Zwei Mountainbiker fahren auf einem Trail in Baiersbronn, das bekannt ist für sein großes Wegenetz. Foto: Ronald Jacobs/Schwarzwald Tourismus

Die Mountainbike-Kultur ist im Wandel: Nicht mehr Adrenalin pur zählt. Der Biker von heute verlangt nach Strecken durch abwechslungsreiche Landschaften, die auch der Nachwuchs bewältigen kann. Darauf haben sich Touristiker eingestellt.

Stuttgart - Sie heißen Wadenbeißer, Hubbelfuchs oder Borderline. Sie schmiegen sich ideal in die Landschaft, sind lenkerbreit und haben nicht nur Namen, sondern auch eigene Architekten: Pfade für Mountainbiker (MTB), auch Single-Trails genannt, sprießen wie Pilze aus dem Boden. Sie sind bei Bikern hoch im Kurs – und finden sich darum immer häufiger auf den Wunschlisten der Touristiker.

Vor allem in Baden-Württemberg, wo mit Schwarzwald und Schwäbischer Alb ideale topografische Bedingungen herrschen, wird kräftig um die wachsende MTB-Szene gebuhlt. Mindestens zehn überregional bekannte Hotspots können die Mitarbeiter des baden-württembergischen Tourismusnetzwerkes auf Anhieb aufzählen. „Laut Umfragen in Fachzeitschriften gehören der Schwarzwald und die Schwäbische Alb zu den beliebtesten Zielen der Mountainbiker in Deutschland“, sagt Felix Rhein vom Tourismusnetzwerk.

Vermummt, querfeldein und viel zu schnell

Als die ersten Mountainbikes aus Amerika in deutschen Wäldern auftauchten, entstanden Radwege noch durch das bloße Aufstellen von Schildern. Damals in den 90er Jahren ernteten die oft männlichen und vermummten Individuen ob ihres Tempos und ihrer Querfeldeinrouten noch böse Blicke von Wanderern und Förstern. Mittlerweile kann man das Geländerad bei schätzungsweise zehn Millionen Nutzern in Deutschland als gesellschaftsfähig bezeichnen, auch weil die damaligen Pioniere heute Kinder haben und mit diesen gemeinsam unterwegs sein wollen. Eine wirtschaftlich attraktive Zielgruppe, die Ansprüche hat ähnlich wie Skifahrer ans Skigebiet. „Wir fahren am liebsten auf abwechslungsreichen, naturbelassenen Strecken, die auch Kinder bewältigen können“, sagt der Allgäuer und Mountainbike-Pionier Andreas Kern, der seine zwei Töchter regelmäßig mit auf Tour nimmt.

Ansprüche, die Gehör finden. Der Single-Trail-Entwickler Thomas Schlecking ist voll ausgelastet. Die Auftraggeber seiner Firma Bike Projekts, die in Düsseldorf sitzt, kommen auch aus Baden-Württemberg. Zurzeit arbeitet Schlecking sogar parallel an zwei Projekten im Süden des Landes: Zum einen will die Tourismusgesellschaft Zwei-Täler-Land das Elztal und das Simonswäldertal zum Hotspot machen, wie es in der Szene heißt. Zum anderen wünscht sich die Gemeinde Forbach im Nordschwarzwald einen Trail, nachdem Biker vor Ort Druck gemacht haben. Auch die Wanderhochburg Baiersbronn hat jüngst Schleckings Expertise in Anspruch genommen und für den Touristikverband gleich mehrere Trails konzipiert.

Der Ruf des baden-württembergischen Bikerparadieses hat allerdings einen Kratzer im Lack, einen strategischen Nachteil gegenüber der Konkurrenz: Im Gegensatz zu anderen Bundesländern gilt in Baden-Württemberg die Regel, dass Fahrräder nur auf Wegen fahren dürfen, die mindestens zwei Meter breit sind. Wer dagegen verstößt, riskiert ein Bußgeld von bis zu 35 Euro. „In der Praxis hält sich zwar keiner daran“, sagt Heiko Mittelstädt von der Deutschen Initiative Mountainbike (DIMb). „Aber ein Magengrimmen bleibt.“ Denn kommt es zum Unfall, haftet der Biker. Deshalb wichen vor allem MTB-Urlauber auf Nachbarregionen wie die Pfalz oder die Vogesen aus, so Mittelstädt.

