Hans-Christoph Rademann, der künstlerische Leiter der Bachakademie Foto: /Martin Förster

Die Internationale Bachakademie Stuttgart hat weihnachtliche Barockmusik aus Italien aufgeführt – mit der Gaechinger Cantorey, deren jungem Partnerchor aus Heidenheim und mit einem Orchester, das auf überzeugende Weise ohne Dirigent auskam.

Stuttgart - Hundertzwanzig Sänger, knapp dreißig Instrumentalisten: Das ist nicht das Verhältnis, das man von den Konzerten unter Hans-Christoph Rademann erwartet, und das ist auch nicht die Klangbalance, die man von den Konzerten seiner Gaechinger Cantorey kennt. Dass am Sonntagabend beim Konzert der Bachakademie die Bühne im Beethovensaal so voll ist mit Sängern, dient allerdings einem guten Zweck: Der Patenchor der Profis, der Neue Kammerchor Heidenheim, darf im ersten Programmteil dabei sein, und die jungen Sänger machen ihre Sache gut. Nach einer einleitenden, linear-schlichten (man könnte auch sagen: ein bisschen langweiligen) A-cappella-Motette des Norwegers Oja Gjeilo geben sie dem Abend mit Vivaldis intonatorisch tadellos erklingendem „Laetatus sum“ die Richtung vor, und im berühmten „Gloria“ des venezianischen Komponisten stehen sie anschließend gemeinsam mit den Profi-Sängern auf der Bühne. Der Gewinn an Spannung und an Qualität im Dialog zwischen vokaler und instrumentaler Seite, der hier dann doch ein wenig hörbar wird, macht sich vor allem an der Prägnanz der Artikulation und in Feinheiten der klangfarblichen und dynamischen Gestaltung fest. Wirklich an- und aufregende Interpretationen alter Musik sind Ergebnisse feinster Detailarbeit, und dafür braucht es hohe Kunst, viel Erfahrung, also: Profis.

Erst in Vivaldis „Beatus vir“ darf der Chor der Gaechinger Cantorey alleine (und doppelchörig) agieren. Er tut dies, bereichert durch sehr gute, nur gelegentlich von Koloratur-Unwuchten an Grenzen getriebene Solisten (Anna Lucia Richter, Anna Harvey, Benedikt Kristjánsson, Kresimir Strazanac) sehr klangschön und überaus virtuos. Den litaneiartigen Refrain des Stücks, der mit seiner wiederholten absteigenden Basslinie und der ohrwurmverdächtig simplen Melodie beweist, auf wie geniale Weise Vivaldi aus wenig viel machen konnte, hätten die Sänger aus Heidenheim sicherlich auch hinbekommen, aber dann hätte man mehr Konsens gehört, weniger Kante.

Womöglich hätte man das Schöne dann nicht besonders gefunden. Die Balance mit dem Orchester hätte dann außerdem nicht mehr gestimmt, die Dramaturgie auch nicht, und Ersteres wäre schon deshalb sehr schade gewesen, weil die Instrumentalisten an diesem Abend glänzten. Ohne Dirigent, angeleitet nur von der überaus sprechend spielenden Nadja Zwiener am Konzertmeisterpult, präsentierten die Gaechinger Arcangelo Corellis viel gespieltes Concerto grosso „Fatto per la notte di natale“ klug, klangschön, mit glänzenden solistischen Aktionen, spannend, ganz ohne Abnutzungsspuren – und lieferten mit Pietro Locatellis „Weihnachtskonzert“ eine reizvoll tiefergelegte Variante (mit zwei zusätzlich konzertierenden Bratschen) hinterher. Der Saal jubelte. Bis auf die letzten Parkettreihen war er voll besetzt. Nachwuchschöre bringen immer Angehörige und Freunde mit. Geschäftsleute würden das eine Win-Win-Situation nennen.

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