Stuttgarts Freibäder sind offen, die Mineralbadfans müssen dagegen weiterhin warten. Zu lange, findet Lokalchef Jan Sellner. Schließlich geht es hier auch um ein Stück (Bade-)Kultur.
Stuttgart - Zehn Tage nach der Eröffnung der Stuttgarter Freibadsaison ist es höchste Zeit auf die Situation der vernachlässigten Bevölkerungsgruppe der Leuzianer und der Bergianer in dieser Stadt aufmerksam zu machen. Während nämlich in den fünf Stuttgarter Freibädern in Untertürkheim, Möhringen, Vaihingen, Sillenbuch und am Killesberg reger und coronagerechter Badebetrieb herrscht, ruht das Mineralwasser in den drei städtischen Thermen Leuze, Berg und Solebad Cannstatt still wie ein einsamer See. Zwei davon, das Leuze und das Berg, hätten zeitgleich mit den Freibädern öffnen dürfen, weil sie über abgeschlossene Außenbecken verfügen. Erwartungsfroh saßen Bergianer und Leuzianer deshalb auf gepackten Badetaschen, um dann von der Stadt zu erfahren: Wir haben zu wenig Personal und zu viele Coronaaufgaben zu bewältigen; die Mineralbecken bleiben zu. Ausgerechnet!
Die Leuzianer schwören aufs Leuze, die Bergianer aufs Berg
Wer noch nichts von Leuzianern und Bergianern gehört haben sollte, hier eine kurze Erläuterung: Beide, Leuzianer wie Bergianer, gehören alten Stuttgarter Badekulten an. Die Leuzianer schwören auf das Wasser im Mineralbad Leuze. Die Bergianer auf das Wasser im Mineralbad Berg, das nach seinem ursprünglichen Besitzer auch „Neuner“ genannt wird. Ihre Mineralwasserreiche liegen weniger als 500 Meter Luftlinie voneinander entfernt, und doch stehen sich Leuzianer und Bergianer alles andere als nah. Die Unterschiede speisen sich aus den verschiedenen Mineralquellen, aus der Tradition und aus dem Lebensgefühl: Die Bergianer sind innerhalb des speziellen Mineralwasservölkchens vielleicht noch einen Tick spezieller, deshalb aber nicht weniger liebenswert, treu und gegen Kälte abgehärtet. Überschneidungen gibt es höchstens unfreiwillig: Als das Heiligtum der Bergianer umfangreich saniert werden musste, boten die Leuzianer den Bergianern Badeasyl an. Eine Art Duldung.
Es muss Mineralwasser sein!
So richtig einig sind sich Leuzianer und Bergianer im Grunde nur in einem: Es muss Mineralwasser sein! Wer sie auf Distanz halten will, sagt nur einmal laut „Chlor“ – damit kann man sie jagen. Denn beim Wasser sind sie zu keinen Kompromissen bereit; es muss direkt aus der Quelle, naturbelassen in die Schwimmbecken fließen, es muss sprudeln und perlen, und es muss kalt sein. Auf all das müssen die Leuzianer und Bergianer seit Langem verzichten; sie sind Badeköniginnen und -könige ohne Reich. Es gibt schlimmere Schicksale, und doch trifft viele die fortgesetzte Schließung hart. Das hat auch mit dem Lebensalter zu tun: Leuzianer und Bergianer sind häufig gereifte Schwimmer, was man ihnen kaum ansieht dank des Jungbrunnens, in den sie regelmäßig eingetaucht sind. Doch sie erleben Zeit als besonders kostbar. Dass jetzt Wochen ins Land gehen, ehe Leuze und Berg öffnen, obwohl es erlaubt wäre, schmerzt sie sehr.
Warum ist Stuttgarts einziger Bodenschatz so wenig bekannt?
Und ein bisschen ist es auch ein Armutszeugnis für eine Stadt, die gerade 35 Millionen Euro in die Sanierung des Mineralbads Berg gesteckt hat und die mit Mineralwasser gesegnet ist, wie keine zweite Stadt in Europa außer Budapest. Vier Millionen Liter sprudeln täglich aus dem Untergrund. „Viele Bürgerinnen und Bürger sind überrascht, wenn sie davon zum ersten Mal hören“, schreiben die Bäderbetriebe – und müssen sich fragen, warum die Bürger nach 150 Jahren Mineralbadgeschichte eigentlich so wenig von Stuttgarts einzigem Bodenschatz wissen. Könnte es an mangelnder Werbung liegen? Findet sich vielleicht auch deshalb kein Aufsichtspersonal? Oder sind die Stellen schlicht unattraktiv?
Und weil die Bergianer und Leuzianer selbst nicht demonstrieren, ist das hier eine kleine Pro-Mineralbad-Demonstration!
jan.sellner@stzn.de