Kein Netz: In Bad Wildbad kommt das seit Ende Juni durchaus vor. Foto: StZN

Im Kurort Bad Wildbad sind Einwohner und Touristen zu digitalem Fasten verdonnert. Zumindest wenn sie Kunden von zwei Mobilfunkanbietern sind. Was sagen die Leute im Nordschwarzwald?

Wann sind wir eigentlich so abhängig geworden vom Handy? Diese Frage dürfte sich der ein oder andere in den vergangenen Wochen in Bad Wildbad gestellt haben. Denn in dem Örtchen im Nordschwarzwald (Kreis Calw) gibt es seit Ende Juni kein Netz mehr. Betroffen sind Kunden von O2 und Vodafone, die vom einen auf den anderen Tag wenig oder gar keinen Empfang mehr hatten.

 

„Katastrophal ist der Empfang“, sagt Gabriele Plappert, die in der Fußgängerzone gerade ihr Mobiltelefon in der Hand hält. „Mal ist der Empfang weg, mal ist er da. Das weiß man nie so richtig.“ Sie nimmt es einigermaßen gelassen. „So oft brauche ich mein Handy nicht“, sagt sie.

Kein Netz, dafür viele Attraktionen für Touristen

Andere sind da weniger entspannt: „Katastrophe“, „Ärgernis“, „Frechheit“. Diese Worte hört man öfters, wenn man sich derzeit in dem Kurort mit seinen rund 10.000 Einwohnern umhört. Alexander Rabsteyn nennt es eine „echte Zumutung“. Er ist Hauptamtsleiter von Bad Wildbad. Wer Schuld an der Mobilfunk-Misere hat, ist für ihn keine Frage. Die beiden Mobilfunk-Riesen, die sich nicht rechtzeitig um einen Ersatz für einen Sendemast, der oberhalb der Stadt abgerissen wurde, bemühten.

„Scheinbar wurde seitens der Anbieter darauf spekuliert, dass der Wegfall des einen Sendepunkts durch umliegende Stationen kompensiert werden kann. Aufgrund der örtlichen Topographie funktioniert das offenbar nicht, wie gedacht“, sagt Rabsteyn.

Bad Wildbad liegt malerisch eingebettet in einem Talkessel, umgeben von bewaldeten Hängen. Unten fließt die Große Enz, auch durch den idyllischen Kurpark. Zwei Thermen, teils in historischen Gemäuern, ein Baumwipfelpfad hoch oben, sowie eine spektakuläre Hängebrücke – beides erreichbar mit einer Standseilbahn – ziehen viele Touristen an. An der Bahn steht an diesem Tag eine kleine Gruppe asiatischer Touristen. Sie tippen wild auf ihren Handys. Kein Empfang?

In den Thermalbädern wird mit Walkie-Talkies kommuniziert

Dass Touristen mal keine Bildchen nach Hause zu den Liebsten schicken können, ist vermutlich noch zu verkraften. Teils sind die Ausfälle aber auch ein echtes Problem. Jürgen Schwarz, Chef der beiden Thermen im Ort, spricht von einem „Sicherheitsrisiko“. Die Notfallknöpfe in den Saunen der Bäder sowie in den Aufzügen funktionierten bislang über Mobilfunk. Die Mitarbeiter kommunizieren nun mit Walkie-Talkies. „Wie in den 90ern“, sagt Schwarz.

Zwischenfälle habe es bislang glücklicherweise nicht gegeben, aber natürlich seien die Gäste eingeschränkt. Beispielsweise, wenn sie digital bezahlen, oder sich online für ein Angebot anmelden wollen. „Unsere Kassenmitarbeiterinnen müssen einiges ausbaden“, sagt Schwarz.

Bad Wildbad im Nordschwarzwald lebt vor allem vom Tourismus und vom Gesundheitssektor. Foto: IMAGO/imagebroker

Die Situation sei „einfach blöd“, sagt Stefanie Bott, Geschäftsführerin der Touristik Bad Wildbad. Draußen vor ihrem Büro in der Tourist-Information stehen ein riesiger ausgestopfter Keiler sowie viele Devotionalien aus dem Schwarzwald. „Viel Wald haben wir hier. Wald, Wald, Wald“, sagt Bott. Und dort kann man sich richtig verlaufen, wenn man sich mit Apps orientieren will, die plötzlich nicht wie gewohnt funktionieren. Das sei zuletzt Wanderern passiert, sagt Bott. Auch herkömmliche Stadtpläne auf Papier seien so gefragt wie lange nicht mehr.

