Das Sindelfinger Badezentrum steht vor dem Umbruch. Die Stadtverwaltung favorisiert den Abriss, bei einer Infoveranstaltung zeigten sich unterschiedliche Prioritäten bei den Zuhörern.
Die Zeit drängt für das Badezentrum in Sindelfingen. Das wurde am Montagabend bei einer Bürgerinformationsveranstaltung im Rathaus klarer denn je. Das mittlerweile 50 Jahre alte Schwimmbad muss von Grund auf saniert werden, das steht fest. Über die Jahre wurden immer wieder Teile erneuert oder ausgebessert, aber eine Generalüberholung ist überfällig. Darauf, wie das Hallenbad danach aussehen und was für Attraktionen es bieten soll, können sich Gemeinderat, Verwaltung und Bürgerschaft schon seit mehr als zehn Jahren nicht festlegen. „Irgendwann wird das Gebäude die Entscheidung selber treffen und nicht mehr zu sanieren sein“, sagte Projektleiter Clemens Knoch.
Eins haben Oberbürgermeister Markus Kleemann (CDU), Finanzbürgermeister Christian Gangl und Projektleiter Clemens Knoch jetzt doch bestimmt: die von OB-Vorgänger Bernd Vöhringer bevorzugte „große Lösung“ für ein Familienbad mit Saunawelt und Rutschenlandschaft für 126 Millionen Euro soll es nicht werden. Sindelfingen habe dafür bei einem Sanierungsstau von 950 Millionen Euro schlichtweg das Geld nicht. Erhalten will die Stadt ihre Wasserflächen dennoch. Ob alle vier Hallenbäder zu retten sind, ist damit aber nicht gesagt.
Abriss des Badezentrums Sindelfingen favorisiert
Darum hat die Verwaltung zwei neue Sanierungsvarianten erarbeiten lassen: eine Sanierung und Erweiterung des Bestands und alternativ einen kompletten Neubau. Die Verwaltung ließ keinen Zweifel daran, dass sie den Neubau bevorzugt. Aus dem Gemeinderat waren ähnliche Töne zu hören. „Das, was früher nie Thema war – nämlich der Abriss – ist jetzt der Favorit im Gemeinderat“, sagte ein Stadtrat am Rande der Veranstaltung.
„Ich habe die Situation geerbt“, sagte Kleemann über den langwierigen Prozess. „Wir sind jetzt anders unterwegs.“ Er möchte jetzt schnell einen Knopf an das Thema Badezentrum machen. „Das Schlechteste ist, wenn wir gar nichts machen und in eine Schließung reinlaufen“, sagte er. „Wenn es nach mir ginge, hätten wir das nächste Woche im Gemeinderat beschlossen.“ Davor sollte aber noch einmal die Bürgerschaft informiert werden.
Kein Bürgerentscheid für das Badezentrum Sindelfingen
Gut 200 Männer und Frauen kamen am Montagabend ins Rathaus – fühlten sich aber teilweise etwas abgehängt. „Es wurde immer wieder von einem Bürgerentscheid geredet, aber jetzt werden wir hier schon fast vor Tatsachen gestellt“, beschwerte sich ein Zuhörer. Tatsächlich hatten 2023 die Grünen im Sindelfinger Gemeinderat einen Bürgerentscheid angeregt. Lange sah es auch danach aus, als würde der zeitgleich mit der Landtagswahl am 8. März stattfinden. Im Dezember kündigte Kleemann dann an, den Bürgerentscheid zu verschieben. Am Montagabend erklärte Kleemann die Entscheidung mit „formalrechtlichen Problemen“. „Wir wissen gar nicht, welche Frage wir stellen würden“, sagte er. Hintergrund ist, dass ein Bürgerentscheid nur eine Frage enthalten darf, die mit Ja oder Nein zu beantworten sein muss.
Nachdem die Projektverantwortlichen die beiden neuen Sanierungsvarianten – von denen der Neubau klar bevorzugt wurde – vorgestellt hatten, konnten die Zuhörer ihre Fragen stellen und sich anschließend an sechs Stationen wahlweise mit dem OB, dem Finanzbürgermeister, der Baubürgermeisterin, dem Projektleiter, der Wirtschaftsförderung oder Mitgliedern des Gemeinderats austauschen. Besonders OB Kleemann und Finanzbürgermeister Gangl wurden mit Fragen überhäuft.
Badezentrum Sindelfingen: Entweder Olympiabecken oder freitragendes Dach
Ständiges Thema dabei: das 50-Meter-Schwimmbecken. Das zu erhalten, ist vielen Nutzerinnen und Nutzern ein Anliegen. Ein solches Olympiabecken sei für Sindelfingen ein Alleinstellungsmerkmal, es dürfe nicht geopfert werden. Allerdings wollten ebenso viele Zuhörer auch die freitragende hölzerne Dachkonstruktion erhalten – laut der Webseite des Badezentrums mit 3500 Quadratmetern das größte solche Dach aller Hallen in Europa. „Einen Tod müssen wir sterben“, sagt Kleemann dazu. Beides zu erhalten, das Dach und das Wettkampfbecken, sei schlicht nicht möglich.
Im März soll der Gemeinderat sich mit den neuen Sanierungsvarianten befassen. Sollte man dieses Jahr einen Beschluss hinkriegen, heißt es von Projektleiter Clemens Knoch, könnte das neue Bad möglicherweise im Jahr 2032 stehen.
Sanierung und Ausbau des Badezentrums
Projekt
Das Badezentrum Sindelfingen wurde 1976 erbaut und ist am Ende seines Lebenszyklus. Eine Sanierung wird schon lange geplant – aber auch eine Erweiterung.
Die Sanierung
Nähme man nur das bestehende Bad und sanierte es, kostet das konservativ geschätzt 43 Millionen Euro. Die Verwaltung weist aber darauf hin, dass es viele Unbekannte gibt – beispielsweise den Zustand des Leitungssystems, des Betons und der Wände. Sie hält diese Variante daher für unwirtschaftlich, da sie keine neuen Zielgruppen erschließen würde.
Die Erweiterung
In dieser Variante bleibt das Badezentrum im Grunde erhalten, wird aber um eine Familien- und eine Saunawelt erweitert. Die Stadt rechnet mit 91,4 Millionen Euro Investitionskosten. Auch gegen diese Variante hat die jetzige Verwaltung Vorbehalte, da das Hallenbad erst einmal in den Rohbauzustand versetzt werden müsse. Weiterer Knackpunkt: Das 50-Meter-Becken müsste weichen.
Der Neubau
Etwas günstiger kommt mit schätzungsweise 91 Millionen Euro Investitionskosten der Ersatzneubau daher. Hier würde das Hallenbad wieder ein 50-Meter-Schwimmbecken bekommen, das man allerdings bei Bedarf teilen könnte. Saunen, Rutschen und ein Eventplatz sind ebenfalls geplant. Dafür muss aber der Gebäudekomplex in der Hohenzollernstraße 21 weichen.