Bei allem Vergnügen nicht nur in Spaßbädern: Wer nicht gut schwimmen kann, sollte sich bei solchen Rutschpartien vorsehen. Foto: dpa

Wassersportvereine schlagen Alarm: Immer weniger Kinder können schwimmen. Bäderschließungen, knappe Kapazitäten und lange Wartezeiten für Schwimmkurse verschärfen das Problem.

Kreis Ludwigsburg - Persönlich musste Frank Dautel noch niemanden vor dem Tod durch Ertrinken bewahren. „Zum Glück“, sagt er. Brenzlige Einsätze gebe es aber immer wieder, erzählt der 38-Jährige. Der Projektleiter in der Automobilindustrie engagiert sich in der Freizeit bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft DLRG. Er ist beim Bezirk Ludwigsburg, der elf Ortsgruppen vereint, für die Ausbildung zuständig. Allein 2017 rettete die DLRG im Kreis fünf Menschen. Drei von ihnen drohten zu ertrinken. Für rund 500 Menschen in dieser Situation kommt in Deutschland Jahr für Jahr jede Hilfe zu spät.

Fast 60 Prozent der zehnjährigen Kinder im Land können laut einer repräsentativen Studie, die die DLRG 2017 veröffentlichte, nicht schwimmen. Auch im Kreis Ludwigsburg, der mit Hallen- und Freibädern, Schwimmvereinen, Abteilungen und DLRG-Ortsgruppen noch gut bestückt ist, ist das Schwimmenkönnen kein Selbstläufer.

Komplett überfüllte Kurse

Gründe dafür macht die Lebensrettungsgesellschaft mehrere aus. Die meisten Schwimmlernkurse seien komplett überfüllt, Anmeldestopps oder lange Wartezeiten und nervenzehrende Vergabepraktiken an der Tagesordnung. „In meiner Heimatgruppe in Gerlingen nehmen wir gar keine Anmeldungen mehr an. Wir müssen erst einmal die Warteliste abarbeiten“, erzählt Frank Dautel.

Ottmar Breckel, Leiter der Schwimmabteilung des TSV Asperg, berichtet: „Bei uns fragen sogar verzweifelte Eltern aus Mühlhausen oder Vaihingen an.“ Dabei kann der Verein nicht einmal den Bedarf aus der eigenen Stadt decken. Seit sich der Gemeinderat gegen die Erhaltung der Lehrschwimmhalle aussprach, ist nur noch ein abgespecktes Angebot möglich – und das auch nur aus Entgegenkommen der Nachbarn in Ludwigsburg-Eglosheim, die den Aspergern freitagabends ein paar Stunden in ihrem Bad überlassen. Auch das Grundschulschwimmen für Asperger Kinder, sagt Breckel frustriert, sei passé. Man könne ja die Schüler nicht in der Unterrichtszeit mal eben in andere Städte karren, deren Bäder ohnehin ausgelastet seien.

In wie vielen der 90 Grundschulen im Kreis das Schulschwimmen durchs Raster fällt, erfasst das Staatliche Schulamt Ludwigsburg nicht. Der jeweilige Schulträger müsse die Schulen so ausstatten, dass der Bildungsplan umgesetzt werden könne, sagt der Schulamtsleiter Hubert Haaga. Dazu gehöre auch Kompromissbereitschaft.

„Es gibt Eltern, die kümmern sich einfach zu wenig darum“

„Die Schulen sind gehalten, mit dem Schulträger vernünftige Lösungen vor Ort zu finden“, so Haaga. Schulen aus verschiedenen Kommunen könnten ein Schwimmbad gemeinsam nutzen oder auf Freibäder ausweichen, „so dass Schwimmunterricht auch konzentriert in den Sommermonaten stattfinden kann“. Ottmar Breckel führt allerdings ins Feld, dass sich Freibäder für Grundschulen aus Sicherheits-, Aufsichts- und Witterungsgründen nicht eigneten.

Eigeninitiative ist wichtig

Eigeninitiative von Erziehungsberechtigten ist also unabdingbar – doch dass Eltern beim Schwimmenlernen hinterher sind, ist immer weniger selbstverständlich, hat Bernd Hafner, Vorsitzender der DLRG Bietigheim-Bissingen, beobachtet. „Es gibt Eltern, die kümmern sich einfach zu wenig darum.“ Erst recht, weil es mittlerweile viele Spaß- und Freizeitbäder gebe, „geheizt bis zum Geht-nicht-mehr und mit flachen Becken“, bei denen Schwimmkünste vermeintlich nicht mehr so wichtig seien.

Ein weiterer Fakt, der die Lage verschärfen könnte: „Viele Bäder sind in den 1960er und 1970er Jahren gebaut worden und kommen in die Jahre“, sagt Frank Dautel. Wer nicht kontinuierlich in Technik und Bausubstanz der Bäder investiert habe, den treffe womöglich der Bumerang-Effekt. Und bei finanziell klammen Kommunen kämen dann schnell die Bäder auf den Prüfstand, „auch wenn schon ein Bewusstsein dafür da ist, wie wichtig sie sind“.

Am absoluten Limit

Michael Bertet, Chef des Schwimmvereins Bietigheim-Bissingen, schwant gerade für kleinere Kommunen mit alten Bädern Böses: „Je mehr Bäder schließen, desto prekärer wird es. Und dann werden wir auch Ertrinkungstode erleben“, befürchtet er. In seiner Stadt bekräftigten die Wassersportvereine jüngst bei einer Sportler-Klausurtagung ihren Wunsch nach einem neuen Bad mit 50-Meter-Becken. Man sei in Bietigheim am absoluten Limit, sagt DLRG-Chef Bernd Hafner. Sein Kollege Michael Bertet schaut mit einem Anflug von Sehnsucht zum Ludwigsburger Campusbad, das Schulen und Vereinen vorbehalten ist. „Wenn man die Schwimmflächen mit der Öffentlichkeit teilen muss, schränkt das zusätzlich ein.“ Ottmar Breckel aus Asperg bringt es so auf den Punkt: „Wer keinen Purzelbaum kann, gerät deshalb nicht in Lebensgefahr. Wer nicht schwimmen kann, schon.“

Sicher im Wasser

Bronze als Minimum
Das Seepferdchen reicht nicht, um als sicherer Schwimmer zu gelten. Mindeststandard ist das Jugendschwimmabzeichen in Bronze. Dafür muss ein Kind unter anderem vom Beckenrand ins Wasser springen, in maximal einer Viertelstunde 200 Meter schwimmen und tauchend einen Gegenstand aus zwei Meter Tiefe holen können.

Retter im Einsatz
Der DLRG-Bezirk Ludwigsburg mit rund 5000 Mitgliedern war vergangenes Jahr 610-mal für Hilfeleistungen bei Personen im Einsatz: Die Helfer haben dabei Menschen gerettet, betreut, abgesichert, gesucht oder ärztlich versorgt. Dazu zählen fünf Lebensrettungen; dreimal halfen DLRGler unter Einsatz ihres eigenen Lebens. Die DLRG kann auf aktiven Nachwuchs verweisen: 2017 wurden 105 Jugendliche im Kreis Juniorretter. 54 machten das Deutsche Rettungsschwimmabzeichen in Gold, 627 erwarben das Abzeichen in Silber, 217 in Bronze.

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