Drinnen ist es schlimmer als draußen

Es gibt Berichte über Menschen, die einen Notruf beim Nachbarn absetzen mussten, weil der einen Telekom-Vertrag hat, sie nicht . „Ob man Empfang hat oder nicht, hängt auch davon ab, wie viel los ist im Ort“, sagt Bott. „Drinnen ist es meistens auch viel schlechter.“ Die Toursitik Bad Wildbad habe inzwischen zusätzliche W-Lan-Spots an öffentlichen Gebäuden installiert. „Überhaupt haben sich viele einfach selbst geholfen, so gut es ging“, sagt Hauptamtsleiter Rabsteyn. Die Verwaltung auch. „In manchen Bereichen haben auch wir kurzfristig den Anbieter gewechselt, damit wir zum Beispiel beim Ordnungsamt verlässlich erreichbar und handlungsfähig sind und nicht nur in manchen Bereichen minimalen Empfang haben.“ Viele Privatkunden sind offenbar nicht einfach so aus ihren Verträgen gekommen.

O2 und Vodafone bestätigen auf Nachfrage die Probleme. Bei Vodafone „entschuldigt“ man sich bei den betroffenen Kunden, ein Telefonica-Sprecher „bedauert“ die Situation und liefert die Erklärung, für den fehlenden Empfang gleich mit: Die Antennen, mit denen im Ort die Netzabdeckung bislang gewährleistet wurde, waren auf einem Schornstein installiert, der abgerissen wurde. Das zugehörige Gebäude gehört der Fernwärmegesellschaft Baden-Württemberg (fbw). Die habe den Mobilfunkanbietern bereits vor drei Jahren mitgeteilt, dass die Antennen weg müssten, heißt es vom fbw. Bei Vodafone betont man hingegen, wie lange die Suche und Errichtung neuer Sendemasten in Anspruch nehme. Dass es nun an vielen Stellen in der Stadt keine Empfang mehr gibt, entschuldigt das freilich nicht.

Inzwischen hat das Mobilfunk-Desaster offenbar auch wirtschaftlichen Schaden angerichtet. „Wir merken, dass die Leute mit Buchungen zurückhaltender sind“, sagt Stefanie Bott. Die Hoteliers im Ort wollen sich nicht äußern. Ein weiterer Faktor aus Sicht der Touristiker: Die Reichweite über Social Media ist deutlich gesunken, weil niemand mehr etwas aus Bad Wildbad postet.

Die Enz fließt durch Bad Wildbad. Foto: IMAGO/imagebroker

Auch viele Reha-Patienten kommen wegen der Thermalquellen in den Ort, die Kurtradition reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Auch Christel, die ihren Nachnamen nicht nennen will, aber aus Reutlingen kommt, ist deswegen hier. Sie sitzt in ihrem E-Rolli am Eingang des Kurparks und tippt auf ihrem Smartphone. „Grade ist Empfang da“, sagt sie. Aber das sei in den vergangenen eineinhalb Wochen auch schon häufig anders gewesen. Die Dame nimmt es gelassen. „Wo in Deutschland hat man schon immer Empfang?“, fragt sie und lacht.

Besserung ist in Sicht

Dass auf den Handys in Bad Wildbad bald wieder mehr Empfangsbalken zu sehen sind, daran arbeitet O2 nun mit „höchster Priorität“, Vodafone „mit Hochtouren“. Wobei das offenbar nicht von Anfang an der Fall war. Aus Sicht der Verwaltung sei die Kommunikation mit den Netzbetreibern zu Beginn „eher unzureichend“ gewesen, heißt es. Auch bei der Suche nach einem neuen Standort hätten sich Verwaltung, Touristiker und Unternehmer eine bessere Zusammenarbeit mit den Mobilfunk-Riesen gewünscht. Bis ein neuer, fester Sendemast installiert wird, dürfte es noch Jahre dauern. Immerhin: Inzwischen sei ein Platz für einen Ersatzmasten gefunden, teilt Vodafone mit. Auch O2 habe „eine temporäre Versorgungslösung“ gefunden, heißt es.

Zumindest die Vodafone-Kunden sollten ab dem 12. September wieder normal telefonieren und mit dem Handy surfen können. Dann geht die Ersatzlösung in Betrieb. „Das wären dann zweieinhalb Monate ohne Netz gewesen“, sagt Stefanie Bott. Aus ihrer Sicht viel zu Lange. Und ob die Probleme Mitte September tatsächlich eine Ende haben, muss sich erst zeigen.