Immer mehr Schulabgänger verschieben wegen Corona die Berufswahl. Die Lücke zwischen den angebotenen Ausbildungsplätzen und Bewerbern in Baden-Württemberg wird größer. Das hat Folgen.
Stuttgart - Man kann es positiv sehen. Die Chance für junge Menschen, in diesem Jahr ihren Traum-Ausbildungsplatz zu finden, hat sich deutlich erhört. Grund dafür ist, dass sich die Schere zwischen angebotenen Ausbildungsstellen sowie Bewerberinnen und Bewerbern weiter aufgetan hat. Kamen – statistisch gesehen – in Baden-Württemberg im Jahr 2019 auf einen Bewerber knapp 1,3 Stellenangebote, sind es in diesem Jahr bereits 1,46. Insgesamt wurden der Bundesagentur für Arbeit in Baden-Württemberg bis Mai von den Unternehmen 64 998 Ausbildungsstellen gemeldet; das sind 6,1 Prozent weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Bewerber ist deutlich stärker gesunken – und liegt derzeit bei 44 379 (minus 13 Prozent).
Und genau diese Entwicklung ist es, die Christian Rauch, Chef der Arbeitsagentur im Südwesten, und Martin Kunzmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) im Land, Sorgen bereitet. Das Problem besteht darin, dass die Zahl der Bewerber derzeit zwar sinkt, die der Schulabgänger in den vergangenen Jahren allerdings in etwa konstant geblieben ist. Grund dafür ist Corona. „Viele junge Menschen konzentrieren sich unter den derzeitigen – rein virtuellen – Bedingungen vor allem auf ihren Schulabschluss und warten lieber ein Jahr, bevor sie sich für eine Ausbildung entscheiden“, erläutert Rauch bei einer gemeinsamen virtuellen Pressekonferenz.
Das künftige Problem
Die Folge ist, so die Befürchtung, dass in den nächsten Jahren deutlich mehr Bewerber auf den Markt drängen, die angebotenen Ausbildungsplätze aber nicht zunehmen werden. „Im vergangenen Ausbildungsjahr haben bereits 4000 bis 5000 junge Menschen die Berufswahl zurückgestellt“, rechnet Rauch vor. Aktuell dürften noch mal 10 000 bis 15 000 Jugendliche hinzukommen. Damit bestehe die Gefahr, dass 2022 oder 2023 zwischen 15 000 und 20 000 junge Menschen zusätzlich zu den aktuellen Schulabgängern auf den Ausbildungsmarkt drängen.
„Perspektivisch verschlechtert sich die Stellen-Bewerber-Relation in den kommenden Jahren dramatisch“, so Rauch. Die Konkurrenz um Ausbildungsplätze wachse, und parallel dazu könnte auch die Zahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber zunehmen. „Im schlimmsten Fall steigen dann mit anziehender Konjunktur mehr junge Menschen ohne Ausbildung in die Arbeitswelt ein, wodurch sich das Risiko von Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit massiv erhöht. Dieser Entwicklung wollen wir vorbeugen“, sagt Rauch.
Viele An- und Ungelernte
Dass die Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist, zeigt die Statistik: Baden-Württemberg ist demnach eines der Bundesländer mit dem höchsten Anteil an an- und ungelernten Beschäftigten. In der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren haben 13,4 Prozent überhaupt keinen berufsqualifizierenden Abschluss, geht aus den Zahlen hervor. Nach Ansicht von Rauch hat dies auch damit zu tun, dass man in kaum einem Bundesland als Ungelernter so viel verdienen kann wie im Südwesten. Im Vergleich zu einem Azubi-Gehalt erhielten Ungelernte teilweise das Dreifache, rechnet der Chef der Bundesagentur im Südwesten vor. Er weist darauf hin, dass in der Coronakrise aber gerade Unqualifizierte schneller ihren Arbeitsplatz verloren hätten als Fachkräfte.
DGB-Landeschef Kunzmann verweist darauf, dass es bei diesem Thema sowohl um die Zukunft der jungen Menschen aber auch um die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft gehe. Vor der Pandemie sei quasi in jeder Podiumsdiskussion das Thema Fachkräftemangel beschworen worden. Doch mit schrumpfenden Ausbildungskapazitäten könne man dem Fachkräftemangel nicht entgegenwirken. Deshalb begrüßt er ausdrücklich, dass die Ausbildungsgarantie in den Koalitionsvertrag der grün-schwarzen Landesregierung aufgenommen wurde.
Verantwortung liegt bei den Betrieben
Der DGB sieht die Verantwortung für Ausbildung und Fachkräftesicherung eindeutig bei den Betrieben. „Wir müssen werben in der Wirtschaft, dass die Ausbildungskapazitäten nicht zurückgefahren werden“, sagt Kunzmann angesichts der sinkenden Zahl an Ausbildungsstellen. Denn: Schon vor der Pandemie habe nur noch jeder fünfte Betrieb im Land ausgebildet. Gleichzeitig müsse man aber versuchen, die jungen Menschen über die Schule oder auch das Elternhaus zu erreichen.