Kay Johannsen Foto: Christian Hass

Seit 2001 hat der Stuttgarter Stiftskantor Kay Johannsen mit seinen Ensembles alle Vokalwerke von Johann Sebastian Bach aufgeführt. An diesem Freitag und Samstag gibt’s zum Finale das Weihnachtsoratorium.

Stuttgart - Schritt für Schritt und immer weiter. Einatmen, ausatmen, zwischendurch vielleicht auch mal keuchen, aber irgendwann läuft man fast von allein, vergisst die Schmerzen, vergisst die Zeit, und dann kommt irgendwann das Ziel in Sicht. Dort werden Zuschauer stehen und jubeln, aber viel wichtiger ist der eigene Triumph: geschafft! Der Stuttgarter Stiftskantor ist ein passionierter Läufer, dem man mit Vorliebe in den südlichen Waldgebieten Stuttgarts begegnet, und nun steht Kay Johannsen auch musikalisch vor dem Finale eines Marathons: An diesem Freitag und Samstag beendet er mit dem Zyklus „Bach vokal“ ein Großprojekt, das die Dekade zwischen seinem fünfzigsten und seinem sechzigsten Geburtstag maßgeblich geprägt hat.

 

Etwa 200 Kantaten, dazu fünf Messen, fünf Motetten, sechs Oratorien sowie zahllose Einzelsätze: Wer sich vornimmt, Bachs Vokalwerk in zehn Jahren komplett zur Aufführung zu bringen, braucht Willen, Durchhaltevermögen, Kondition, ein Konzept. All das hat Kay Johannsen gehabt. Hinzu kamen zwei sehr gute Ensembles, die Stuttgarter Kantorei und das Solistenensemble Stimmkunst, das im Laufe der Jahre hörbar zusammengewachsen ist.

Sogar ein Mäzen hat sich gefunden – ohne Johannes Kärcher, laut Kay Johannsen „einer der besten Bach-Kantaten-Kenner, die es gibt“, wäre das Projekt mit seinen „sicherlich 100 Konzerten“, den „Stiftsmusik für alle“-Mitsingprojekten und den musikalisch mit Bach-Werken bestückten Gottesdiensten nicht finanzierbar gewesen.

Anknüpfen an die Kantaten-Gesamtaufführung zwischen 1958 und 1970

Kay Johannsen wie Johannes Kärcher wollten an die Gesamtaufführung von Bachs Vokalwerk anknüpfen, die es, initiiert von Johannsens Vorgänger August Langenbeck, zwischen den Jahren 1958 und 1970 schon einmal in der Stuttgarter Stiftskirche gab. Hauptakteur war damals der Dirigent Hans Grischkat, von dem in der Bibliothek der Stiftsmusik noch etliche handgeschriebene Stimmen existieren.

Nun also der zweite Anlauf, und der ist fast komplett. In Kay Johannsens „Bach vokal“-Projekt fehlen nur die meisten der etwa 150 einzeln überlieferten Choräle, weil der Stiftskantor „keine überzeugende Konzertform“ für sie fand, und bei den weltlichen Kantaten hat er „ein bisschen ausgewählt“. Wer bei den Aufführungen nicht dabei war, kann sie im Internet nachhören: Nach und nach wird Kay Johannsen den Großteil der Konzertmitschnitte in seinem Youtube-Kanal veröffentlichen, dem das Projekt übrigens weit über zwei Millionen Klicks und gut 5000 Abonnenten beschert hat. Das ist wie eine Goldmedaille für den musikalischen Marathonmann.

Ob er Neues für sich entdeckt hat? „Ja, ununterbrochen!“, sagt Kay Johannsen. Aber „die größte Überraschung“, erzählt er, „war für mich der Formenreichtum der Stücke, die Vielfalt innerhalb eines eigentlich definierten Stils“. Zum Beispiel? Nehmen wir einmal die Kantate „Ach, wie flüchtig, ach, wie nichtig“: „Da singt der Chor nur Choralmelodien, kurze, recht einfache Motive, aber die Bewegungen der Instrumente führen ins Nichts. Die Klarheit dieses Bildes überwältigt mich immer wieder“, sagt Johannsen. Oder nehmen wir die Ostermontags-Kantate „Bleib bei uns“, in der „Abendstimmung ausgedrückt wird und gleichzeitig Furcht vor dem Kommenden“.

Coronabedingt werden zwei Konzerte von „Bach vokal“ 2022 noch nachgeholt, aber offiziell ist nach dem Weihnachtsoratorium Schluss. Danach will Beethovens Neunte (für die Aufführung mit den Stuttgarter Philharmonikern am 30. Dezember) erarbeitet werden – unter den geltenden Corona-Probenbedingungen, also mit geimpften Sängern, zusätzlichen Tests, mit einer Maske, die den Klang dämpft und die Intonation erschwert, mit Abstand und mit einer CO2-Ampel, die alle 45 Minuten zu Pause und Lüftung aufruft.

Bach wird bei der Stiftsmusik weiterhin eine große Rolle spielen, am liebsten aufgeführt mit historischen Instrumenten, weil die gute Verschmelzung der Klänge die Balanceprobleme aufwiege. Für modernes Instrumentarium ist Kay Johannsen ebenfalls offen, und er hört gerne auch mal alte Aufnahmen mit Karl Richter oder aus früheren Thomanerchor-Zeiten, in denen die Knaben „teils schaurig brüllen“. „Bach“, sagt Johannsen , „hat so viele Seiten. Er erträgt das alles!“

Stuttgarter Stiftsmusik im Dezember

Bach vokal
Die Stiftsmusik beendet ihr Zehn-Jahres-Projekt „Bach vokal“ offiziell an diesem Freitag und Samstag (17./18. 12., Beginn jeweils um 19 Uhr in der Stiftskirche) mit der Aufführung von je drei Kantaten des Weihnachtsoratoriums mit den Ensembles Stimmkunst und Stiftsbarock. Wer beide Konzerte besuchen will, bekommt 20 Prozent Preisnachlass.

Beethoven
Die Stuttgarter Kantorei übernimmt die Chorpartie bei Beethovens neunter Sinfonie mit den Stuttgarter Philharmonikern unter Jan Willem de Vriend (Jahresabschlusskonzert der SKS Russ am Do, 30. 12., 20 Uhr, Beethovensaal).

Karten bei Easyticket unter 07 11 / 2 55 55 55. ben