen auf dem Platz: Während der Philosoph Slavoj Žižek, der die männliche Über-Fetischisierung der Vagina erst kürzlich in einem Essay in der Neuen Zürcher Zeitung verteidigte und vor der neuen feministischen Freiheit warnte, nutzt der VfB-Spieler Holger Badstuber in der Aufregung die Vulva als eine Form der Abwertung.

Grenzen des Sagbaren verschieben sich

Was ist falsch daran, ein weibliches Geschlechtsorgan zu haben – und es auch zu benennen? Wann hören Männer damit auf, die Vulva als Schimpfwort zu gebrauchen? Diese Fragen stellen sich Feministinnen nicht erst seit gestern. Ob Badstubers „Muschi“-Beschimpfung, die generelle Abwertung weiblicher Promiskuität oder frauenfeindlicher Hate-Speech im Internet – die Grenzen des Sagbaren haben sich nicht erst im Fall der grünen Politikerin Renate Künast noch weiter Richtung Bodensatz der Geschmacklosigkeiten verschoben.

„Ich hoffe, dass man so ein bisschen bewertet, dass die Jungs heiß sind in den Situationen, und ich hoffe, dass man das Wort nicht auf die Goldwaage legt“, sagte Sportdirektor Sven Mislintat nach dem Badstuber-Eklat, und auch Badstuber selbst meldete sich auf Twitter mit einer Entschuldigung zu Wort. Er sei seiner Vorbildfunktion nicht gerecht geworden, habe falsch reagiert und überhaupt tue es ihm leid. Eine Entschuldigung in Richtung Muschi-Besitzer? Fehlanzeige.

Männer beschimpfen sich gerne mit geschlechtsspezifischen Kraftausdrücken – ob „Schwuchtel“, „Schlappschwanz“ oder „Wichser“ – hier geht es eindeutig um ein zu wenig oder zu „falsch“. Die heteronormative Herabwürdigung der weiblichen Sexualität, ob Organe, Sexualtrieb oder -vorlieben betreffend, ist dabei so offensichtlich wie strukturell. Der Mann muss ein „Bringer“ sein und wird bei schlechter Performance als Frau oder Homosexueller beschimpft. Dabei ist Sprache elementar und formt unser Denken. Gerade deswegen schadet ein wenig Reflexion und Feingefühl nicht.

Doch es gibt auch Frauen, die sich diesem Sexismus entgegenstellen. So twitterte die deutsche Rapperin, Autorin und promovierte Linguistin Reyhan Şahin, die auch unter ihrem Künstlernamen „Lady Bitch Ray“ bekannt ist, was sie von der Entschuldigung Badstubers hält:

Holger Badstuber könnte sich in seiner spielfreien Zeit ein wenig weiterbilden. Workshops und Gesprächsrunden zu Rollenbildern, Tabus, Körperbewusstsein oder Sexismus – mit dem Feministischen Frauen-Gesundheitszentrum Stuttgart hätte er sogar eine Anlaufstelle in der Nähe. Die nächste Vulva-Abformung am 22. Oktober ist jedoch leider bereits ausgebucht.

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