Uniformen in der Kirche – für die einen eine Frage des Berufsethos, für die andere eine Provokation. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Gastspiel des Heeresmusikkorps Veitshöchheim in der Cannstatter Lutherkirche hatte bereits im Vorfeld für Aufregung gesorgt. Auch beim Konzert wurde demonstriert.

Stuttgart - Feldjäger in Tarnkleidung stehen vor dem Seitenportal der Cannstatter Lutherkirche. Das ist ein ungewohnter Anblick. Vertrauter wirken die rund 100 Kriegsgegner, die sich mit Transparenten vor dem Gotteshaus eingefunden haben. „Militärkapelle – So was hat in einer Kirche nichts verloren!“ prangt auf einem Schild. Zahlreicher sind die Plakate, die den anstehenden Syrieneinsatz der Bundeswehr thematisieren. „Ich habe über Facebook von dieser Demonstration erfahren“, erklärt Dirk Hoeber von der Linken. Das Transparent, das er gemeinsam mit zwei Genossen hält, fordert: „Arbeitsplätze statt Kriegseinsätze“. Offensichtlich steht die Problematik des Adventskonzerts nicht unangefochten im Mittelpunkt des Interesses. Die Kundgebung wendet sich vor allem gegen deutsche Militäreinsätze.

Im Chorraum des Backstein-Kirchenbaus stimmen die Musiker des Heeresmusikkorps gerade Georg Friedrich Händels „Feuerwerksmusik“ an. Die meisten tragen noch zivil. Wäre es vielleicht eine Lösung, wenn die Soldaten einfach ohne Uniform auftraten würden? „Für uns ist diese Dienstkleidung ein Ausdruck unseres Berufsstandes“, überlegt Oberstabsfeldwebel Jürgen Bauer. „Niemand würde von einem Musikzug der Feuerwehr erwarten, dass er in Privatkleidung musiziert.“ Kurz lauscht der Trompeter und Posaunist den Trommeln der Demonstranten vor der Tür, ehe er fortfährt: „Ich könnte mir gut vorstellen, jetzt rauszugehen und mitzuspielen. Solange ich das ohne Militärkleidung täte, wäre auch alles in Ordnung. Sobald man eine Uniform trägt, sehen einen die Leute aber mit anderen Augen. Dabei ist man doch nicht plötzlich ein anderer Mensch.“

Keine Werbeveranstaltung für Militärdienst

„Die Musiker der Bundeswehr sind Bürger in Uniform“, betont Pfarrer Ulrich Dreesmann, der sich bereits am vergangenen Freitag in einer von StN-Redakteurin Eva Funke geleiteten Podiumsdiskussion der Kritik gestellt hatte. Ein wenig ratlos verfolgt er die Kundgebung der Kriegsgegner. „Was die Verurteilung von Kriegshandlungen angeht, sind wir uns doch einig“, stellt er klar. „Ich sehe nur nicht, was das mit unserem Konzert zu tun hat.“ Eine Werbeveranstaltung, bei der die Bundeswehr Flyer verteile und für den Militärdienst werbe, würde er in seiner Kirche nicht dulden. Daran lässt Dreesmann keinen Zweifel.

Paul Russmann, Geschäftsführer von „Ohne Rüstung Leben“, stößt sich an einer grundsätzlichen Unvereinbarkeit von „Insignien des Militärischen und Kirche“. Ein Konzert wie dieses trage zur Verharmlosung des Dienstes an der Waffe bei und haue in die gleiche Kerbe wie die aktuelle Plakat-Werbekampagne der Bundeswehr. Sind Bundeswehrangehörige, die in einer Kirche musizieren, Christen in Uniform oder dienen sie gezielter Sympathiewerbung der Bundeswehr? „Die Zuhörer sollen die Gräuel des Krieges vergessen“, bringt ein Flugblatt den Verdacht der Protestierenden auf den Punkt. Roland Blach von der Deutschen Friedensgesellschaft, der die Demonstration angemeldet hat, wünscht sich eine klare Distanzierung der Kirche von allem, was mit Militär zu tun hat. Das fordere schon die unselige Geschichte einer Institution, die in den Weltkriegen Waffen gesegnet habe. Dreesmann will sich nicht aus jenen Bereichen zurückziehen, in denen es für Christen schwierig wird. Die Kirche sei Teil der Gesellschaft, gibt er zu verstehen. Sie müsse an den aktuellen Debatten teilnehmen. Angehörige einer Institution wie der Bundeswehr auszugrenzen, wäre in diesem Zusammenhang fatal.

Am Rande der Kundgebung entbrennen hitzige Diskussionen. Demonstrierende weisen auf den Bundeswehr-Bus und sprechen von gezielter Sympathiewerbung. Eine Konzertbesucherin hält dagegen, es gehe hier nur um die Musik, nicht um die Rechtfertigung politischer Entscheidungen. Immerhin: Selbst Hardliner der Friedensbewegung und ehemalige Soldaten kommen ins Gespräch. Das ist ein gutes Zeichen, ganz dem Credo Ulrich Dreesmanns entsprechend: dass es besser ist, miteinander zu sprechen, als übereinander.

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