Ayse Baloglu berät Menschen mit Migrationshintergrund bei verschiedenen Problemen. Als Kind steckte sie selbst in einer Identitätskrise. Foto:  /Frederik Herrmann

Zwischen den Kulturen groß geworden, kennt Ayse Baloglu das Gefühl von Fremdheit. Heute bietet sie dafür psychologische Hilfe in der Psylounge in Kornwestheim an.

Süßlich, bitterer Duft liegt in der Luft, wenn Ayse Baloglu türkischen Kaffee aufgießt. „Wenn ich zurückdenke, wie alles begann, werde ich ganz sentimental“, sagt sie. Die Räume, in denen sie heute ihre Praxis betreibt, liegen direkt am Bahnhof in Kornwestheim. Im Bücherregal stehen afrikanische Märchen, über der Küchentheke hängt ein Nazar-Amulett, das in vielen arabischen Ländern verbreitete „blaue Auge“ soll böse Blicke abwenden, daneben chinesisches Inventar. Alles soll signalisieren: Egal woher du kommst und wer du bist: Du bist willkommen.

 

Denn darum geht es in der „Psylounge“ – ihrer Praxis für psychologische Beratung mit interkulturellem Ansatz. Hier begleitet sie Menschen mit Migrationsgeschichte auf ihrem Weg zu sich selbst. „Eine solche Beratung hätte ich mir in meiner Jugend selbst gewünscht“, sagt Baloglu.

Lange wusste Baloglu nicht wohin sie gehört

Die Tochter einer griechischen Mutter und eines türkischen Vaters wuchs in Stuttgart auf. Als junge Frau war sie häufig verunsichert. „Immer wieder hieß es: Wir, die Ausländer und die anderen, die Deutschen“, erinnert sie sich. Eine Zeit lang wusste sie selbst nicht, wo sie hingehört. Heute ist sie sich sicher: „Ich hatte eine Identitätskrise. Wahrscheinlich sogar eine depressive Phase.“

Diese persönliche Erfahrung wurde ihre Motivation anderen zu helfen. „Ich wollte mich nicht mehr so fühlen – niemand soll sich so fühlen“, sagt sie.

Inzwischen weiß sie wer sie ist und möchte ihre eigenen Strategien zur Bewältigung von Herausforderungen mit anderen teilen. In ihrer Arbeit konzentriert sich Baloglu nicht auf das, was Menschen voneinander trennt, sondern auf das, was sie verbindet. Sie erinnert sich an ihren katholischen Kindergarten, in dem die Nonnen Kopftücher trugen – genauso wie viele Frauen in ihrer türkischen Familie. Das hat ihr geholfen, sich weniger fremd zu fühlen.

Baloglu sieht jedoch auch Vorteile im Anderssein. Sie glaubt, dass man von verschiedenen Kulturen lernen kann. „Ich möchte nicht auf das Gemeinschaftsgefühl meiner griechischen Familie verzichten“, sagt sie. Gleichzeitig schätzt sie die deutsche Pünktlichkeit sehr.

“Wir sprechen oft von Migrationshintergrund, aber bei vielen Menschen ist der gar nicht im Hintergrund“

Die Nachfrage nach einer kultursensiblen psychologischen Beratung sei groß, sagt Baloglu. Bereits in ihrer früheren Arbeit in der Familienhilfe in Ludwigsburg hatte sie häufig Menschen mit Migrationshintergrund beraten. Dort merkte sie bereits, dass eine eigene Stelle, mit entsprechendem Personal, das sensibel und verständnisvoll auf die Probleme der Klienten eingehen kann, fehlt.

„Wir sprechen oft von Migrationshintergrund, aber bei vielen Menschen ist der gar nicht im Hintergrund – er ist präsent“, sagt sie. Herkunft, Familie, Kultur – all das präge, wie wir denken, fühlen und mit Herausforderungen umgehen. Eine Beratung, die diese Faktoren berücksichtigt, sei daher wichtig, um die Klienten verstehen zu können.

Bücher aus Afrika, Kaffee aus der Türkei und Möbel aus China. Die Räume ihrer Beratungsstelle hat Ayse Baloglu international eingerichtet. Foto: Frederik Herrmann

In ihrer Praxis begegnet sie Themen, die viele Menschen betreffen: Partnerschaft, Zukunftsängste, Trauer. Doch der Umgang mit diesen Gefühlen sei oft stark kulturell geprägt. „Es braucht Verständnis dafür, wie verschieden Menschen mit solchen Themen umgehen.“

Die Psylounge richtet sich aber nicht nur an Menschen mit eigener Migrationsgeschichte. Auch Fachkräfte aus Verwaltung oder Pädagogik suchen Rat bei Baloglu, wenn sie mit interkulturellen Fragen konfrontiert sind.

Ayse Baloglu kämpft für kostenlose psychologische Hilfe in Kornwestheim

Doch Ayse Baloglus Traum hat sich noch nicht ganz erfüllt. Denn ihre psychologische Beratung ist aktuell kostenpflichtig – und viele Menschen, die Hilfe bräuchten, können sich diese Unterstützung nicht leisten. Um das zu ändern, setzt sie sich dafür ein, dass ihre Psylounge als gemeinnützige Einrichtung anerkannt wird und künftig Teil eines freien Trägers wird.

„Erst wenn wirklich alle Menschen, die psychologische Hilfe brauchen, sie auch bekommen – erst dann wird mein Traum wahr “, sagt sie. Denn für Ayse Baloglu steht fest: „Eine psychisch gesunde Gesellschaft ist auch eine sichere Gesellschaft. Und das gilt für alle – ganz gleich, woher sie kommen.“

Die Frage nach ihrer eigenen Identität hat Ayse Baloglu inzwischen für sich beantwortet: „Ich fühle mich als Deutsche.“ Doch gleichzeitig betont sie, dass ihre Identität mehr ist als nur ihre Nationalität und Herkunft. „Aber sie prägt uns“, sagt sie und schenkt sich einen weiteren türkischen Kaffee ein.

Von der Familienhilfe zur eigenen Beratungsstelle

Viele Jahre Erfahrung
Die 34-jährige Ayse Baloglu hat einen Masterabschluss in Sozialer Arbeit und bildete sich anschließend im Bereich Psychologie weiter. Bevor sie die „Psylounge“ in Kornwestheim gründete, sammelte sie mehrere Jahre Erfahrung in der sozialpädagogischen Familienhilfe in Ludwigsburg.

In Kornwestheim seit zwei Jahren
Die „Psylounge“ wurde 2021 gegründet. Zwei Jahre später zog Ayse Baloglu mit ihrer Beratung nach Kornwestheim, wo sie inzwischen eine Mitarbeiterin beschäftigt.