Winfried Kretschmann (Mitte) lässt sich erklären, wie man in Wendlingen ein Parkhaus aus Holz errichtet hat. Links von ihm IBA-Aufsichtsratsvorsitzender Thomas Bopp und links am Bildrand IBA-Intendant Andreas Hofer. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Die Internationale Bauausstellung IBA’27 soll für die Region Stuttgart ein Aushängeschild werden und kämpft in der Baukrise mit Verzögerungen. Doch das Land Baden-Württemberg will sich nicht stärker engagieren.

Die Neckarspinnerei in Wendlingen, die im Jahr 2020 ihren Betrieb einstellen musste, verkörpert perfekt den Umbruch, vor dem Baden-Württemberg in den kommenden Jahren steht. Auf dem Gelände sollen nicht nur Wohnungen entstehen, sondern auch Arbeitsplätze. In die alte Industriearchitektur aus dem Jahr 1860 ist beispielsweise ein Start-up namens Batene eingezogen, das Wurzeln am Stuttgarter Max-Planck-Institut hat.

 

Das Team entwickelt eine innovative Batterietechnologie, die potenziell auch einmal bei Autobatterien Einzug halten könnte. Die notwendigen Reinräume konnte man ohne langes Warten und umständliche Baugenehmigungen in einem leeren Fabrikgeschoss aufstellen. Die grundsolide, auf schwere Maschinen ausgerichtete Deckenkonstruktion ließ dies problemlos zu.

Wie den Faden weiterspinnen?

„Wir spinnen hier den Faden weiter“, sagte Co-Geschäftsführerin Thanh Nguyen jüngst beim Besuch von Ministerpräsident Winfried Kretschmann – in Anspielung an die Garne die hier hergestellt wurden, bevor die asiatische Konkurrenz dem hiesigen Standort den Garaus machte. Das alte Industriegelände, das in den kommenden Jahren noch durch Neubauten erweitert werden soll, war nach einem Ausstellungsbesuch im vergangenen Jahr das erste Projekt der Internationalen Bauausstellung IBA 27, das sich Kretschmann persönlich anschaut. Auch ein Parkhaus aus Holz steht auf dem Programm. Für die IBA-Macher ist das ein Moment, um daran zu erinnern, dass das Land mehr aus dem Event machen könnte.

Zwar gibt es etwa aus dem Landesbauministerium Zuschüsse für die IBA-Arbeit. Und die einzelnen Bauprojekte profitieren auch von bestehenden Fördertöpfen. Doch im Gegensatz zur Stadt Stuttgart und dem Regionalverband ist das Land kein Gesellschafter. Das könnte nach dem Ausstellungsjahr kritisch werden, weil eine Reihe von Vorhaben erst zum Ende des Jahrzehnts fertig werden.

Projekte brauchen langen Atem

Dabei spiegelt nach Ansicht ihrer Macher die Bauausstellung ein zentrales Zukunftsthema des Landes: Den Umbau des Industriestandortes. Wendlingen ist nur ein Beispiel dafür, wie ein früheres Industriegelände neu belebt wird, indem Wohnen und Arbeiten zusammengeführt werden - mit allen Herausforderungen etwa beim Lärmschutz. Ob Backnang und Schorndorf in der Region oder die Maker-City im neuen Rosenstein-Quartier am Stuttgarter Hauptbahnhof, der Stöckach in Stuttgart-Ost und das Wohnen am Fluss in der Landeshauptstadt – die Frage, wie sich alte Gewerbestandorte innovativ nutzen lassen, ist ein Leitmotiv der Bauausstellung. Die IBA zeigt hier aber auch die Hürden. Einige Vorhaben stecken fest.

„Die IBA-Projekte müssen die Grenzen des Gewohnten überschreiten. Die zu überwinden braucht Mut und Zuspruch,“ sagte IBA-Intendant Andreas Hofer: „Ohne einen besonders engagierten Anwalt hätten wir in Wendlingen beispielsweise die Genehmigung nicht geschafft.“ Auch die Behörden in Kreis und Kommune seien bis an die Grenzen ihres Auslegungsspielraums gegangen.

IBA als Leuchtturm für den Strukturwandel?

Warum die IBA also nicht zum Symbol für den Strukturwandel im Südwestens machen? Etwa in Analogie zur laufenden Imagekampagne „The Länd“? Bisher gibt es keinen Plan, im Ausstellungsjahr eine große über die Region hinausreichende Werbeoffensive für das „Bau-Länd“ aufzuziehen.

Eine solche Marketingaktion, vor allem aber eine über das Ausstellungsjahr 2027 hinausreichende Fortentwicklung der Projekte, bräuchten das Land als Partner, sagte Thomas Bopp, IBA-Aufsichtsratsvorsitzender und Ex-Präsident der Stuttgarter Regionalversammlung. Er warb beim Ministerpräsidenten darum, dass Baden-Württemberg der dritte große IBA-Gesellschafter werden solle. Nordrhein-Westfalen und Thüringen haben sich bei früheren Bauausstellungen stark engagiert. „Die Transformation der Bauwirtschaft ist eigentlich noch wichtiger als die der Autoindustrie,“ sagte Bopp.

Kretschmann hält sich bedeckt

Doch Kretschmann hielt sich bedeckt: „Ich höre immer nur, wo das Land mehr tun soll – Vorschläge, was wir weglassen können, gibt es dagegen keine.“ Man helfe der Bauausstellung durch Reformen der Bauvorschriften und die üblichen Förderprogramme. „Wir werden aber die IBA verstärkt in den laufenden Strategiedialog zum bezahlbaren Wohnen und Bauen einbinden“, versprach der Ministerpräsident. Dies ist ein seit 2022 vom Staatsministerium organisiertes Expertenforum, das Vorschläge für Innovationen beim Bau entwickeln soll.

Auch im von CDU-Ministerin Nicole Razavi regierten Landesbauministerium glaubt man nicht, dass das Land als Gesellschafter in Mithaftung gehen muss. Das hat man auch bei einer 2022 in Heidelberg zu Ende gegangenen IBA nicht getan. Die Öffentlichkeitsarbeit werde im übrigen doch bereits unterstützt. Man finanziere etwa Stellen für das jährliche IBA-Festival, sagt ein Sprecher. Experten des Ministeriums seien intensiv involviert, um IBA-Projekte an Bau-Förderprogramme heranzuführen. Und hier werde die IBA auch von neuen Töpfen profitieren – etwa einem für das soziale Wohnen im Land.

Wie viel investiert das Land in die IBA?

Landesbeitrag
Seit 2018 wird die Bauausstellung vom Land mit 250 000 Euro im Jahr unterstützt. 2022 gab es 300 000 Euro extra, und im Haushaltsjahr 2023/24 sind ebenfalls 100 000 Euro zusätzlich reserviert. Dazu kommen projektbezogene Gelder und Gelder aus allgemeinen Bau-Fördertöpfen, von denen die IBA-Projekte profitieren. Die Gesamtsumme liegt also deutlich höher, ist aber schwer bezifferbar.

Vergleich
Die beiden mit je 45 Prozent an der IBA beteiligten Gesellschafter Stuttgart einerseits sowie andererseits der Regionalverband und die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart geben zusammen im Jahr 2,4 Millionen Euro aus. Für die auf die Anwerbung von Fachkräften insbesondere im Ausland ausgerichtete Imagekampagne „The Länd“ , die aus dem Staatsministerium koordiniert wird, wurden zwischen 2021 und 2024 etwa 21 Millionen Euro veranschlagt. age