Anette Herzberger würde sich freuen, wenn es mit ihrem Naturkostladen weitergehen würde. Foto: Horst Rudel

Nach 21 Jahren will Anette Herzberger ihren Naturkostladen in der Ortsmitte aufgeben. Die Arbeitsbelastung sei zu hoch, sagt sie. Nun überlegen die Bürger, wie sie das Geschäft retten können – im Gespräch ist die Gründung einer Genossenschaft.

Bad Boll - Im Bürgersaal in Bad Boll mussten etliche Stühle zusammengerückt werden, um Platz für all jene zu schaffen, die den Naturkostladen „Lindenblüte“ retten wollen. Die Parole: „Der Laden bleibt im Dorf.“ In der Tat sieht es so aus, als ob das kleine, aber feine Geschäft in der Ortsmitte schon bald genossenschaftlich geführt werden könnte. Denn die knapp 100 Frauen und Männer, die zu der Informationsveranstaltung gekommen waren, zeigten sich nicht abgeneigt, als Genossenschafter an der Rettung der „Lindenblüte“ mitzuwirken – allerdings unter der Voraussetzung, dass ein Anteil für 100 und nicht, wie vorgeschlagen, für 250 Euro zu haben ist.

Die „Lindenblüte“ ist in Bad Boll eine Institution. Deshalb war die Nachricht, dass die Inhaberin Anette Herzberger das Geschäft nach mehr als zwei Jahrzehnten aufgeben möchte, geradezu ein Schock. Angefangen hatte Herzberger 1998 mit zwei Mit-Inhaberinnen. Seit mehreren Jahren ist die mittlerweile 55-Jährige Einzelkämpferin. Das sei kein Dauerzustand, findet sie. Da es ihr ein Anliegen ist, dass es weitergeht, hat sie sich im Vorfeld mit der Idee, eine Genossenschaft zu gründen, beschäftigt und kompetente Mitstreiter gewonnen, wie Jobst Kraus. Der frühere Studienleiter der Evangelischen Akademie Bad Boll ist Initiator und Vorstandsvorsitzender der Ökumenischen Energiegenossenschaft Baden-Württemberg, die mittlerweile 18 Fotovoltaik-Anlagen betreibt. An der Zukunft der „Lindenblüte“ hat Kraus aber nicht nur als Genossenschafter ein Interesse. Seit 30 Jahren lebt er in Bad Boll und wünscht sich, dass auch in Zukunft ein „Einkauf der kurzen Wege“ möglich ist.

Der Laden ist ein sozialer Treffpunkt

Nicht nur die Arbeitsbelastung ist groß. Das Führen eines Ladens in dieser Größe sei eine wirtschaftliche Gratwanderung, sagte Karl Schrader, der Mann von Anette Herzberger. Das Geschäft könne einen Lohn von 11 Euro pro Stunde nicht erwirtschaften. Bei jährlich anfallenden 4420 Arbeitsstunden summierten sich die Gesamtlohnkosten inklusive der Sozialabgaben auf mehr als 63 000 Euro. Der Fehlbetrag von 20 000 Euro könne nur durch „Idealismus“ ausgeglichen werden. „Anette bekommt einen deutlich geringeren Lohn als die Angestellten“, sagt Schrader. Dennoch sei es wünschenswert, die „Lindenblüte“ als sozialen Treffpunkt zu erhalten – und als Möglichkeit, selbst über das Sortiment zu bestimmen. Ferner sei es ein Wert an sich, einen Laden im Ort zu haben.

Trotz aller Schwierigkeiten, die die Gründung einer Genossenschaft mit sich bringt, verfestigte sich während der Veranstaltung der Wunsch, die „Lindenblüte“ zu halten. „Wenn es hier nicht klappt, wo denn dann?“ Diese Frage eines Bürgers war durchaus rhetorisch gemeint. Denn die Gemeinde hat laut eines Einzelhandelsgutachtens eine Vielfalt, wie es sie nur noch in ganz wenigen Kommunen gibt. Die Grünen-Rätin Dorothee Kraus-Prause warb dafür, diese Qualität zu bewahren. Dazu gehöre auch, dass der Gemeinderat bei seiner Linie bleibe und keinen neuen Supermarkt auf der grünen Wiese am neuen Kreisverkehr nahe des Sportgeländes zulasse.

Vorbereitungsteam gibt Gas

Und weil die Runde schon einmal dabei war Pläne zu schmieden, streifte sie auch die bevorstehende Schließung des Treff 3000 im Jahr 2021. Auch dieses Lebensmittelgeschäft liegt in der Ortsmitte, sonst gibt es nur noch einen Discounter auf der grünen Wiese. Möglicherweise könne man den Genossenschaftsgedanken auch auf den Treff 3000 ausdehnen, regte der Gemeinderat Henning Schindewolf (Unabhängige Wählervereinigung) an.

Doch zunächst geht es um die „Lindenblüte“. Das sogenannte Vorbereitungsteam will Gas geben. Eine erste Umfrage wurde noch am Abend gemacht. Sobald alle Fragebögen ausgewertet sind, soll schnellstmöglich eine Versammlung einberufen werden. Jobst Kraus appellierte an die Anwesenden, ihre „Talente und Ideen“ einzubringen. Sollte sich tatsächlich eine Genossenschaft gründen, was einige Monate in Anspruch nimmt, wie Michael Roth vom Genossenschaftsverband Baden-Württemberg eingangs erläutert hatte, wäre Anette Herzberger bereit, das Geschäft so lange weiter zu führen, bis die Genossenschaft übernehmen kann.

Last wird von vielen getragen

Ein genossenschaftlich geführter Laden habe den Vorteil, dass sich die Lasten auf vielen Schultern verteilten, erklärte Michael Roth in Bad Boll. Er ist Gründungsberater beim baden-württembergischen Genossenschaftsverband (bwgv). In der Voralbgemeinde müsse nicht bei Null angefangen werden. „Den Laden gibt es schon, es geht darum, ihn zu erhalten.“ Vor der Gründung müssten ein wirtschaftliches und finanzierbares Konzept erarbeitet und Mitstreiter rekrutiert werden. Ziel sei kein hoher Profit, sondern eine schwarze Null.

Eine Genossenschaft ist Roth zufolge nichts anderes als ein Verein, allerdings mit einem wirtschaftlichen Zweck. Deshalb bestehe auch alle zwei Jahre eine gesetzliche Prüfungspflicht. Als Geschäftsführung fungiere der Vorstand, der vom Aufsichtsrat bestellt werde. Dieser werde bei einer Generalversammlung von den Mitgliedern gewählt.

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