Autozulieferer Bosch denkt Mobilität neu

Von Imelda Flaig 

Bosch-Chef Volkmar Denner präsentiert während der Bilanzpressekonferenz in Renningen, was das Auto der Zukunft kann. Foto: dpa
Bosch-Chef Volkmar Denner präsentiert während der Bilanzpressekonferenz in Renningen, was das Auto der Zukunft kann. Foto: dpa

Der Stuttgarter Technologiekonzern, der mit einem zweistelligen Umsatzplus ins Jahr 2017 gestartet ist, sieht sich als Treiber der Mobilität von morgen und der Vernetzung über das Internet der Dinge.

Stuttgart - „Es geht nicht mehr allein darum, bessere Autos zu bauen. wir müssen Mobilität neu denken“, sagt Bosch-Chef Volkmar Denner und spricht von einer tiefgreifenden Transformation bei der Bilanzpressekonferenz, die auf dem Forschungscampus in Renningen stattfindet. In Zukunft wird das Auto elektrifiziert, automatisiert und vernetzt unterwegs sein – vernetzt mit Bahn, Bus oder Fahrrad, kurzum: das Auto als Teil des Internets der Dinge. „Damit setzen wir uns Ziele über die Motorhaube hinaus“, beschreibt Denner die neue Art der Mobilität.

Bosch hat sich auf den Wandel eingestellt und beispielsweise für den Großraum Stuttgart einen Mobilitätsassistenten entwickelt – eine App, um Fahrten mit verschiedenen Verkehrsträgern zu planen, zu buchen und zu bezahlen. Um die lästige Parkplatzsuche abzukürzen und den Parksuchverkehr in Städten um 20 Prozent zu reduzieren, hat man auch Lösungen fürs vernetzte Parken entwickelt. Autos erkennen im Vorbeifahren Parklücken und übermitteln sie via Internet in eine so genannte Echtzeit-Parkkarte. Erste Serienprojekte dazu kommen 2018.

Eine Bremsscheibe, die weniger Bremsstaub erzeugt

Auf verbesserte Luftreinhaltung, die weit über das Thema Diesel hinausgeht, setzt man auch mit einem Partikelfilter beim Benziner oder der iDisc – einer von Bosch entwickelten Bremsscheibe, die mit einer speziellen Beschichtung deutlich weniger Bremsstaub und damit weniger Feinstaub erzeugt.

Aufs Tempo drückt Bosch auch bei der Elektromobilität . Mit Komponenten für den Verbrennungsmotor sei man die Nummer eins am Markt und wolle das auch bleiben. „Diese Position streben wir auch als Zulieferer für Elektromobilität an“, sagt Denner. Dafür hat der Konzern bereits mehr als 30 Serienprojekte realisiert. 2016 hat man allein in China, dem größten Elektroautomarkt der Welt, elf Aufträge gewonnen. „Es ist das Ziel unserer Entwicklung, den elektrischen Antrieb tauglich für den Massenmarkt zu machen“, macht Denner klar. Schwerpunkt dabei sind Forschung und Entwicklung bei Batterien, deren Energiedichte Bosch bis 2020 gegenüber 2015 verdoppeln will. Die Entscheidung, ob der Stuttgarter Konzern in die Batteriezellenfertigung einsteigt, soll Ende 2017 fallen.

Was die Strategie angeht, fährt Bosch zweigleisig und will „den Verbrennungsmotor so umweltschonend, den Elektroantrieb so kostengünstig wie möglich machen“. Deshalb macht sich Denner auch stark für ein verlängertes Leben des Verbrennungsmotors mit synthetischen Kraftstoffen (E-Fuels), die von der Bundesregierung ab 2018 mit 180 Millionen Euro gefördert werden. Dem Übergang zur Elektromobilität trägt man auch damit Rechnung, dass ab Anfang 2018 die Benzin- und Dieselsysteme mit den elektrischen Antrieben im neuen Geschäftsbereich Powertrain Solutions mit 88 000 Mitarbeitern gebündelt werden.

Mehr als eine Milliarde Euro Umsatz mit Fahrerassistenzsystemen

Auch bei der Automatisierung des Fahrens kommt Bosch voran. 2016 hat der Konzern erstmals mehr als eine Milliarde Euro mit Fahrerassistenzsystemen umgesetzt und Aufträge über 3,5 Milliarden Euro erhalten. Mittlerweile beschäftigen sich 3000 Bosch-Entwickler mit dem automatisierten Fahren. Viel verspricht sich der Zulieferer hier auch von einer Entwicklungskooperation mit Daimler. Anfang des nächsten Jahrzehnts sollen Fahrzeuge in Städten vollkommen autonom fahren. Eine Schlüsselkomponente dafür ist der Bosch KI Autocomputer, quasi das Gehirn selbstfahrender Autos, das man gemeinsam mit dem US-amerikanischen Technologieunternehmen Nvidia baut. Mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) sollen Autos so schlau gemacht werden, dass sie das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer interpretieren und voraussagen können. Zudem arbeitet der Zulieferer mit Tom Tom sowie chinesischen Anbietern zusammen, um mithilfe von Radarsignalen eine hochgenaue digitale Karte erstellen zu können – das ist wesentlich fürs automatisierte Fahren.

eine Plattform für Mobilitätsdienste

Bereits 2018 startet die Bosch Automotive Cloud Suite, eine neue Plattform für Mobilitätsdienste wie Falschfahrerwarnung, vernetzte Parkplatzsuche oder eine Art rollender Butler, mit dem man gar Zugriff aufs vernetzte Haus hat. „Das Auto ist nicht nur zum Fahren da, es unterstützt den Fahrer wie ein persönlicher Assistent“, schwärmt Denner. Bis 2020 soll der weltweite Markt für vernetzte Mobilität um jährlich 25 Prozent wachsen. 250 Millionen Fahrzeuge werden dann weltweit vernetzt auf Straßen unterwegs sein. Der Bosch-Chef spricht gar von einer „rasanten technologischen Entwicklung, die zugleich Katalysator des Wandels bei Bosch ist“. Der Fortschritt des Internets der Dinge und der Künstlichen Intelligenz sei für nahezu alle Geschäftsfelder relevant. Bereits 2016 hat der Technologiekonzern 27 Millionen internetfähige Erzeugnisse verkauft. „Und es ist unser erklärtes Ziel, jedes neue elektronische Produkt zu vernetzen und daraus Services abzuleiten“, sagt Denner. Das weltweite Marktvolumen für das Internet der Dinge wird laut Bosch bis 2020 um jährlich 35 Prozent auf 250 Milliarden Dollar wachsen. Die vernetzte Welt lasse sich aber nicht im Alleingang erschließen, deshalb setzt Bosch verstärkt auf Partner.

Umsatzplus von zwölf Prozent im ersten Quartal 2017

Ob dieser Wandel Jobs kostet, dazu gibt es keine konkreten Aussagen, auch wenn von Restrukturierungsbedarf an einzelnen Standorten die Rede ist (etwa Rexroth oder Elektrowerkzeuge). Im ersten Quartal hat Bosch beim Umsatz um zwölf Prozent zugelegt, fürs Gesamtjahr rechnet man wegen globaler wirtschaftlicher Unsicherheiten mit drei bis fünf Prozent mehr, wobei sich das Ergebnis verbessern soll. 2016 haben hohe Vorleistungen auch Spuren in der Bilanz hinterlassen.

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