Die Touristiker in Baiersbronn haben vorgemacht, wie man Mountainbikern trotzdem ein attraktives Angebot machen kann. „Wir haben alle Betroffenen an einen Tisch geholt“, erzählt der Tourismusdirektor Patrick Schreib. Denn das Gesetz sieht eine Ausnahme von der Zwei-Meter-Regelung vor, „wenn sich alle Betroffenen auf eine gemeinsame Lösung verständigen und die örtliche Forstbehörde diese genehmigt“. Heute beeindruckt Baiersbronn die Szene mit einem Wegenetz von mehr als 400 Kilometern und elf MTB-Touren, die zu 33 Prozent aus Trails bestehen, darunter auch ein Kinder-Erlebnis-Trail. Zudem bieten Mountainbike-Führer ihre Begleitung an, eine eigene App zeigt Tourenverläufe und Höhenprofile und örtliche Gasthäuser werben mit dem Qualitätssiegel „Fahrradfreundlich“. Die Region Sasbachwalden hat Baiersbronns Runden Tisch zum Vorbild genommen und nachgezogen. Ihre Mountainbike-Arena habe „den längsten präparierten Flowtrail Deutschlands mit fast sieben Kilometern Länge“, wirbt sie – Flowtrails haben viele Kurven und Bodenwellen, können aber ohne zu bremsen durchfahren werden. Auch die Stadt Freiburg und die Gemeinde Hornberg machten von der Ausnahme Gebrauch und eröffneten etliche Trails, darunter den Canadian Trail, für den eigens vier Trailspezialisten aus Kanada eingeflogen wurden.

Szene ärgert sich über Zwei-Meter-Regel

Für Heiko Mittelstädt von der DIMb schaffen diese Maßnahmen nur punktuell Abhilfe. „90 Prozent der Strecke, die auf dem Mountainbike zurückgelegt wird, liegt vor der eigenen Haustür“, sagt er. „Wenn ich in Freudenstadt wohne, fahre ich nach Feierabend nicht nach Baiersbronn zum biken.“ Das Gesetz diskriminiere Radfahrer statt gegenseitige Rücksichtnahme zu fördern, sagt Mittelstädt.

Seit Kurzem ist in deutschen Wäldern wieder ein neues Phänomen zu beobachten: Biker, die mit bis zu 25 Stundenkilometern die Trails bergauf fahren. Schon hat der erste Uphill-Flow-Trail für Elektro-MTBs eröffnet, am Geißkopf im Bayrischen Wald, gesponsert vom E-Bike-Anbieter Bosch. Verschiebt sich der Konflikt MTB versus Wanderer hin zu MTB versus E-MTB? Wird es noch enger in deutschen Wäldern? Der E-MTB-Profi Stefan Schlie gibt sich optimistisch: „Verhalten sich alle rücksichtsvoll, sehe ich keine Problem.“

Landeswaldgesetz

Nach Paragraf 37 des baden-württembergischen Landeswaldgesetzes dürfen Radfahrer und Reiter keine Waldwege unter zwei Metern Breite benutzen. Laut der Landesregierung schafft die Vorschrift Klarheit darüber, wer bei Konflikten oder Unfällen im Recht ist. In anderen Bundesländern wurden Regelungen dieser Art entweder aufgehoben oder aufgeweicht.

Online-Petition

Die Fahrradverbände sehen in dem Gesetz eine „Diskriminierung der Radfahrer“. 2013 wurden rund 50 000 Unterschriften für eine Online-Petition gesammelt, um die Regelung loszuwerden. Sie scheiterte unter anderem am Widerstand der Wanderverbände.

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