Seit 36 Jahren leitet der Geiger Marcel Baluta das renommierte Bad Wildbader Kurorchester. 1985 spielten darin 14 Musiker, heute sind es noch vier. Während der Kurort sich mit Touristenattraktionen wie dem Baumwipfelpfad neu erfindet, ist die Zukunft des Ensembles ungewiss.
Der Geigenbogen ruht auf dem glänzenden Waschbeckenrand. Daneben aufgeschlagene Noten in einem Ständer. Auf der Spiegelablage eine Dose Dreiwettertaft, ein hellblauer Kamm, eine Perlenkette, ein roter Lockenwickler. Auf dem Orientteppich blank polierte Schuhe. Der kleine Wecker in der Garderobe zeigt kurz vor halb vier.
Im Forum König-Karls-Bad, im großen Saal, sitzen verstreut etwa 20 Menschen. Ältere Damen tauschen sich über die Gesundheit aus. Ja, es muss. Und selbst? Manche halten die Augen geschlossen, die Hände gefaltet. Angelehnte Krücken. Freizeitwesten, Strickjacken, Dauerwellen. In der ersten Reihe zwei Herren in Hemd und Jackett. Auf einem leeren Stuhl liegt die „Apotheken-Umschau“. Hier drin ist es kühl. Draußen ist einer dieser Frühlingstage, an denen man sich leicht den ersten Sonnenbrand holt. Menschen in Jogginganzügen – wer weiß, ob sie Patienten oder Besucher sind – eilen zwischen Jugendstilgebäuden und Bausünden umher. Im Kurpark um die Ecke floriert das Kuchengeschäft.
Montagabends ist Wunschkonzert
Vor der blau gekachelten Nische mit dem Wandbrunnen und der Quellnymphe bauen sich die drei Musikerinnen auf. Sie tragen weiße Blusen zu schwarzen Röcken: Natalie Dovbysch am Klavier, Mihaela Stoimit Violine, Ewa Baluta am Cello.
Täglich außer dienstags und mittwochs musiziert das Marcel-Baluta-Ensemble hier in dem einstigen Thermalbad. Montagabends gibt es außerdem Wunschkonzerte, freitagabends Sonderkonzerte. In der Sommersaison von April bis Oktober spielen sie jede Woche acht Mal. Durchschnittlich vor 30 Leuten. Sie sind alle diplomierte Musiker, haben in Doneck, Bukarest und in Breslau studiert, hatten Engagements in Opernhäusern, Rundfunk- und Philharmonischen Orchestern.
Als Marcel Baluta 1982 aus Rumänien nach Bad Wildbad kam, spielten bis zu 14 Musiker in seinem Ensemble. Damals gaben sie Sinfoniekonzerte und galten in Fachzeitungen als eines der besten Kurorchester in ganz Deutschland. Das Repertoire umfasste 500 Stücke. 2012 spielten sie noch zu acht, 2014 dann zu sechst. Heute sind sie zu viert, das einstige Orchester ist genau genommen ein Quartett. Doch Begrifflichkeiten bedeuten Marcel Baluta nichts. Als Musiker empfinde man anders. Was ihm wehtue: „Dass ich über die Jahre Musiker verloren habe. Mit Instrumenten, die mir heute noch fehlen.“
Gäste schätzen die Präzision der Musiker
Als er mit seiner Geige vor das Publikum tritt – akkurater Bart, grauer Anzug, Krawatte –, scheint es keine Rolle zu spielen, ob er drei oder zehn Musiker dirigiert. Was zählt, ist der Moment, die Musik; die Spannung und Leichtigkeit. Nach jedem Lied nimmt Baluta seine Brille ab, verbeugt sich und verlässt den Saal, ehe er zu Beginn des nächsten Lieds wieder hineinkommt. So hat er es immer gemacht und so macht er es auch jetzt noch. Was sie zu viert mit ihren Instrumenten aus den Stücken herausholen, lässt selbst Laien andächtig lauschen.
Früher standen die Musiker auf einem Podest. Bis das Forum König-Karls-Bad 2010 aufwendig restauriert und der Saal in seinen ursprünglichen Zustand gebracht wurde. Seitdem spielen sie auf Augenhöhe mit dem Publikum. Manche Gäste bedauern, dass die Akustik darunter leide. Unter den Zuhörern befinden sich Menschen, die seit 30 Jahren jedes Jahr mehrmals nach Bad Wildbad kommen – wegen der Musik. Sie schätzen das hohe Niveau, das hier gehalten wird, die Disziplin und Präzision der Musiker, die Auswahl der Stücke. Sie erzählen von ihrer Sorge, dass es hier bald keine Kurmusik mehr geben könnte. „Hoffentlich bleiben sie uns noch ein bisschen erhalten“, sagt ein älterer Herr aus Trier.
