Die Stuttgarterin Miranda Wilson startet mit der deutschen Nationalmannschaft bei der EM. Nach dem Gewinn der deutschen Vizemeisterschaft soll nun der nächste Coup gelingen.
Im direkten Duell hatte Miranda Wilson noch nicht das Vergnügen mit der Weltranglisten-Ersten An Se Young aus Südkorea gehabt. Die aus dem Stuttgarter Westen kommende und für den Erstligisten TV Refrath aktive Badmintonspielerin hat die Beste ihrer Sportart aber häufig im Visier, versucht von ihr einiges abzuschauen. „Sie hat unheimlich geschmeidige Bewegungen, ist auf dem Platz praktisch überall“, sagt die 25-jährige Wilson. Aktuell bleibt für sie aber wenig Zeit zum Spionieren. Eine Meisterschaft jagt die nächste – unter anderem startet Wilson mit dem deutschen Frauenteam bei der Mannschaft-Europameisterschaft in Istanbul. Auftaktgegner an diesem Mittwoch ist die Vertretung aus Estland.
Bereits EM-Medaille 2020
Eine Medaille wolle man schon holen, sagt Wilson. Gelungen ist dies der deutschen Nummer zwei mit dem Team bereits 2020, da durfte sie sich die Silbermedaille umhängen. Doch dieses Mal sei es eine größere Herausforderung aufs Treppchen zu springen, weiß sie. Grund: „Unsere Spitzenspielerin Yvonne Li fällt verletzt aus, somit rücken alle anderen Spielerinnen auf und ich bin nun an Nummer eins aufgestellt.“
Apropos Yvonne Li. Ende Januar bei den deutschen Titelkämpfen im niedersächsischen Cloppenburg unterlag die Stuttgarterin im Finale um die deutsche Meisterschaft eben jener Li mit 12:21 und 16:21. In naher Zukunft gilt es für Wilson, aktuell Weltranglistenplatz 113, jedoch, die siebenfache deutsche Einzelmeisterin zu besiegen, um ihren Traum wahr werden zu lassen. „Ich habe Olympia 2028 im Visier und da darf nur eine Athletin pro Land starten“, klärt Wilson auf, die ein Fernstudium in Ernährungswissenschaften absolviert und demnächst ihren Bachelor in der Tasche hat. Doch wie weit ist sie von Li noch entfernt? Nicht mehr weit, sagt sie, müsse weiter hart und geduldig arbeiten, dann könne sie es schaffen. Und vor allem konstanter über alle Sätze hinweg werden. Wilson kann mit einer Größe von 1,81 Meter gute Winkel spielen und verfügt über eine enorme Reichweite, ist eine Angriffsspielerin, die einen mächtigen Speed in ihren Schlägen erzeugen kann, wie sie selbst sagt. Aber: Es sei eben die Kunst, diesen Speed dauerhaft zu präsentieren. „Das unterscheidet die Top 15 beispielsweise von der Nummer 200 und in diesem Bereich kann und muss ich mich noch steigern.“
Miranda Wilson war zuerst beim MTV Stuttgart
Infiziert mit dem Badminton-Fieber wurde sie durch ihren Vater und Hobbyspieler Gunter. Ihr erster Verein war der MTV Stuttgart, aber bereits mit zehn Jahren wechselte sie in die hiesige Badminton-Hochburg, zur SG Schorndorf, für die sie später auch in der Bundesliga gespielt hat. Ihr Vater hat sie lange trainiert und verschiedene Scheine bis zur Trainer-A-Lizenz erworben. Die Vater-Tochter-Duelle hatten aber schnell ein Ende. Schon in frühen Jugendtagen „war er chancenlos gegen mich und wollte dann nicht mehr“, schmunzelt Wilson. Mit 16 Jahren zog sie weg aus Stuttgart an den Bundesstützpunkt in Mühlheim/Murr. Dort fand sie bessere Trainingsmöglichkeiten vor und sah größere Chancen, um sich weiter zu entwickeln. Im Laufe der Zeit spielte sie unter anderem auch drei Jahre lang für den Erstligisten 1. BC Wipperfeld, mit dem sie im Jahr 2022 den deutschen Titel feierte. Aktuell greift sie, wie gesagt, für den Bundesligisten TV Refrath in Bergisch Gladbach zum Schläger, belegt nach neun von 14 Spieltagen mit dem Team Tabellenplatz vier.
Derweil versucht die Stuttgarterin auch wieder in die Sportfördergruppe der Bundeswehr zu kommen. Von 2018 bis 2022 war sie bereits Mitglied, verlor ihren Platz aber aufgrund einer langwierigen, chronischen Achillessehnenverletzung. Eine willkommene Unterstützung, die man im Badminton gerne annimmt. Von ihrem Sport kann sie nicht leben, finanziert sich über Sponsoren und diverse Sportförderungen.
Unter anderem sind deshalb auch Turniere wie das „Aserbaidschan International“ in Baku unmittelbar vor der EM möglich. Dort scheiterte die Stuttgarterin im Achtelfinale nach einem tollen Fight erst im Entscheidungssatz (18:21, 26:24, 9:21) an der späteren Siegerin Devika Sihag (Indien/Weltrangliste 44). „Der Tank war im dritten Satz leer. Doch die Partie hat mir Mut gemacht, dass ich demnächst unter die Top 100 kommen kann und eine Chane auf Olympia habe.“