Bach-Kantaten beim Stuttgarter Musikfest Rademann und der Höchstleistungs-Chor

Von Markus Dippold 

Der Motivator: Hans-Christoph Rademann, Dirigent und Leiter der Bachakademie Foto: Bachakademie
Der Motivator: Hans-Christoph Rademann, Dirigent und Leiter der Bachakademie Foto: Bachakademie

Im Mozartsaal hat Hans-Christoph Rademann mit Bravour und Körpereinsatz vier Bach-Kantaten dirigiert – und gezeigt, warum die Gaechinger Cantorey auch international wieder eine Rolle spielt.

Stuttgart - Wuchtig setzt der Chor ein, stürzt sich in schnellem Tempo in endlose Koloraturen, die Stimmen fallen einander ins Wort und geben einen plastischen Eindruck von Johann Sebastian Bachs Wort-Ton-Genialität. Der erste Satz der Kantate „Es erhub sich ein Streit“ BWV 19 war der Höhepunkt dieses Musikfestkonzerts im voll besetzten Mozartsaal. Mit den 16 Sängern der Gaechinger Cantorey demonstriert Hans-Christoph Rademann, warum die Bachakademie sich wieder mit Bravour auf dem internationalen Markt positioniert hat.

Der Chor ist ein Hochleistungsensemble, das alle Herausforderungen mit Leichtigkeit meistert. Ebenmäßig ist der Klang, egal ob schlichter Choral oder komplexe Polyfonie. Rademann bietet sich damit die Chance für eine unverwechselbare „Sicht auf Bach“ – diese Konzertreihe bildet seit Jahren das Herzstück des Musikfests.

Vier Kantaten hat Rademann für dieses erste Konzert gewählt. Der Dirigent tänzelt und hüpft, animiert Instrumentalisten und Sänger und scheint die dramatischen Höhenflüge der Kompositionen förmlich zu durchleben. Dabei ist es egal, ob die Kantaten vom ewigen Kampf des Göttlichen gegen den teuflischen Drachen – wie in BWV 19 – erzählen oder den Triumph der Friedensmächte in „Man singet mit Freuden vom Sieg“ BWV 149 bejubeln.

Religion im Hier und Jetzt

Diese beiden, im Orchester opulent besetzten Werke bilden den glänzenden Rahmen. Ein gleichsam musikdramatischer Furor am Beginn steht einem straff und schlicht gehaltenen Schlusschoral gegenüber. Auf den Punkt entwickelt Rademann den Charakter der Musik. Gerade die Choräle werden dabei zum liturgischen Zentrum, weil er sie nicht weihevoll zelebriert, sondern flüssig und ohne äußere Extravaganz gestaltet und damit die religiöse Botschaft sinnstiftend ins Hier und Heute holt.

Keine Frage, Rademann hat mit den Gaechingern zu einem klaren, differenzierten Musizierstil gefunden, der – neben dem exzellenten Chor – auf einer zweiten Säule ruht, den brillanten Streichern des Orchesters. Exemplarisch sei auf die Bass-Arie „Kraft und Stärke sei gesungen“ aus BWV 149 verwiesen, in der die Continuo-Gruppe brillant figuriert und geradezu lässig groovt. Den denkbar größten Kontrast dazu bildet die Arie „Gott soll allein mein Herze haben“ aus der gleichnamigen Kantate für Alt-Solo BWV 169. Joseph Crouch (Cello) und Benjamin Wand (Kontrabass) entrücken mit der großartigen Anke Vondung diese Musik in paradiesische Sphären.

Dennoch hinterlässt der Abend zwei Fragezeichen. Sowohl bei BWV 169 als auch in der Bass-Kantate „Der Friede sei mit dir“ BWV 158 mit dem klangschön gestaltenden Peter Harvey ist unklar, wozu man überhaupt einen Dirigenten braucht. Das Orchester ist minimal, oft nur solistisch besetzt, der Chor beschränkt sich auf Schluss-Choräle. Kurz, die Musik ist so intim, dass Rademanns lebhafte Körpersprache quer dazu steht.

Das zweite Problem ist das orchestrale Gefälle. Den brillanten Streichern stehen – im besten Fall – solide, meist blass wirkende Bläser gegenüber. Hier und bei der Auswahl der Vokalsolisten (Lenneke Ruiten und Nicholas Mulroy zeigen deutliche Schwächen) muss Rademann konsequenter sein, wenn er seine „Sicht auf Bach“ endgültig zum Erfolgsmodell erheben will.

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