Balutas Frau Ewa führt mit kleinen Geschichten durchs Programm. Es ist auch ein Bildungsauftrag, den sie hier haben. Am Nachmittag sind es hauptsächlich leichte Wohlfühlklänge, mit denen sie die Kurgäste unterhalten. In Zeiten, in denen selbst Wassertreten Wellness heißt, kommt auch die Kurmusik ohne diese Überschrift scheinbar nicht mehr aus. „Musik – Wellness für die Seele“ titelt das Plakat am Eingang. Der Ernsthaftigkeit ihres Spiels tut es keinen Abbruch. Egal ob Mozart, Bach, Chopin, Lehár, Mendelssohn Bartholdy, Lloyd Webber oder The Beatles – die vier Musiker stellen sich in den Dienst der Sache. „Meine Damen und Herren, wir spielen Ihnen als Nächstes sehr gerne ‚Yesterday‘ von Paul McCartney.“ Ewa Baluta legt das Mikrofon beiseite und setzt sich ans Cello. Die Hände routiniert, ihr blondes Haar wiegt im Takt. Man würde sie auch auf der Straße als Musikerin erkennen.
Musik gegen das Rauschen der Enz
„Es war so groß und wunderbar, wenn sie bei herrlichem Wetter im Kurpark in der Muschel spielten“, erinnert sich die Münchner Schauspielerin Karin Wirz, die seit Jahren immer wieder mit dem Ensemble auftritt. „Sie sind wirklich große Künstler.“ Vieles habe sich seitdem verändert. Dort, wo früher Bäume standen, fingen heute nur noch Schirmchen die Hitze. „Die Musiker kommen gar nicht mehr gegen die Enz an beim Spielen.“
Der räumliche und personelle Rückbau des Kurorchesters steht nicht nur in Bad Wildbad symbolisch für den Strukturwandel der Kurorte. Vielerorts wurden Kapellen aus Kostengründen längst aufgelöst. Seit die Kurgästezahlen mit den Gesundheitsreformen der 80er und 90er Jahre dramatisch zurückgingen, müssen sich Bäderstädte neu erfinden. Längst geht es auch in Bad Wildbad darum, die Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen zu bedienen. Attraktionen wie der Baumwipfelpfad und ein großer Bikepark – beides auf dem Sommerberg gelegen – ziehen Tagestouristen an. Im Juli soll dort oben außerdem eine Hängebrücke eingeweiht werden, die mutige Fußgänger über Tal und Tannen führt.
Dass die Kurmusik „ein wichtiger Mosaikstein“ des Bad Wildbader Angebots sei, betont Bürgermeister Klaus Mack. Es gehe darum, „langfristige Perspektiven für das Orchester zu schaffen“. Besucht er selbst die Konzerte? Auf dem Weg ins Rathaus höre er sie manchmal von draußen spielen. Zuletzt erhielt das Baluta-Ensemble 2013 einen Vertrag bis 2020. Ob und wie es danach weitergeht, weiß heute keiner.
Auch Marcel Baluta nicht. Spricht man mit dem engagierten Musikdirektor, merkt man schnell, dass er keiner ist, der sich beklagt. Im Gegenteil. Immer wieder betont er, wie viel ihm die Anerkennung der Stadt bedeute. „Der Bürgermeister schätzt meine Arbeit, wir haben eine prima Beziehung.“ Auch mit Winfried Hahner, dem Veranstaltungsleiter, verbinde ihn eine gute Zusammenarbeit. Selbst im Hinblick auf die Kürzungen klingen seine Worte nicht aufgesetzt. „Ich habe gelernt, kurzfristig zu planen. Früher habe ich mir mehr Gedanken über die Zukunft gemacht. Heute denke ich Schritt für Schritt.“
Mit sieben schon gespielt wie ein Zwölfjähriger
Sein halbes Leben hat Baluta in Bad Wildbad verbracht. Mit 29 hat er hier angefangen. Die politische Lage in Rumänien sei zu viel für ihn und seine Psyche gewesen. Die Diktatur Ceausescus: „Alles von oben gesteuert, ich konnte nicht mehr mitmachen.“ Wenn sich eine Möglichkeit ergeben würde, wollte er in den Westen gehen. Sein Glück: Als Künstler und Sportler konnte man verreisen.
