Bauherr Dekan Eckart Schultz-Berg am höchsten Punkt der Stadtkirchen-Baustelle. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ein Sanierungsfall, der sich noch eine Weile hinziehen wird. Doch was passiert gerade an der Cannstatter Stadtkirche hinter den Kulissen? Ein Besuch in schwindelerregender Höhe auf dem höchsten Punkt der Baustelle.

An der Cannstatter Stadtkirche müssen viele Steine ausgetauscht werden. „Das ist in der genauen Draufsicht schlimmer als wir befürchtet haben“, sagt der Dekan Eckart Schultz-Berg. Nach der Fahrt im offenen Baufahrstuhl zeigen die Experten in 35 Meter Höhe am Stadtkirchenturm direkt am Mauerwerk, was hier zu tun ist: Architekt Mathias Riebelmann von den Nike Fiedler Architekten, Restaurator Albert Kieferle, der die Schadenskartierung gemacht hat sowie der Diplom-Restaurator Luzius Kürten gewähren gemeinsam mit dem Steinmetz Christoph Melchior Einblicke in ihre Arbeit am Turmgemäuer. Derzeit werden alle Steine konserviert, Risse gefüllt, Flächen verfestigt, damit kein Wasser weiter ins Gestein eindringen kann. Zuletzt sei das Gemäuer um die Jahrhundertwende saniert, in den sechziger Jahren sei „hemdsärmelig“ korrigiert worden, berichten die Experten auf Stuttgarts derzeit größter Kirchenbaustelle.

 

Große Schäden durch Luftverschmutzung in den Siebzigern

Die Sanierung ist aufwendig. Die Arbeiten an Cannstatts Wahrzeichen aus dem Mittelalter haben es in sich. Schwindelfreiheit ist vonnöten, wenn auf dem Gerüst rund um den Turm die Schäden ausgebessert werden müssen. Schnell wird klar: Die mehr als 550 Jahre alte Stadtkirche ist in die Jahre gekommen, nun muss der 1471 eingeweihte Sakralbau umfassend saniert werden. Steinerne Rosen wurden abgenommen und werden erneuert. Auch eine Knospe der Renaissance oben unter dem Turm aus Schilfsandstein muss ausgetauscht werden. Sie ist wegen der Luftverschmutzung der Siebziger Jahre und durch die Industrialisierung stark geschädigt, sagt Kieferle. Auch sind am Turmgemäuer viele Schäden zu sehen: Dort wurde einst nur mit Mörtel aufgefüllt, ohne Armierung. „Es bestand hier Akutgefahr“, sagt Kürten und füllt mit seiner Faust das Loch im Stein. Der Mörtel hätte abstürzen können. teils haben er und seine Kollegen drei Kilo schweren Mörtel entfernt. Die Arbeiten sollen möglichst vor dem Frost im Winter fertig werden, hofft der Dekan Schultz-Berg.

Im Sockelbereich haben die Maler viel zu tun

Die Sanierung ist schon gut vorangekommen: Die Arbeiten an der Westfassade zur Marktstraße hin sind weitgehend fertig. Der Blick zeigt: Viele Steine wurden repariert, manche wurden ausgetauscht. In den nächsten Wochen ist die Verfugung dran. An der Westfassade hat Maler Manfred Schuler Bestandsputz heruntergenommen, wo er lose ist. „Wo es nötig ist, wird neu verspachtelt und abschließend gestrichen“, sagt er. Vor allem am Sockelbereich war viel zu tun, der musste komplett abgenommen werden. Kieferle zeigt an einer Strebenpfeilerabdeckung eine alte Technik: Bleifugen wurden hier gesetzt. Die Rosen auf den Pfeilern wurden abgenommen und werden erneuert. Auf der Seite zur Marktstraße hin ist die Erneuerung schon gut zu sehen. Die Fugen sind schon fertig, etliche Risse sind gekittet.

Mittelalterlicher Dachstuhl weist nachhaltige Bauweise auf

Dann geht es in den viergeschossigen mittelalterlichen Dachstuhl, in dem jede Menge Holz verbaut wurde. Dort muss nicht nur ein Teil des Dachs neu gedeckt werden, auch fehlende Balken wurden eingesetzt und marode Balkenteile ersetzt. Die Fichtenbalken erzählen Geschichte: von den Flößern etwa. Für den Transport der Hölzer aus dem Schwarzwald per Fluss wurden Flößerlöcher gebohrt, die heute noch im Gebälk der Stadtkirche zu sehen sind. Zudem wurde mit Eichenschrauben gearbeitet. Nachhaltigkeit war damals schon Trumpf. Außerdem wurde im Modulbau gearbeitet. Der Dachstuhl wurde an unterschiedlichen Orten vorgefertigt und wie ein Bausatz in Cannstatt zusammengebaut. Viele Zeichen und Einkerbungen in den Holzbalken weisen auf das Geheimnis dieser Baukunst hin – ohne Mobiltelefon, Computer und CAD-Zeichnung.

Mit riesigem Kran wird Turmgeländer abgenommen

„Es läuft richtig gut, jeden Donnerstag haben wir Baustellen-Jour- Fixe“, erklärt Dekan Eckart Schultz-Berg. Doch der Bauherr braucht einen langen Atem: „Wir haben erst ein Viertel der Bauzeit“, sagt der Dekan. Ende 2024 sollen die Arbeiten fertig werden, in Abstimmung mit dem Denkmalamt. Als nächstes wird das Turmgeländer vom Stadtkirchenturm mit einem riesigen Kran abgenommen, weil es ebenfalls saniert werden muss. Nach dem Turm kommt die Nordfassade dran, im kommenden Jahr der gotische Chor.

Die Sanierung der Stadtkirche

Start der Bauarbeiten
war im März mit dem Aufbau des Gerüsts und dem „Bauanlauf“, ersten Absprachen mit den Handwerkern vor Ort. Am 30. April gab es einen Baustelleneröffnungsgottesdienst.

Auf Spenden angewiesen
Die Sanierung ist mit 2,4 Millionen Euro Kosten das derzeit größte Projekt für die Evangelische Kirche in Bad Cannstatt, für das Spenden eingeworben werden. Jüngst hat die Kirche einen Fundraising-Preis bekommen. Es wurden schon mehr als 130 752 Euro gesammelt, Ziel sind 340 000 Euro. 210 000 Euro fehlen noch. Der Stadtkirchenpfarrer Alexander Stölzle und der Dekan Eckart Schultz-Berg hoffen auf weitere Spenden. Am 10. September findet ein nächster Baustellengottesdienst um 11 Uhr in der Stadtkirche statt mit anschließenden Führungen beim bundesweiten Tag des Denkmals.