Das Mittagessen ist ein wesentlicher Teil der Ganztagsbetreuung. Foto: dpa

Eltern halten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für das Topthema der Familienpolitik. Doch die Bundesregierung wisse ein Jahr vor der Wahl nicht, ob sie tätig werden wolle, moniert die Grünen-Abgeordnete Franziska Brantner. Sie bringt einen Rechtsanspruch auf Betreuung ins Spiel.

Stuttgart - „In der Ganztagsbetreuung von Schülern klafft eine riesige Lücke zwischen Angeboten und Nachfrage und die schwarz-rote Bundesregierung hat in der aktuellen Wahlperiode nichts verbessert.“ Das kritisiert Franziska Brantner, die kinder- und familienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Die Heidelberger Abgeordnete moniert weiter, „die Bundesregierung weiß auch ein Jahr vor der Bundestagswahl immer noch nicht, ob sie tätig werden will“.

CDU und SPD könnten sich beispielsweise positionieren, ob auch Schulkinder wie die Kinder unter sechs Jahren einen Rechtsanspruch auf Betreuung haben sollten. Das wollten die Grünen in einer Anfrage zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf von der Bundesregierung wissen.

„Die Bundesregierung prüft, wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Erhöhung der Teilhabechancen von Kindern weiter verbessert werden kann“, antwortet das Familienministerium auf die Anfrage, die unserer Zeitung vorliegt. „Dazu gehört auch die Prüfung etwaiger gesetzlicher Änderungen“.

Prüfen reicht den Grünen nicht

„Prüfen“ reicht Franziska Brantner nicht aus. Neben gesetzlichen Regelungen habe die Regierung weit mehr Möglichkeiten, sich zu engagieren. Die Grünenpolitikerin moniert weiter, auch die schon vor zwei Jahren eingesetzte Bund-Länder-Arbeitsgruppe werde bis zum Jahresende lediglich einen Zwischenbericht vorlegen. „Das ist alles andere als das, was Eltern sich wünschen“, konstatiert Brantner.

73 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder nannten in einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft die Erleichterung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als das wichtigste Thema der Familienpolitik. Das erklärt das Familienministerium auf die Anfrage der Grünen. Dabei ist den Vätern mit 79 Prozent das Thema sogar wichtiger als den Mütter, von ihnen setzten 66 Prozent die Vereinbarkeit auf Platz eins. 57 Prozent der befragten Eltern wünschten sich konkret ein besseres Angebot an Ganztagsschulen oder Horten.

Dem Familienministerium zufolge besuchten im Schuljahr 2014/15 in Deutschland 37,7 Prozent der Schüler der Klassen eins bis zehn eine Ganztagsschule. Spitzenreiter ist dabei Hamburg mit 88,3 Prozent, Baden-Württemberg liegt mit einem Anteil von 21,4 Prozent auf den hinteren Plätzen. Jeder dritte deutsche Grundschüler (33,1 Prozent) ist ein Ganztagsschüler, in Baden-Württemberg war es der Statistik der Kultusministerkonferenz (KMK) zufolge nicht einmal jeder achte (12,3 Prozent).

Verlässlichkeit entscheidend

Der bundesweiten Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) zufolge sind bedarfsgerechte und verlässliche Öffnungszeiten für die Eltern entscheidend. 56 Prozent der Grundschulen machen an fünf Tagen die Woche ein Angebot, aber nur 36 Prozent der Gymnasien und sogar nur 16 Prozent der anderen weiterführenden Schulen. Horte haben in der Regel an fünf Tagen in der Woche geöffnet. Grundschulen sind mit acht bis zehn Stunden länger geöffnet als die anderen Schulen, im Osten ist das Angebot umfassender als in Westdeutschland.

Problem: Die Ferien

Problematisch wird es mit den Ganztagsschulen aber in den Ferien. 60 Prozent der Ganztagsgrundschulen machen ein Ferienangebot, die Hälfte deckt die gesamte Ferienzeit ab. Aber nur neun bis zwölf Prozent der weiterführenden Schulen machen überhaupt Ferienangebote. Besser sieht es bei den meisten Horten aus. Aber diese sind deutlich teurer als Ganztagsschulen.

Das Ministerium erklärt, „beim derzeitigen zeitlichen Umfang von Ganztagsangeboten“ lasse sich, „insbesondere in Westdeutschland“ der Betreuungsbedarf bei Vollerwerbstätigkeit „noch nicht hinreichend abdecken“. Dabei sind die Wünsche der Mütter bezüglich der Arbeitszeit nicht eindeutig. Nach Daten des Statistischen Bundesamts gaben im Jahr 2013 Knapp 30 Prozent der Mütter an, sie würden gerne mehr arbeiten, 23,7 Prozent möchten dagegen die Arbeitszeit lieber reduzieren.

Die Bundesregierung bekennt sich zum weiteren Ausbau von Ganztagsschulen. Eine gute und verlässliche Ganztagsbetreuung könne Schulkinder in ihrer Entwicklung fördern und eröffne Eltern eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit. Das Familienministerium verweist darauf, dass der Bund von 2016 bis 2018 zukunftsfähige Angebote zu bedarfsgerechten Öffnungszeiten in Kitas mit bis zu 100 Millionen Euro fördere. In Randzeiten und während der Ferien soll die Initiative „Lokale Bündnisse für Familie“ zivilgesellschaftlich organisierte Angebote fördern. Im vergangenen Jahr zählte das Ministerium mehr als 370 Standorte.

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