Marcel Baluta spielt Geige, seit er fünf Jahre alt ist. Sein Vater, Klarinettist und Dirigent, habe gewusst, wie er mit ihm umgehen musste. „Gott sei Dank habe ich schnell gute Ergebnisse bekommen. Mit sieben habe ich schon gespielt wie ein Zwölfjähriger“, erinnert er sich. Bis zum Abitur besuchte er die George-Enescu-Musikschule in Bukarest. „Und ich habe Privatunterricht genommen.“ Er schreibt die Namen seiner Lehrer und Professoren auf. Selbst seiner Handschrift ist abzulesen, dass er sich bei allem, was er tut, Mühe gibt. Früh bewegte er sich in Musikerkreisen. „Es war ein ständiger Wettbewerb, eine freundschaftliche Konkurrenz.“ Von 1972 bis 1976 studierte Baluta Geige in Bukarest, parallel ein Jahr am Musikkonservatorium in Brüssel. Nach seinem Diplom mit Auszeichnung erhielt er eine Anstellung als Konzertmeister im Rundfunk-Sinfonieorchester in Bukarest, war Lehrbeauftragter an der Musikhochschule. Als Solist unternahm er Konzertreisen in ganz Rumänien. Während einer dieser Reisen stieß er auf eine Stellenanzeige. Der Kurort Bad Wildbad suchte einen Kapellmeister. Marcel Baluta bewarb sich, wurde zum Probespiel eingeladen und bekam die Stelle. Anfangs war er angestellt, seit 1998 ist er selbstständig.
Heute ist er 65, der Kurort sein Zuhause. In Bukarest sei er einer von Millionen gewesen, hier kenne jeder jeden. Die Atmosphäre in Bad Wildbad habe ihm sofort gefallen. Schnell bekam er Anerkennung von Gästen und der Kurverwaltung. Bis heute schätze er die musikalische Vielfalt, die große Palette von Kammermusik, Unterhaltungsmusik, Operetten, Opern und Musicals, in der er sich entfalten kann. Er hat im Laufe der Jahre mit unzähligen Musikern zusammengearbeitet, mit Solisten, Sängern, Aushilfen. Manche blieben nur ein Jahr, andere länger. Die Pianistin Natalie Dovbysch aus der Ukraine und die Geigerin Mihaela Stoian aus Rumänien, mit denen er heute noch auf der Bühne steht, spielen schon über 20 Jahre in seinem Ensemble. Zu Sonderkonzerten lädt er auch heute noch Aushilfssänger und Musiker ein. Er bezahlt sie selbst. Es sei ihm wichtig, dem Publikum etwas Besonderes zu bieten.
Täglich drei Stunden gemeinsame Probe
Auch seine Frau Ewa hat er in Bad Wildbad kennengelernt. Sie hatte ein Vorspiel als Cellistin und wurde ins Ensemble aufgenommen. „Langsam, langsam“ habe es mit ihnen angefangen. 1987 heirateten sie. In all den Jahren habe es immer wieder auch Angebote von anderen Kurorchestern gegeben. Er hätte nach Bayern gehen können. „Wieso sollten wir woanders von vorne anfangen?“, fragte ihn seine Frau. Sie blieben, weil sie sich wohlfühlten. Tür an Tür proben sie täglich zwei bis drei Stunden, jeder für sich, auch an ihren freien Tagen. Manchmal gehen sie gemeinsam in die Oper, besuchen klassische Konzerte in Pforzheim, Baden-Baden und Stuttgart.
Die große Verbundenheit der beiden, das Eingespieltsein aufeinander, ist auch auf der Bühne spürbar. Als Ewa Baluta am Abend durch die vergangene, kurze Ära der Operette führt, ganz in Schwarz, mit roter Ansteckblume, spricht sie liebevoll von ihrem „eigenen Paganini“. Man wünscht sich sehr, dass die Worte, mit denen sie das nächste Stück ansagt, auch auf die Zukunft des Ensembles zutreffen werden: „Ein Werk mit Happy End, das die Zuschauer glücklich macht.“ Baluta hebt die Geige an.