Wie lange hält der Babyboom in der Filderklinik noch an? Foto: dpa-Zentralbild

In der anthroposophischen Filderklinik in Bonlanden (Kreis Esslingen) wollen mehr Eltern Kinder bekommen, als die Kapazitäten erlauben. Zu den Folgen dieses Babybooms gehört, dass schwangere Frauen auf andere Krankenhäuser ausweichen müssen.

Filderstadt - Die Statistik des Standesamts in Filderstadt erzählt von einem kleinen Babyboom. „Im zurückliegenden Jahr sind hier 2109 Geburten beurkundet worden – so viele wie nie zuvor“, sagt Anke Lißner, die Leiterin des Amts. Mit diesen Zahlen ist die Stadt Filderstadt nicht allein. In ganz Deutschland bewegt sich die Zahl der Geburten seit sechs Jahren auf relativ hohem Niveau. Bis 2016 stieg sie kontinuierlich, 2017 gab es einen geringfügigen Rückgang von rund 100 auf insgesamt 107 400 Geburten. Im Landkreis Esslingen lag die Geburtenrate 2017 bei rund 1,6 Kindern pro Frau. „Eine Ursache für den positiven Trend wird in der in den vergangenen Jahren enorm angestiegene Zuwanderung gesehen, die auch zu einer Zunahme der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter geführt hat“, erklärt Werner Brachat-Schwarz vom Statistischen Landesamt Baden-Württemberg.

So viele Kinder kamen 2018 in der Filderklinik zur Welt

Während dem Statistischen Landesamt die Zahlen für 2018 erst im Mai vorliegen, haben Geburtskliniken bereits Bilanz gezogen. In der Filderklinik in Bonlanden haben im zurückliegenden Jahr 2103 Kinder bei 2046 Geburten das Licht der Welt erblickt. „So viele Kinder in einem Jahr – für ein Haus dieser Größe sensationell“, freut sich der Kliniksprecher Christoph Fasel.

Doch wird die Klinik auf den Fildern der großen Zahl an Gebärenden überhaupt Herr? Oder muss sie Frauen gar in andere Krankenhäuser schicken? Im vergangenen Jahr wollten in dem Krankenhaus in Bonlanden rund 2,5 Prozent mehr Frauen entbinden, als die Betreuungskapazitäten zuließen: „Im letzten Jahr mussten wir zwischen 50 und 60 Frauen an andere Kliniken verweisen“, sagt der leitende Arzt Hauke Schütt, der diesen Februar die 20 000. Geburt der Filderklinik begleiten wird.

Drillingsgeburt: eine bundesweit beachtete Sensation

Die Filderklinik ist bekannt für eine niedrige Kaiserschnittrate. Selbst Kinder in der komplizierten Beckenendlage kommen in der Filderklinik auf natürlichem Weg zur Welt, ebenso wie viele Zwillinge. Im Jahr 2017 dann die bundesweit beachtete Sensation: In Bonlanden wurden zweimal Drillinge ohne Kaiserschnitt geboren. „40 Prozent der Kaiserschnitte sind nicht zu begründen“, sagt der Arzt Hauke Schütt, „aber das System ist leider von Maßnahmen getriggert“. Die Filderklinik setze sich deshalb seit Längerem dafür ein, dass auch „normale Geburten gut bezahlt werden“, erklärt er.

Viele Eltern entscheiden sich wegen des anthroposophischen Ansatzes für die Filderklinik, sagt die leitende Hebamme Sigrid Sanwald. „Es geht um die Einheit von Leib, Seele und Geist und eine geborgene Atmosphäre.“ Wenn sie ausreichend Zeit haben, horchen die Hebammen mit dem Hörrohr, tasten den Bauch ab und vermessen ihn altertümlich mit dem Maßband. Die Ergebnisse seien oft genauer als beim Ultraschall und der Kontakt zum Kind werde eindrücklicher, sagt die Hebamme Sigrid Sanwald.

Abweisungen führen auch zu Unmut

Weil immer mehr Frauen genau das wollen und dafür auch teilweise eine Anfahrt von bis zu zwei Stunden in Kauf nehmen, müssten immer wieder Frauen abgelehnt werden. „Das führt hin und wieder auch zu Unmut“, sagt der Arzt Hauke Schütt, „aber es wäre fahrlässig, sie nicht abzuweisen“. Denn eine umfassende Betreuung müsse gesichert sein. Und Mütter und Kinder im Wochenbett früher zu entlassen, sei keine Option.

Aufgrund der hohen Nachfrage will die Filderklinik ihre Kapazitäten in diesem Jahr erweitern. Mehr Räume und zwei neue Kreißsäle sollen die derzeitigen vier Kreißsäle, sechs Wehenzimmer und die Wochenstation mit 40 Betten ergänzen.

Die Filderklinik reagiert damit also auf die steigende Nachfrage von werdenden Eltern. Wird das Krankenhaus den Schritt vielleicht irgendwann bereuen? Dann, wenn die Geburtenraten wieder sinken? „Aufgrund der voraussichtlichen Entwicklung der Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter ist es durchaus möglich, dass die derzeit relativ hohe Geburtenzahl auch in den nächsten zwei, drei Jahren annähernd erreicht wird“, sagt Werner Brachat-Schwarz vom Statistischen Landesamt. Erst danach sei aufgrund der Altersstruktur der Bevölkerung ein Absinken zu erwarten.

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