Im Boysen-Werk in Serbien ist 2021 die Serienproduktion von Abgastechnik für leichte Nutzfahrzeuge gestartet. Foto: Boysen/Damir Vujkovic

Warum der Abgastechnik-Spezialist Boysen aus Altensteig im Schwarzwald im 100. Jubiläumsjahr etliche neue Aufträge an Land zieht – und was er in Sachen E-Mobilität plant.

Altensteig - Der Abgastechnik-Spezialist Boysen aus Altensteig (Schwarzwald) ist nach einem Rekordumsatz weiter auf Erfolgskurs. Der Autozulieferer will in diesem Jahr sogar zwei neue Werke in Tianjin (China) und Spartanburg (USA) bauen, ab 2023 soll ein weiteres Werk in Rastatt folgen.

 

Trotz des schrumpfenden Verbrennervolumens habe man sich „attraktive Neuaufträge“ sichern können, sagte Boysen-Geschäftsführer Rolf Geisel.

Weltweit rund 5300 Mitarbeiter

Das Unternehmen arbeitet ausschließlich für Premiumhersteller. Neben den drei Hauptkunden Audi, BMW und Mercedes zählen auch Volkswagen und Porsche sowie die Marken Bentley und Rolls-Royce, aber auch Nutzfahrzeughersteller wie Daimler und MAN zu den Kunden.

In Baden-Württemberg, wo Boysen 2260 der weltweit rund 5300 Mitarbeiter beschäftigt, ist das Unternehmen mit mehreren Standorten vertreten. Neben dem Stammsitz Altensteig, wo auch ein Produktionswerk ist, hat Boysen noch Werke in Nagold und Simmersfeld (alle drei im Kreis Calw) sowie Heubach im Ostalbkreis, wo die Boysen-Tochter MHG Abgastechnik und Sonderteile für Supersport- und Rennwagen fertigt. Auch dieser Standort soll massiv ausgebaut werden, erklärt das Unternehmen.

Entwicklungszentrum für Wasserstoff

In Simmersfeld soll zudem in diesem Jahr der Spatenstich für das Boysen-Entwicklungszentrum für Wasserstoff erfolgen. Dafür will der Zulieferer rund 50 Millionen Euro investieren. Künftig will Boysen im Bereich der Energietechnik eine wichtige Rolle spielen. Das Unternehmen sieht die Basis dafür in den stationären Flüssigbatteriespeichern des Dortmunder Unternehmens Volterion, an dem der Abgastechnik-Spezialist mehrheitlich beteiligt ist, sowie in Forschungskooperationen im Bereich Brennstoffzelle.

Auch setzt Boysen-Chef Geisel mit den getätigten Übernahmen von Helag Electronic (Nagold) und Alwa Dekotec in Steißlingen (Kreis Konstanz) auf neue Kompetenzen bei Elektronik, Sensorik und Kunststoffverarbeitung.

Bauteile für Batteriegehäuse von E-Autos

Zudem will man verstärkt bei Bauteilen für Elektroautos punkten. Boysen fertigt seit 2020 auch Strukturbauteile für E-Autos, der Bereich soll durch weitere neue Bauteile wie etwa Batteriegehäuse ausgebaut werden.

Im vergangenen Jahr schaffte Boysen einen Rekordumsatz von 2,83 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 18 Prozent und damit mehr als die 2,5 Milliarden Euro, die man erwartet hatte. Zum Ergebnis macht das Unternehmen traditionell keine Angaben. 2022 soll die Bestmarke noch übertroffen werden.

„In Zeiten einer Pandemie, des Halbleitermangels und der daraus resultierenden Produktionsunterbrechungen, die uns auch 2021 wieder an fast allen Standorten getroffen haben, wird man vorsichtiger mit Prognosen“, schränkt Geisel zwar ein. „Aber ich bin zuversichtlich, dass wir in diesem Jahr erstmals auch die Drei-Milliarden-Marke nehmen werden.“

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Als man 2013 die erste Umsatzmilliarde erreicht hatte, habe er nicht im Traum daran gedacht, dass der Wert binnen zehn Jahren um 200 Prozent zulegen könnte. „Dies umso weniger, da verschiedene Institutionen seit einigen Jahren alles unternehmen, um unserem Kerngeschäft mit Verbrennungsmotoren den Garaus zu machen“, sagte Geisel.

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Für das Wachstum des vergangenen Jahres nannte er insbesondere drei Faktoren: Man arbeite ausschließlich für Premiumkunden. „Und seit dem Aufkommen der Pandemie zeigt sich, dass Premium in Krisenzeiten noch höher in der Käufergunst steht. So vor allem im wichtigsten Automobilmarkt China“, so Geisel.

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Zudem gelinge es, auch bei schrumpfenden Verbrennervolumen Neuaufträge an Land zu ziehen. Als Beleg dafür nannte er unter anderem den Bau des bislang größten Auslandswerkes in Serbien, wo im vergangenen Jahr mit der Serienproduktion von Abgastechnik für leichte Nutzfahrzeuge begonnen wurde und das künftig weitere Neuaufträge für Pkw und Lkw abdecken werde. „Drittens tragen unsere Anstrengungen, unser Portfolio um neue Produktgruppen für reine Elektrofahrzeuge zu ergänzen, erste Früchte“, sagte der Boysen-Chef.

Boysen-Geschichte in Simmersfeld erlebbar

Auch in anderer Hinsicht war das Jahr 2021 für das Unternehmen außergewöhnlich. Angesichts des 100-Jahr-Jubiläums wurde die Boysen-Welt in Simmersfeld fertiggestellt, wo die Firmengeschichte erlebbar werden soll.

Rolf Geisel steht seit 1985 an der Firmenspitze. Diese Beständigkeit in der Unternehmensführung bringe Sicherheit auf Kundenseite und lasse auch die Mitarbeiter darauf vertrauen, dass Boysen die bislang größte Herausforderung in Form der digitalen und technologischen Transformation erfolgreich meistere, sagte der Boysen-Chef, der im vergangenen Jahr seinen 65. Geburtstag feierte – und auf Wunsch des Aufsichtsrats auch die kommenden Jahre die Geschicke des Stiftungsunternehmens lenken wird.

Vor 100 Jahren fing alles an

Gründung
Firmengründer Friedrich A. Boysen (1895 bis 1975) gilt als Wegbereiter der modernen Schalldämpfertechnik. Nach seinen Patenten hergestellte Schalldämpfer gehören in den 30er Jahren zur Standardausrüstung vieler Zweiräder, Pkw, Flugzeuge und Lokomotiven. Seine erste Firma ist in Leipzig, ehe ihn sein Weg 1945 nach Stuttgart und 1949 an den heutigen Stammsitz Altensteig führt.

Geschäftsführer
Ende der 1960er Jahre übernimmt Elisabeth Boysen, die Ehefrau von Friedrich Boysen, die Geschäftsführung. 1985 bestimmt sie den jetzigen Firmenchef Rolf Geisel zu ihrem Nachfolger. 2006 stirbt Elisabeth Boysen. Die Friedrich-und-Elisabeth-Boysen-Stiftung ist alleiniger Gesellschafter des Unternehmens.

Produkte
An weltweit 25 Standorten entwickelt und fertigt Boysen unter anderem Abgaskrümmer, Katalysatoren, Partikelfilter, Schalldämpfer und komplette Abgassysteme für Automobile, Nutzfahrzeuge und Off-Highway-Anwendungen. Zudem erschließt man sich neue Geschäftsfelder – unter anderem im Bereich Energietechnik und in der Elektromobilität.