Schutzmasken-Pflicht und Einlassbeschränkungen: Maßnahmen wie diese mindern die Kauflust, klagen Einzelhändler. Foto: dpa/Peter Kneffel

Bei zwei Dritteln der Läden im Land sind die Umsätze im Vorjahresvergleich um 40 bis 80 Prozent eingebrochen. Der Verband drängt auf eine Abschaffung der Maskenpflicht – sie sei ein Grund für die schlechte Kauflaune. 200 000 Arbeitsplätze seien in der Coronakrise gefährdet.

Stuttgart - Der Umsatz im Einzelhandel in Baden-Württemberg ist auch in der dritten Woche nach der Wiedereröffnung der Geschäfte im Vorjahresvergleich stark eingebrochen. Bei gut zwei Drittel der Händler sind die Umsätze im Vorjahresvergleich um 40 bis 80 Prozent zurückgegangen. Bei jedem siebten Händler nahmen die Erlöse um 20 Prozent ab. Das ergibt eine Umfrage unter rund 700 Händlern, die der Handelsverband Baden-Württemberg (HBW) in der vergangenen Woche erstellt hat. „Die meisten Kunden kaufen nur noch Waren des täglichen Bedarfs. Die Impulskäufe gehen drastisch zurück“, heißt es in einem Resümee. „Viele Kunden sind verunsichert, wenn nicht sogar ängstlich.“

 

Wie prekär die Lage ist, zeigt auch ein Blick auf die beantragten Hilfen. Rund 70 Prozent der befragten Händler haben demnach Kurzarbeit beantragt. Zwei von drei Befragten haben die Soforthilfe des Landes in Anspruch genommen, ein Drittel hat von Steuerstundungen und ein Fünftel von Mietstundungen Gebrauch gemacht. Allerdings gaben viele Händler an, noch auf die Bewilligung der Finanzierung zu warten oder ohne ersichtlichen Grund abgelehnt worden zu sein. Etliche Händler haben laut Umfrage auch Mietminderungen, Rabatte bei Lieferanten oder die Stundung von Leasingraten ausgehandelt.

Jeder fünfte Händler fürchtet, dass er sein Geschäft schließen muss

Doch die Aussichten für die Zukunft sind alarmierend: Mehr als jeder fünfte Händler bezeichnete die Gefahr einer Geschäftsaufgabe als „sehr groß“ oder „groß“. Rund jeder vierte Händler stuft die Gefahr immerhin als „mäßig“ ein. Rund die Hälfte allerdings sieht diese Gefahr „nicht“ oder „eher nicht“. HBW-Verbandspräsident Hermann Hutter bezeichnete die Zahlen als „katastrophal und höchst besorgniserregend“. Würden sich die Zahlen bewahrheiten, hätten „nicht nur der Einzelhandel, sondern auch der Staat, die Kommunen, Städte, Wirtschaft und Gesellschaft ein riesengroßes Problem“, so Hutter. „Damit sind rund 20 000 Handelsgeschäfte mit knapp 200 000 Arbeitsplätzen in Baden-Württemberg gefährdet.“ Hutter fordert von der Landesregierung Grenzöffnungen und Bürokratieabbau sowie befristete Steuererleichterungen und Programme zur Förderung der Konsumbranchen wie regionale Einkaufsgutscheine.

Lesen Sie auch: Händler im Land befürchten 6000 Schließungen

Ein Schwerpunkt der Verbands-Umfrage war der Umgang mit den Hygienevorschriften. Das Resümee der Händler zur Mund- und Nasenschutzpflicht, die seit dem 3. Mai gilt, ist widersprüchlich: Laut der Umfrage geben zwar 98 Prozent der Händler an, ihre Kunden würden sich „überwiegend“ oder „praktisch ohne Einschränkung“ diszipliniert und rücksichtsvoll verhalten. Gleichzeitig berichten Händler, dass seit der Maskenpflicht die Kunden nicht mehr den erforderlichen Abstand von 1,5 Metern einhalten würden. Rund jeder zehnte Kunde lehne die Maskenpflicht ab.

