Avantgarde-Ikone Anderson "Leute, lest Moby Dick"

Von Nikolai B. Forstbauer 

Avantgarde-Ikone: Laurie Anderson Foto: Tim Knox
Avantgarde-Ikone: Laurie Anderson Foto: Tim Knox

An diesem Donnerstag ist das Kunstmuseum Stuttgart Bühne eines besonderen Auftritts. Zu Gast ist die New Yorker Performancekünstlerin und Musikerin Laurie Anderson. Anderson kommt auf Einladung der Schlossfestspiele Ludwigsburg.

Stuttgart - Eine Frau mit betont eigenwilliger Kurzhaarfrisur hinter einem Stehpult, darauf ein tragbarer Computer. Die New Yorkerin ­Laurie Anderson liebt die Reduktion, zielt mit ihrem musikalischen und künst­lerischen Schaffen auf ­Konzentration. ­Zugleich aber widerspricht das Ergebnis dieser ­Haltung. Am Rechner entstehen ­Bild- und Klangwelten, die Welt als Zusammenklang gleichwertiger Elemente erscheinen lassen.

Da ist diese Frau an ihrem Rechner und hinter ihrem Mikrofon, da ist die ganze Welt. Da ist Laurie Anderson. Eine Ikone der ­Performancekunst, eine Musikerin, die die Grenzen der Popmusik nahezu aufgelöst hat, eine Künstlerin, die Literatur, Bildfindung und Musik eins werden lässt.

Erwartungen wurden geweckt, die Anderson nicht erfüllen kann

Mit einem „Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha – ha, ha, ha, ha, ha – ha, ha, ha“ beginnt, was man einen Durchbruch nennt. Mit den ersten Takten von „Oh, Superman“. 1981 erschienen, ­katapultiert der Song die bis dahin ­weit­gehend als Performancekünstlerin wahr­genommene Laurie Anderson in den ­Starhimmel. Erwartungen werden geweckt, die Anderson nicht erfüllen kann. Wer mit dem Verbinden unterschiedlichster Elemente arbeitet, wer das Collage-Prinzip forciert, kann nicht zugleich die Liedzeile zum ­Mitsummen bieten.

Dafür aber die Überraschung, das Ereignis im eigentlichen Sinn. 1999 etwa, als Laurie Anderson mit dem Bühnenprojekt „Songs And Stories For Moby Dick“ ihre eigene Sicht auf Hermann Melvilles Weltenepos „Moby Dick“ wagt. Die Reaktionen sind zurückhaltend. Ausgerechnet „Moby Dick“, ausgerechnet die von Hassfantasien aufgeladene Jagd nach dem weißen Wal. Doch Laurie Anderson identifiziert „Moby Dick“ gerade als das, was es tatsächlich ist: eine Allegorie auf die Kunst, ja, eine Abhandlung eigentlich über das Weiß als jenes Nichts, das doch seit den 1950er Jahren ­immer wieder Gegenstand der künstlerischen Annäherung ist.

Eine Frau steht auf der Bühne – und ­erzählt eine Männergeschichte? Laurie ­Anderson sieht „Moby Dick“ auch hier ganz anders: „In der Art und Weise, wie sie ­strukturiert ist, ist es eine sehr weibliche ­Geschichte“, sagt sie. Und sie fügt einen für ihr Schaffen kennzeichnenden Satz hinzu: „Die Geschichte ist ausgesprochen post­modern – was für mich weiblich bedeutet.“

Was das bedeutet? „In den meisten Filmen“, sagt Anderson, „hast du eine Art ­Spannungsbogen: eine Geschichte mit Anfang und Ende, darin Figuren, die sich verändern. Aber ich habe herausgefunden, dass mein Geist völlig anders arbeitet.“ Und sie verweist in der Frage, was Männer beziehungsweise Frauen ausmache, auf ihre ­eigene Arbeit.

"Kleine Inseln, die in Bezug zu einander stehen"

„Mir fällt auf“, sagt Anderson, „dass ich Dinge mache, die wie kleine Inseln sind, die zueinander einen Bezug ­haben. Und ich denke, Frauen sind sehr gut darin, so etwas zu machen, ­herauszufinden, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.“

Einzelne Songs (oder besser: Stücke) aus „Songs And Stories For Moby Dick“ tauchen auf Laurie Andersons vielleicht schönster CD wieder auf. 2001 erscheint „Life On A String“. Die Stücke fließen fast ineinander, und die Grenzen zwischen analoger und ­digitaler Klangerzeugung sind ebenfalls aufgelöst.

Die Violine, lange vor den in den 1990er Jahren einsetzenden Starkulten um vermeintliche Klassik-Pop-Grenzgänger zu einem nicht ungefährlichen Markenbild für Anderson geworden, ist seit „Life On A String“ nicht mehr Ausweis einer per Kabel in die Gegenwart zu katapultierenden Gegenwart, sondern schlicht die Violine in einem immer neu zu bestimmenden ­Klangmeer.

„Dinge miteinander in Verbindung zu bringen, das wirkt auf den ersten Blick ­vielleicht etwas statisch“, sagt Laurie ­Anderson, „aber das ist es nicht.“ Und sie gibt einen Ausblick, der zugleich ein Rückblick auf ihr Bühnenprojekt zu „Moby Dick“ ist. „Die besten jungen Webdesigner oder Web-Künstler“, sagt Anderson, „sind ­Frauen, und das ist kein Zufall.“ Ein „anderes Arbeiten“ werde spürbar. „Ich sehe das bei mir selbst“, sagt Anderson hierzu. „Ich bemerke, dass Dinge miteinander verknüpft sind, aber ich will nicht, dass alles in eine ­bestimmte ­Richtung läuft wie normaler­weise bei einer Geschichte. Bei ,Moby Dick‘ ist das ganze Buch so.“

67 Jahre alt ist Laurie Anderson jetzt. „Homeland“, 2010 erschienen, ist noch ­immer ihre aktuelle Produktion. Mit ­Stücken, die von (politischen) Verlusten und (ökologischen) Ängsten erzählen und die seinerzeit eher als Wortmeldungen aus einem anderen Jahrtausend eingestuft wurden. Vielleicht auch deshalb, weil sie eher als Bildannäherungen denn als Bilder funktionieren, weil Laurie Anderson von den Inseln, die sie in „Moby Dick“ entdeckt hat, nicht lassen will.

Das Konzert im Kunstmuseum Stuttgart ist ausverkauft. An diesem Freitag gastiert Laurie Anderson in der Reihe „Song Conversation“ mit Nik Bärtsch und Eivind Aarset in der Karlskaserne (Reithalle) in Ludwigsburg. Beginn ist um 20 Uhr. Es gibt noch Restkarten.

Lesen Sie jetzt