Voller Einsatz mit Nudelholz und Mütze: Spaß muss sein, auch in der für Bäcker und Konditoren besonders stressigen Vorweihnachtszeit. Foto: privat/Bäckerei Schrade

Die Bäckerei Schrade in Stuttgart-Möhringen verkauft von Jahr zu Jahr mehr Weihnachtsgebäck. Wird zu Hause etwa nicht mehr selbst gebacken? Im Gegenteil.

Möhringen - Die Vorweihnachtszeit beginnt für die Mitarbeiter der Bäckerei Schrade in Möhringen Ende Oktober. Bereits im November gehen die ersten Früchtebrote, Christstollen und Plätzchen über die Theke. Das verlangt Disziplin in der Backstube. Das Weihnachtsgeschäft kommt schließlich auf den normalen Betrieb oben drauf. Und für Plätzchen gibt es keine Maschine – jedes einzelne ist handgemacht. „Das ist eine schöne Arbeit, die Mitarbeiter machen das immer gern“, sagt der Geschäftsführer Andreas Schrade.

Eine Tonne Schnitzbrot hat die Bäckerei Schrade im vergangenen Jahr verkauft. Außerdem eine Tonne Plätzchen. Seit etwa vier Jahren steigen die Verkaufszahlen beim Weihnachtsgebäck kontinuierlich, sagt Schrade. Heißt das, dass die Kunden zu Hause nicht mehr selbst backen? Nein, meint der Möhringer Bäckermeister. „Manche Sorten glücken zu Hause vielleicht nicht so und dann kauft man das Gebäck eher, um das eigene zu ergänzen“, sagt er. So seien Zimtsterne und Springerle bei ihm Topprodukte, einfache Ausstecher aber nicht. „Die kann man ganz leicht auch zu Hause machen“, sagt er.

Mehr als 20 Gutsle-Sorten

Mit dem Backen der Plätzchen ist es in der Backstube aber nicht getan. Mehr als 20 Gutsle-Sorten wollen anschließend noch hübsch verpackt werden. „Die Verpackung muss dazu passen, damit es gut aussieht“, sagt Andreas Schrade. Das sei ein weiterer Grund für viele, beim Bäcker Plätzchen zu kaufen. „Es gibt Leute, die sich einfach etwas gönnen oder das Gebäck verschenken wollen, weil es ja auch etwas hermacht.“

Auch selbst gemachte Plätzchen könnten bei vielen in diesem Jahr hübscher werden als sonst. Mathias Haas ist Trendforscher in Stuttgart und glaubt, dass sich einige Leute langsam trauen, schwierigere Dinge selbst zu machen. „Das kann auch eine komplexere Torte sein oder eben Gutsle, die gut aussehen“, sagt er. Den Begriff „Do it yourself“, also den Trend zum Selbermachen, gibt es ungefähr seit drei Jahren. Seit der Corona-Pandemie habe sich dieser noch verstärkt. „Man hat sich erst mal in der Wohnung umgeschaut und überlegt, was man schon immer mal machen wollte“, sagt Haas, „dann hat man vielleicht mit leichten Dingen angefangen, und jetzt geht man langsam das an, wo man sich bisher nicht rangetraut hat“.

Selber backen ist en vogue

Beim Selberbacken stehen laut Mathias Haas zwei Dinge im Vordergrund. Zum einen der Zeitvertreib. „In diesem Jahr werden die Leute je nach Wetterlage bestimmt samstags und sonntags backen“, sagt er. Zum anderen würden viele auf diese Weise Anerkennung suchen. Aufwendiges Gebäck dient dabei als Selbstdarstellung vor der Familie – oder heutzutage oft vor Followern in sozialen Medien. In diesem Fall werde eigentlich nur gebacken, um danach ein möglichst schönes Foto posten zu können. „Die Gutsle müssen vor allem gut aussehen, nicht unbedingt gut schmecken“, sagt Haas, „diese Tatsache ist noch Neuland“.

Der Trendforscher glaubt also nicht, dass die Plätzchen vom Bäcker die Selbstgemachten so schnell ersetzen werden. „Selber zu backen ist en vogue“, meint er, „außerdem ist es sauteuer, richtig gute Gutsle zu kaufen“. Die Preise für sein Gebäck möchte Andreas Schrade nicht in der Zeitung lesen. Aber es sei ein hochwertiges Produkt, bei dem nicht nur die Zutaten, sondern auch die Produktion bezahlt werden wollen. „Unsere Rohstoffe sind nur vom feinsten“, sagt Schrade, „und es wird alles von Hand gemacht: Vom Ausrollen, Ausstechen und Spritzen bis zum Verpacken“.

Dinkelstollen neu im Sortiment

In diesem Jahr ist der Dinkelstollen neu im Sortiment von Andreas Schrade. „Wir haben schon im August angefangen, zu tüfteln, weil es mit Dinkel immer in bisschen schwierig ist, aber es wird gut nachgefragt“, sagt er. Normalerweise können Kunden in der Filiale in Möhringen an einer großen Vitrine aussuchen, wie viel sie von welcher Plätzchensorte kaufen möchten. Aufgrund der Corona-Beschränkungen kann man die Gutsle in diesem Jahr nur auf Vorbestellung sortenweise kaufen, gemischte Gebäck-Tüten gibt es immer.

In dieser Saison könnten die Verkaufszahlen beim Weihnachtsgebäck nach Jahren wieder sinken. Aber eben nicht unbedingt, weil zu Hause mehr gebacken wird. „Dieses Jahr wird spannend, weil viele Weihnachtsfeiern von Firmen ausfallen, die wir sonst beliefert haben“, sagt der Möhringer Bäckermeister Schrade.

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