Viele Kunden seien vom Mundschutz genervt, heißt es in der Umfrage des Verbands

Viele Kunden seien vom Tragen des Mundschutzes genervt, manche würden sich auch weigern, beim Einkaufen eine Maske aufzuziehen, heißt es. Insbesondere ältere Kunden und Brillenträger fühlten sich durch die Maske „extrem gestört“ oder würden über Atemnot klagen. „Generell wird die Maskenpflicht von den Kunden als unnötig und lästig beschrieben, auch wenn die meisten sich daran halten“, sagte Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands. Ein Grund sei auch, dass die Maskenpflicht sehr spät eingeführt worden sei.

Auch bei den Angestellten selbst ist die Maskenpflicht laut Umfrage nicht unumstritten. Fast drei von zehn Mitarbeitern haben für kein Verständnis fürs Maskentragen, weil sie den Schutz als gesundheitlich belastend empfindend und weil viele Wochen lang in Drogerien und Baumärkten Mitarbeiter ohne Mundschutz Waren verkaufen konnten. Jeder sechste Befragte zeigte Verständnis, forderte aber als Schutz so genannte Face-Shields, eine Art Plastikschutz, der an einem Stirnband befestigt wird und oft angenehmer zu tragen ist. Mitarbeiter fühlten sich vor allem bei körperlich schweren Tätigkeiten wie das Einräumen von Regalen durch den Mund- und Nasenschutz behindert, kritisieren etliche Händler. Zudem klagten viele Mitarbeiter auch über Hals- und Kopfschmerzen, Verspannungen, Schwindel und Atemnot. In einigen Geschäften hätten sich Mitarbeiter wegen dieser Symptome krankgemeldet. „Die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter wird als geringer beschrieben“, heißt es. Und: Auch Mitarbeiter würden seit der Maskenpflicht Sicherheitsabstände weniger einhalten.

„Wir hoffen, dass wir von der Maske befreit werden“, sagt der Verbandspräsident

Viele der befragten Händler fordern deshalb die Aufhebung der Maskenpflicht: „Sowohl Händler als auch die Kunden fühlen sich dadurch massiv eingeschränkt und ein normales Einkaufen wird dadurch unmöglich“ heißt es. „Es muss darüber nachgedacht werden, ob eine Maskenschutzpflicht für die Mitarbeiter im Handel wirklich nötig ist“, sagte Hagmann – insbesondere, wenn Mitarbeiter keinen direkten Kundenkontakt hätten. Sie verwies auf jene Bundesländer, in denen das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes nicht verpflichtend sei. Viele der Befragten hätten Plexiglasscheiben als Schutz für Theke und Kasse als ausreichend empfunden und hätten gefordert, dass Face-Shields erlaubt werden sollten. „Wir hoffen, dass wir von der Maske befreit werden“, sagte auch HBW-Verbandspräsident Hutter.

Um zu verdeutlichen, wie gut Hygienekonzepte in Eigenregie umgesetzt würden, hatte der Handelsverband auch Landeswirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) in die Stuttgarter Innenstadt geladen, wo sie die Traditionsgeschäfte Tritschler und Breuninger besuchte. Hoffmeister-Kraut äußerte zwar Verständnis, betonte aber auch, dass Gesichtsmasken den Kunden „ein Gefühl von Sicherheit“ geben würden. Den Einsatz von Face-Shields wies sie auf Anfrage unserer Zeitung zurück: Ein Schutzschirm oder Visier sei „kein geschlossenes System und biete keinen ausreichenden Schutz“, betonte sie.

Die Regierung erteilt eine Abfuhr

Auch die Landesregierung sprach sich auf Nachfrage gegen die Händler-Forderungen aus. Die Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen seien umso wichtiger, je mehr Lockerungen es gebe, sagte ein Sprecher. „Wenn die Infektionszahlen wieder ansteigen würden, müssten wir den Pfad der Lockerung verlassen und einzelne Maßnahmen wieder anziehen.“