Erik Nelson Werner als Parsifal im 2. Akt Foto: Jochen Klenk

Badisches Staatstheater Karlsruhe: Keith Warner inszeniert, Justin Brown dirigiert Richard Wagners „Parsifal“

Karlsruhe - Der Schrein ist leer. Parsifal, der Erlöser, der naive Narr, hat die Kiste geöffnet, in der eine Kiste ist, in der eine Kiste mit einer Kiste ist; doch aus dem kleinsten aller Koffer, die ineinandergeschachtelt waren wie Puppen in einer russischen Babuschka, ist das Heiligtum verschwunden. Der Gral ist weg, und kaum haben die Ritter dies bemerkt, ist plötzlich das Grau ganz bunt. Die Menschen auf der Bühne haben ihre Uniformen abgeworfen, tragen nun Orange und Rot und Blau und Grün. Die Kollektive haben ausgedient, ein neues Zeitalter ist angebrochen. Individuen schreiten suchend über die Bühne, und für seine Erlösung muss jeder alleine sorgen. Erlösung den Erlösten.

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe hat der Regisseur Keith Warner am Sonntag Richard Wagners „Bühnenweihfestspiel“ inszeniert, das wegen seiner Erlösungsthematik, wegen der Abendmahls­zeremonie und wegen der Musik des Karfreitagszaubers zur populärsten Oper der Passionszeit geworden ist, und die Schlussszene des dritten Aktes gehört mit zu den stärksten des langen Abends.

Szenisch lebt dieser maßgeblich von den Bildern, die auf und mit Tilo Steffens’ fantasievoll-abstrakten Drehbühnen-Aufbauten entstehen. Auf dem rotierenden Außenring durchschreiten die Figuren unterschiedliche Raum- und Gedankenwelten oder auch mal jene unterschiedlichen Religionen, aus denen sich Wagners Synkretismus speist.

Die hermetische Welt der Gralsritter fährt mit nach innen gebogenen Wänden und Türen an den Zuschauern vorbei, ebenso das Blumenmädchen-Ambiente des zweiten Akts, und nachdem im ersten Akt der viel zitierte Satz „Zum Raum wird hier die Zeit“ gefallen ist, ziehen vorne Bibelszenen ebenso vorüber wie ein goldener Buddha und ein an einem Felsen angeketteter Mann, der dem Tantalos der griechischen Mythen ähnelt. Der runde Hügel in der Mitte der Bühne, der anfangs an ein Kernkraftwerk denken lässt, entpuppt sich später als Tempel: Nach einer halben Drehung gibt sein Inneres den Blick frei auf einen Haufen von Devotionalien aus allen Weltreligionen.

"Parsifal" als Bildungsoper

Dass der „Parsifal“ für Keith Warner auch eine Art Bildungsoper darstellt, bemerkt man nicht nur an den Büchern, zwischen denen Gurnemanz seine Schlafmatte ausrollt, sondern auch an einem Klassenzimmer, das in den ersten beiden Aufzügen immer wieder auch als Schauplatz vorüberzieht; man bemerkt es an dem Fokus, den der Regisseur auf die Entwicklung von Kundry, Parsifal und Gurnemanz legt, und man kann es auch aus jenen Szenen schließen, in denen Statisten den kindlichen und den heranwachsenden Titelhelden ins Spiel bringen.

Das ist klug gedacht und oft gut gemacht. Dass außerdem oft gut gesungen wird, macht den Abend lohnenswert. Erik Nelson Werner ist ein sehr ausgeglichen, ausgesprochen schön und oft sehr genau singender und artikulierender Parsifal, Renatus Meszar ein eindrucksvoll leidender Amfortas und Jaco Venter ein sehr guter, manchmal nur eine Spur zu glatter Klingsor. Alfred Reiters Gurnemanz ist ausdrucksstark, allerdings in der Höhe begrenzt, und Christina Niessen gilt Ähnliches – auch wenn sie die Kundry exzellent in der Balance hält zwischen Verführerin und Dienerin und ihr schillerndes Doppelwesen mit einer entsprechenden Fülle von Farben ausstattet.

Der musikalische Held des Abends aber steht bei der Badischen Staatskapelle im Orchestergraben: Schon im Vorspiel verschmilzt Karlsruhes Generalmusikdirektor Justin Brown den Klang der Streicher zu einem samtigen Sound, hält er lange Spannungsbögen auch über sprechende Pausen hinweg aus und bündelt den Klang in sängerfreundlicher Lautstärke. Weihe und Drama schließen sich bei Brown nicht aus, und so hat er am Ende nicht nur erfolgreich seinen Wagner-Zyklus fortgeführt, sondern bekommt vom Publikum außerdem noch den lautesten Jubel von allen.

Wieder am 3. und 19. April.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: