Vor 110 Jahren begann in Bad Cannstatt eine Erfolgsgeschichte: Das junge Ehepaar Clara und Alfred Ritter gründete eine Firma zur Herstellung von Schokolade. Heute zählt der Betrieb mehr als 1600 Angestellte.
Bad Cannstatt - Es gibt in der Firma Ritter Sport eine Tradition: Wenn besondere Jubiläen gefeiert werden, geschieht dies häufig am 4. Juli. Aber nicht, weil an diesem Tag das Unternehmen gegründet wurde. Vielmehr ist dies der Tag der Eheschließung von Clara Göttle und Alfred Eugen Ritter. Die im Jahr 1912 eingegangene Verbindung stellt sich für beide Seiten als äußerst profitabel heraus: Er ist gelernter Konditormeister, sie betreibt gemeinsam mit ihrer Schwester ein Süßwarengeschäft. Und beide wollen offenbar hoch hinaus: Kurz nach der Hochzeit gründen die Frischvermählten eine Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik in Cannstatt. Standort ist ein Hinterhof in der Inneren Moltkestraße (heute Sodener Straße). An Kundschaft mangelt es nicht. Durch die Bäderstadt flanieren zahlreiche Kurgäste, ein Großteil der Familien, die in Bad Cannstatt leben, verfügt über ausreichend Mittel, um sich den „Luxus“ Schokolade leisten und genießen zu können.
Clara Ritter obliegt das Marketing
Wenige Monate nach Ende des Ersten Weltkriegs erfolgt der Umzug in ein Wohn- und Geschäftshaus in der Wilhelmstraße 16. Dort erinnert heute noch eine Plakette am Gebäude an die einstige Produktionsstätte. Zudem gibt es einen Laden in der Bahnhofstraße, später kommt ein weiteres Geschäft am Wilhelmsplatz hinzu. Das zum Markenzeichen gewordene Quadrat existiert zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht – genauso wenig wie der Firmenname, die bunten Verpackungen oder der „Knick-Pack“. Verführt werden die Kunden stattdessen mit „AlRiKa“-Schokolade – eine Zusammensetzung aus den Namen Alfred, Ritter und „Kannstatt“. Außerdem im Sortiment: Pralinen, Oster- und Weihnachtsartikel.
Der kleinen und energischen Clara Ritter, die sich den Ruf erarbeitet, fleißig, kreativ und wenig risikoscheu zu sein, obliegt das Marketing. Alfred Eugen Ritter hingegen ist dafür bekannt, den Kindern in der unmittelbaren Nachbarschaft gern das eine oder andere Stück Bruchschokolade zuzustecken.
Zu wenig Platz in Bad Cannstatt
1926 beschäftigt das Ehepaar 80 Angestellte. Als die Produktionsstätte in der Wilhelmstraße deshalb aus allen Nähten platzt, verabschiedet sich das Unternehmen aus der Sauerwasserstadt. Ein neuer, deutlich größerer Unternehmenssitz wird in Waldenbuch in Form einer stillgelegten Fabrik gefunden. Entlassen werden die bisherigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deshalb jedoch nicht. Täglich fährt ein Bus aus Cannstatt nach Waldenbuch und wieder zurück.
1932 beobachtet Clara Ritter bei einem Fußballspiel auf dem nahe gelegenen Sportplatz, dass die bis dato vertriebenen Langtafeln in den Sakkotaschen zerbrechen. „Machen wir doch eine Schokolade, die in jedes Sportjackett passt“, soll ihre Schlussfolgerung gewesen sein. Der Familienrat folgt dem Vorschlag. Das Schokoladenquadrat wird aus der Taufe gehoben und entpuppt sich als erfolgreiches Produkt im Sortiment.
1970 kommt erste Joghurt-Schokolade auf den Markt
Ab 1935 folgen dennoch schwere Jahre. In der NS-Zeit sieht sich die Familie Repressalien gegenübergestellt, zeitweise muss die Produktion eingestellt werden. Erst in den 1950er-Jahren läuft Ritter Sport-Schokolade wieder vom Band. Die 1970er-Jahre sind von vielen Neuerungen geprägt: Die erste deutsche Joghurt-Schokolade wird auf den Markt gebracht, jede Geschmacksrichtung bekommt eine eigene Farbe – und dann ist da noch der Slogan „quadratisch, praktisch, gut“, der auch mehr als ein halbes Jahrhundert später noch einen hohen Bekanntheitsgrad aufweist.
Die 1959 verstorbene Firmengründerin Clara Ritter hat übrigens ihre frühere Heimat in Bad Cannstatt nie aus den Augen verloren, geschweige denn den Kontakt dorthin abgebrochen: Regelmäßig empfing sie in Waldenbuch ihre Freundinnen von einst.